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Extra für den Westen: China plant zweite Solar-Lieferkette ohne Zwangsarbeit

Eine Arbeiterin prüft in einer Fabrik in Haian in der ostchinesischen Provinz Jiangsu Photovoltaik-Module, die für kleine Solarzellen verwendet werden.
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Eine Arbeiterin prüft in einer Fabrik in Haian in der ostchinesischen Provinz Jiangsu Photovoltaik-Module, die für kleine Solarzellen verwendet werden.

Ohne Rohstoffe aus China kann die Energiewende kaum klappen. Das Problem: Die für Solarzellen benötigten Materialien stammen bisweilen aus Zwangsarbeit.

  • Bei der Solartechnik ist die Welt abhängig von Lieferungen aus China. Doch im Westen gibt es Debatten über Menschenrechtsverletzungen in der Lieferkette.
  • Darauf reagiert jetzt die Volksrepublik: Sie plant eigene „saubere“ Lieferketten für den Export. Der Westen bekäme Solartechnik mit gutem Gewissen, bliebe aber abhängig.
  • Dieser Text liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem China.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn China.Table am 1. Dezember 2022.

Peking – In der Debatte um die Abhängigkeit des Westens von China und um Zwangsarbeit in der Produktion von Solartechnik fährt die Volksrepublik jetzt eine Doppelstrategie: Das Land baut offenbar eine zweite Lieferkette auf, die frei von Polysilizium aus Xinjiang sein soll. Damit will Peking, das den globalen Markt bei der Solartechnik dominiert, drängende Fragen nach Menschenrechten beim Absatz seiner Produkte in Europa und den USA umgehen.

Einige chinesische Solar-Firmen stellen sich auf die Bedürfnisse des Westens ein und fertigen „Xinjiang-freie“ Produkte, sagt Johannes Bernreuter, Polysilizium-Experte von der Beratungsfirma Bernreuter Research. Die Produktionskette lasse sich „vom angelieferten Polysilizium bis zum fertigen Solarmodul nachverfolgen und dokumentieren“, so der Lieferketten-Experte. Auch Jenny Chase, Expertin des Thinktanks BloombergNEF bestätigt: Die Herkunft von Polysilizium, das nicht aus der problematischen Provinz Xinjiang komme, könne durch Zertifizierungsunternehmen nachverfolgt werden.

China: Intransparenz bei Solar-Ausgangsstoff

Somit könnten sich die Stoffströme einfach aufteilen: „Xinjiang-freie“ Produkte werden für den Export hergestellt. Solarmodule, deren Ausgangsstoff mit Zwangsarbeit hergestellt worden sein könnte, werden aufgrund der hohen inländischen Nachfrage weiterhin in China verbaut. Westliche Sanktionen und Boykotte von Polysilizium aus Xinjiang hätten somit kaum Effekte für die von Zwangsarbeit betroffenen Uiguren.

Die Entwicklung zeigt die enge gegenseitige Abhängigkeit zwischen China und vor allem den westlichen Industrieländern: Einerseits kommen drei Viertel aller Solarprodukte aus der Volksrepublik. Sie sind für die globale Energiewende und die Einhaltung der Klimaziele nötig. Andererseits steigt im Westen der Druck für mehr Unabhängigkeit von China und Lieferketten ohne Menschenrechtsverstöße – worauf wiederum China reagiert.

Ob diese doppelten Lieferketten bis ins letzte Detail realistisch sind, ist allerdings unklar. So sind etwa die Lieferketten beim metallurgischen Silizium intransparent, dem Ausgangsstoff für Polysilizium. Importeure können kaum sicherzustellen, dass es dafür keine Zwangsarbeit gibt. „Von den sieben chinesischen Polysilizium-Herstellern unter den weltweiten Top Ten beziehen sechs maßgebliche Mengen an metallurgischem Silizium aus Xinjiang“, sagt Bernreuter.

