Emotionale Achterbahn

Kinofilm der Woche: "Hirngespinster"

Christian Bachs Familiendrama „Hirngespinster“ glänzt durch die Darsteller Jonas Nay und Tobias Moretti und zeichnet ein markantes Bild der Schizophrenie.

Für sein Spielfilmdebüt wagte sich Christoph Bach an ein schwieriges Thema: Schizophrenie. Da denkt man sofort an erdenschwere Problemfilme, doch der solide inszenierte „Hirngespinster“ ist bemerkenswert anders und bricht mit den tradierten Mustern. Entgegen bisherigen, thematisch ähnlich gelagerten Produktionen steht bei Bach nämlich nicht der Patient mit seiner Diagnose und seinem Krankheitsbild im Mittelpunkt, sondern das Umfeld.

Während der Vater Hans (Tobias Moretti) sich von einer psychotischen Phase in die nächste katapultiert, mal wie ein Rumpelstilzchen tobt, mal völlig normal am Esstisch sitzt, leidet seine Familie unter dieser Nerven aufreibenden emotionalen Achterbahn. Die Dramaturgie von „Hirngespinster“ erscheint zwar mitunter recht schematisch. Doch ergibt sich ein einprägsames, markant herausgearbeitetes Bild der Krankheit des Vaters, dessen schizophrene Schübe nicht nur Ärger mit den Nachbarn oder der Polizei auslösen, sondern vor allem innerhalb der Familie für immer stärkere Überforderung sorgen – und außerhalb für eine zunehmende Stigmatisierung. Denn mit diesen Leuten möchte man so wenig wie möglich zu tun haben. Besonders der 22-jährige Simon (Jonas Nay aus „Homevideo“) fühlt sich wie in einem Irrenhaus. Nay spielt den zwischen Wut auf und Liebe zum Vater zerrissenen Burschen großartig intensiv und in jeder Sekunde überzeugend.

Vor Energie, Zorn oder Verzweiflung vibrierender Mittelpunkt des gesamten Films ist aber zweifellos Tobias Moretti. Er überzeugt in den schizophrenen Schüben ebenso wie in jenen Momenten, in denen er als ehemaliger Stararchitekt sein Leben wieder in den Griff bekommen will, was zunehmend seltener gelingt. Sein Spiel hat wenig mit dem von Daniel Brühl in „Das weiße Rauschen“ gemein, auch wenn es sich um dieselbe Krankheit handelt. Dieser Hans ist noch energetischer, sprunghafter. Die Unberechenbarkeit der Figur bestimmt und trägt den Film. Da wurde der Bayerische Filmpreis (an Moretti als bester Darsteller und Nay als bester Nachwuchsdarsteller) mal an die Richtigen verliehen.

Ulrike Frick

Rubriklistenbild: © Movienet/Christian Hartmann

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