Interview mit Kommunikationswissenschaftlerin Cordula Nitsch

TV-Konsum prägt Weltsicht: Wer viel Gewalt sieht, wird ängstlicher

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TV-Konsum prägt Weltsicht: Wer viel Gewalt sieht, wird ängstlicher (Symbolfoto).

"Tatort" - Immer wieder sonntags wird in einer deutschen Stadt zur besten Sendezeit ein Mensch ermordet. Was macht diese Gewalt im Fernsehen mit uns?

Hannover - Doch nicht nur der „Tatort“ und Actionfilme bringen routiniert Gewalt ins Wohnzimmer, auch sogenannte True-Crime-Formate erzählen Geschichten von Brutalität – und handeln dabei sogar von realen Verbrechen.

Was macht das mit uns? Kann die Gewalt im Fernsehen unsere Wahrnehmung der Realität beeinflussen? HNA-Redakteur Maximilian Beer* sprach darüber mit der Kommunikationswissenschaftlerin Cordula Nitsch.

Realitätsvorstellung wird beeinflusst

Frau Nitsch, was ist gemeint, wenn von Kultivierung durchs Fernsehen die Rede ist?

Cordula Nitsch:Es bedeutet, dass das Fernsehen etwas mit unseren Vorstellungen von der Wirklichkeit macht. Die Forschung dazu begann Ende der 1960er in den USA, wo man sich Sorgen um das gewalthaltige TV-Programm gemacht hat. Der Wissenschaftler George Gerbner hat daraufhin sowohl Personen befragt, die viel fernsehen, als auch solche, die wenig fernsehen. So konnte er etwa zeigen, dass die Vielseher das Risiko, Opfer einer Gewalttat zu werden, deutlich höher einschätzen als die Wenigseher. Der Einfluss des Fernsehens auf die Realitätsvorstellungen der Zuschauer wurde durch unzählige weitere Studien bestätigt.

Wie steht es dabei um Einflüsse auf das eigene Handeln? Sind demnach Menschen, die oft mit Gewalt im Fernsehen konfrontiert sind, gewalttätiger als solche, die seltener Gewalt im TV sehen?

Nitsch: Nein, hier geht es allein um unsere Vorstellungen von Realität. So etwas mag zwar in Einzelfällen passieren, ist dann aber zum Beispiel auch abhängig vom sozialen Umfeld. Etwa davon, ob man im realen Leben selbst häufig Gewalt ausgesetzt ist.

Man wird also im schlimmsten Fall ängstlicher.

Nitsch: Das kann man definitiv so sagen. Wer oft Gewalt im Fernsehen sieht, überträgt dies auf die Realität und fürchtet sich vielleicht eher davor, abends alleine im Dunkeln rauszugehen.

Nachrichtensendungen und auch Zeitungen wird nachgesagt, dass sie eher über negative Ereignisse als über positive berichten. Ist der Ansatz darauf übertragbar?

Nitsch: Selbstverständlich. Wenn man etwa die „Tagesschau“ sieht, bekommt man schnell den Eindruck, dass es mit der Welt bergab geht. Die Kultivierungsforschung unterscheidet hier nicht zwischen fiktionalen und nicht-fiktionalen Inhalten.

"Bauer sucht Frau" - Forschung zur Sendung

Dass die Reality-Show „Bauer sucht Frau“ von Gewalt geprägt ist, kann man nicht sagen. Sie haben trotzdem dazu geforscht. Was kam dabei heraus?

Nitsch: „Bauer sucht Frau“ zeigt kein repräsentatives Bild der deutschen Landwirtschaft. Der Fokus liegt auf kleineren Höfen, meist Familienbetrieben, und spart die hoch technisierte Landwirtschaft weitestgehend aus. Befragungen von Zuschauern von „Bauer sucht Frau“ zeigen, dass diese im Vergleich zu Personen, die „Bauer sucht Frau“ nicht schauen, beispielsweise den Anteil an Büroarbeit in diesem Beruf und die Anzahl der Arbeitskräfte auf einem Hof deutlich stärker unterschätzen und den Beruf des Landwirts als eher altmodisch wahrnehmen.

Eine andere Ihrer Studien dreht sich um Castingshows.

Nitsch: Dabei ging es um Formate wie „Deutschland sucht den Superstar“ und „Germany’s next Topmodel“. Wir haben Schüler aus sechsten Klassen befragt und haben sie in Vielseher und Wenigseher von Castingshows unterteilt. Die Auswertung hat gezeigt, dass die Vielseher die Anzahl hauptberuflicher Models und Sänger signifikant höher einschätzen. Auch haben sie ein wesentlich positiveres Bild von diesen Berufen und geben deutlich häufiger an, selbst Model oder Sänger werden zu wollen.

Können Sie das als Kommunikationswissenschaftlerin bewerten?

Nitsch:Ich kann es vor dem Hintergrund bewerten, dass die Berufswelt nicht repräsentativ im TV abgebildet wird. Das zeigen auch Studien. Klassische Arbeiterberufe kommen nahezu gar nicht vor. Stark überrepräsentiert sind hingegen Berufe wie Polizist und Richter, aber auch Arzt. Hinzu kommt, dass deren Alltage wesentlich spannender und abwechslungsreicher dargestellt werden, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Beim Beruf des Journalisten sieht man das übrigens auch. Und für die Berufsvorstellungen von Kinder kann das natürlich prägend sein.

Zur Person: Cordula Nitsch

Cordula Nitsch, 42, lehrt Kommunikationswissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie forscht vorrangig zu Medieninhalten und Medienwirkungen mit Schwerpunkt auf Politikvermittlung durch unterhaltende Medienangebote und mediale Berufsdarstellungen.

Von Maximilian Beer, HNA

*HNA.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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