Berufsstart

Das macht das Virus mit unseren Auszubildenden

In Zeiten von Corona hält man auch auf dem Weg nach oben Abstand: BIA-Ausbildungsleiterin Anja Jaenecke mit Ex-Azubi und frischgebackener Fachkraft für Lagerlogistik Calvin Pickelein und dem angehenden Industriekaufmann Dominick Beede. Foto: Christian Beier
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In Zeiten von Corona hält man auch auf dem Weg nach oben Abstand: BIA-Ausbildungsleiterin Anja Jaenecke mit Ex-Azubi und frischgebackener Fachkraft für Lagerlogistik Calvin Pickelein und dem angehenden Industriekaufmann Dominick Beede.

Abschlussprüfungen, Bewerbungen und Ausbildungsstart in Zeiten von Corona.

Von Sven Schlickowey

Solingen. Im März kam das Virus – und das Leben änderte sich. Auch das von Calvin Pickelein, der zu dem Zeitpunkt gerade die letzten Monate seiner Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik beim Solinger Automobilzulieferer BIA absolvierte. „Auf einmal war quasi die komplette Struktur weg“, beschreibt er die Situation rückblickend. Um Ansteckungen zu vermeiden, schickte BIA seine Azubis für sechs Wochen nach Hause. Die Berufsschule fiel aus, Kurse zur Prüfungsvorbereitung ebenso. Und als die Arbeit wieder los ging, standen sie wegen der Kurzarbeit nur noch zu zweit statt zu acht im Lager, berichtet der 20-Jährige: „Schön war das nicht.“

Die Auswirkungen von Corona auf die Arbeitswelt sind umfangreich, das gilt selbstverständlich auch für die Ausbildung. „Das macht natürlich schon was mit den Auszubildenden“, sagt Anja Jaenecke, Ausbildungsleiterin bei BIA. Zumal das Virus die Ausbildungsbetriebe genauso unvorbereitet traf, wie alle anderen auch.

Fast alles, was die Ausbildung bei dem Automobilzulieferer ausmache, sei nicht mehr möglich gewesen, erinnert sich Jaenecke: „Das war alles plötzlich weg.“ Eine enge, persönliche Betreuung der Azubis, Kooperationen mit anderen Ausbildungspartnern. „Auch die Lehrwerkstatt der IHK machte von einem auf den anderen Tag zu, und die Azubis, die dort gerade in der Grundausbildung waren, standen plötzlich wieder hier.“ Dazu die Unsicherheit, ob und wie Prüfungen stattfinden sollen. „Die Auszubildenden waren in dieser Zeit viel stärker auf sich gestellt“, sagt Jaenecke.

Zumal sich die Ausbildungsleiterin nicht nur um die aktuellen Azubis kümmern musste, sondern auch um die zukünftigen. Denn die machten sich so ihre Gedanken, ob das Ausbildungsverhältnis in Corona-Zeiten überhaupt zustande kommt. „Die Frage hat zwar keine konkret gestellt“, sagt Jaenecke. „Aber aus der einen oder anderen Mail konnte man das schon rauslesen.“

So ging es auch Dominick Beede. „Man denkt schon mal daran, ob der Ausbildungsvertrag nicht widerrufen wird“, erinnert sich der 18-Jährige an diese Phase. Eine Sorge, die sich aber als unbegründet erwies: Mitte August startete er seine Ausbildung als Industriekaufmann bei BIA. Unter besonderen Bedingungen, wie er bald merkte: „Es sind schon überall weniger Leute“, sagte er. Aktuell werde er zum Beispiel in der Endprüfung eingesetzt: „Da sind in den Büros schon ein paar Plätze leer.“

Dass Corona langfristig Auswirkungen auf seine Ausbildung haben wird, glaubt Beede nicht: „Ich denke nicht, dass ich dadurch Defizite haben werde“, sagt er. Die Ausbildung sei noch lang: „In drei Jahren haben wir sicherlich wieder das normale Niveau erreicht.“

Ganz so gut kam Calvin Pickelein nicht weg, er musste seine Abschlussprüfungen mitten in der Corona-Hochphase ablegen. Die praktische Prüfung fand statt in einem echten Lager an einem Modell statt. Und an Prüfungsvorbereitungskurse war gar nicht zu denken. „Einen kleinen Nachteil werden wir schon gehabt haben“, sagt Pickelein. Eine Einschätzung, die Ausbildungsleiterin Jaenecke teilt: „Das hat sich sicherlich auf die Leistungen ausgewirkt.“

Bei Calvin Pickelein reichte es trotzdem für ein Drei als Abschlussnote. Und für eine unbefristete Übernahme durch seinen Ausbildungsbetrieb. Die eigenen Azubis langfristig ans Unternehmen zu binden, sei, trotz Corona, weiterhin erklärtes Ziel des Unternehmens, sagt Anja Jaenecke. Denn mit oder ohne Virus: Die Fachkräftesicherung bleibe einer der großen Herausforderungen für die bergische Wirtschaft.

„Corona hat den Bewerbungsprozess total gelähmt.“

Anja Jaenecke, Ausbildungsleiterin

Und wird durch das Virus weiter erschwert, wie Anja Jaenecke berichtet: „Corona hat den Bewerbungsprozess total gelähmt.“ Die Bewerberzahlen seien schon länger rückläufig, die Pandemie habe diesen Effekt noch einmal verstärkt. Auch weil Ausbildungsmessen, Schulbesuche und andere Infoveranstaltungen ausfallen mussten.

Und wenn sich mal jemand bewirbt, wird es auch nicht einfacher. „Hier gilt es auch für uns, noch den richtigen Weg zu einem kontaktloseren Bewerbungsprozess zu finden“, gibt Anja Jaenecke zu. Persönliche Gespräche, zumal in größerer Runde, seien schwierig. Betriebsführungen auch. Aber digitale Kontakte könnten das kaum ersetzen: „Nur per Skype einstellen, ist sicherlich für beide Seiten nicht gut.“

Hintergrund

Trotz Pandemie melden Agentur für Arbeit, IHK und Handwerkskammern noch zahlreiche freie Lehrstellen – auch für das Ausbildungsjahr, das bereits begonnen hat. Corona hat den Bewerbungsprozess verzögert. Zudem meinen viele Schulabgänger wegen der schlechten Konjunkturdaten offensichtlich, eine Bewerbung würde sich nicht lohnen. Auch BIA sucht aktuell noch Azubis zum Fachinformatiker und zum Fachlagerist.

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