Chinas Hersteller produzieren in Vietnam und Malaysia

Schon jetzt umgehen chinesische Hersteller US-Importzölle und Menschenrechts-Regeln durch Verlagerung: Sie investieren stärker in Ländern wie Vietnam und Malaysia. Für die dortige Produktion kaufen erste Unternehmen Ausgangsstoffe nicht mehr in China, so Bernreuter. „Xinjiang-freie“ Lieferketten sind also möglich. Was bleibt, ist die Abhängigkeit von China: Denn im Konfliktfall könnten auch chinesische Unternehmen in Vietnam oder Malaysia damit drohen, ihre Exporte in den Westen einzustellen.

Die Bundesregierung steckt wie andere Industrieländer auch in einem Dilemma. Um die Klimaziele zu erreichen, will sie die Erneuerbaren massiv ausbauen. Gleichzeitig sollen die Abhängigkeiten von China verringern werden.

Doch China dominiert den Weltmarkt bei allen wichtigen Produktionsschritten. Die Volksrepublik hält einen Marktanteil (2021) von:

  • 75 Prozent bei Solarmodulen,
  • 85 Prozent bei Solarzellen,
  • 97 Prozent bei Solar-Wafern,
  • 97 Prozent bei Solar-Wafern.
Anteil chinesischer Unternehmen an der weltweiten Produktion von Solaranlagen.

Der Anteil könnte bei Polysilizium, Solar-Ingots (Blöcke aus Halbleiter-Material, aus denen die Wafer gesägt werden) und Wafern auf 95 Prozent wachsen, so der jüngste World Energy Outlook. Insgesamt macht China drei Viertel des Welthandels bei Solarprodukten aus. Bei den europäischen Importen zeigt sich dementsprechend ein deutliches Bild. 90 Prozent der EU-Importe bei Solarmodulen gehen auf China zurück. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben sich die Importe verdoppelt.

Europa kauft mehr Solarmodule aus China.

Auswärtiges Amt droht mit Importstopp

In einem kürzlich geleakten Entwurf der China-Strategie des Auswärtiges Amtes wird China als „Wettbewerber bei der grünen Transformation“ bezeichnet. Wegen der „starken bis beherrschenden Stellung“ Chinas etwa im Solarbereich könnten „einseitige Abhängigkeiten entstehen“, so der Entwurf. Man wolle diese „Abhängigkeiten (…) unter dem Aspekt der Risikominimierung verringern“. Das Auswärtige Amt ist wegen der Zwangsarbeits-Problematik „im EU-Rahmen auch bereit, Importstopps aus Regionen mit besonders massiven Menschenrechtsverletzungen zu unterstützen, wenn Lieferketten frei von Menschenrechtsverletzungen mit anderen Mitteln nicht sichergestellt werden können“, wie der Entwurf festhält.

Die USA sind da schon weiter. Sie haben bereits einen Importstopp verhängt und den „Uyghur Forced Labour Prevention Act“ verabschiedet. Das Gesetz dreht die Beweislast um:

  • Die USA gehen davon aus, dass alle Produkte aus Xinjiang unter Zwangsarbeit hergestellt wurden, wenn Unternehmen keine „eindeutigen und zwingenden Gegenbeweise“ vorlegen können.
  • Hunderte Solar-Importe aus China mit einer Kapazität von drei GW wurden infolge des Gesetzes an den US-Grenzen gestoppt.

Bis Jahresende könnten US-Solar-Importe mit einer Kapazität von bis zwölf Gigawatt betroffen sein. Doch laut Jenny Chase vom Think-Tank BloombergNEF werde das den Solar-Ausbau in den USA „nicht stark bremsen“. Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck hat die Brisanz der Entwicklung offenbar erkannt. Er will die Massenfertigung von Solarmodulen und Windkraftanlagen in der EU mit einer Europäischen Plattform für Transformationstechnologien fördern.

Dieser Artikel erschien am 1. Dezember 2022 im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht er nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.

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