TV-Kritik

„Afghanistan“ (Arte) – Der vierzigjährige Krieg hat tiefe Wunden hinterlassen

Ein Taliban-Kämpfer bewacht den Eingang eines Dorfes südöstlich von Kabul im Jahr 1995. 
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Ein Taliban-Kämpfer bewacht den Eingang eines Dorfes südöstlich von Kabul im Jahr 1995. 

Die vierteilige Dokumentationsreihe „Afghanistan. Das verwundete Land“ zeichnet das Leiden des Landes infolge der Einmischung von Großmächten nach.

  • Seit 40 Jahren ist Afghanistan von bewaffneten Konflikten geprägt. 
  • Auch Stellvertreterkriege wurden in dem Land geführt.
  • Dieser Geschichte widmet sich die Dokumentation „Afghanistan. Das verwundete Land“ auf Arte.

Was ist da schiefgelaufen? Am Anfang ist Afghanistan ein märchenhaft schönes Land, umgeben von mächtigen Nationen, aber friedlich und lebendig, regiert von Mohammed Zahir Schah im Rahmen einer oligarchisch geprägten konstitutionellen Monarchie. Frauen in Kabul tragen keine Schleier, Hippies ziehen durchs Land und staunen und rauchen. 1972 wird sogar eine Miss Afghanistan gewählt. Dann übernimmt die Kommunistische Partei die Macht, der König geht ins Exil, die Mullahs rufen den Dschihad aus, sowjetische Truppen besetzen das Land. Damit beginnt die Katastrophe, die bis heute andauert.

„Afghanistan“ (Arte): Geschichte der Einmischung 

Die Geschichte dieses Landes während der vergangenen fünf Jahrzehnte ist kompliziert. Am ehesten lässt sie sich als Sequenz kriegerischer und bürgerkriegerischer Auseinandersetzungen charakterisieren, als Geschichte der rücksichtslos gewaltförmigen Einmischungen ausländischer Mächte, der Abwehrkämpfe vormoderner Landbewohner mit modernen Waffen in Guerilla-Manier, finanziell und militärisch gefördert von anderen ausländischen Mächten. Eine überaus verwirrende Geschichte, sodass man fast erstaunt ist, dass im Rahmen dieser vierteiligen Dokumentation durchaus mehrfach die gleichen Personen auftauchen und ihre Versionen der Geschichte liefern.

Merkwürdig: Das Land ist in all den Jahrzehnten dasselbe Afghanistan geblieben, das es am Anfang war. Nur haben sich die Berglandschaften verwandelt in Schlachtfelder, Schauplätze von Guerilla-Attacken, Schrottplätze für zerstörte, ausgebrannte militärische und zivile Fahrzeuge, Rückzugsgebiete für irreguläre Truppen mit langen Bärten, und aus den Städten sind zerstörte Ruinenlandschaften geworden, in denen Menschen unter unglaublichen Bedingungen zu leben gezwungen sind.

„Afghanistan“ (Arte): Stellvertreterkriege in einem zerstörten Land 

Dazu hat natürlich nicht ein Krieg, ein fremder Einmarsch gereicht, es war mehr nötig – vor allem die Verwandlung militärischer Auseinandersetzungen in Stellvertreterkriege. Es war der chronische Sicherheitsberater etlicher US-Regierungen – nicht nur Carters, sondern auch Ronald Reagans und der beiden Bushs – Zbigniew Brzezinski (den die Satirezeitschrift Titanic schon 1980 für ein Sicherheitsrisiko hielt, weil die Bomberflotte längst abgeflogen sei, bis der seinen Namen am Roten Telefon buchstabiert habe), der die Idee hatte, den Sowjets in Afghanistan „ein Vietnam“, also ein militärisches und politisches Desaster zu bereiten.

So unterstützten die Amerikaner die Mudjaheddin, die sie einige Jahre später selbst bekämpften, und so weiter und so weiter.

„Afghanistan“ (Arte): Eine Katastrophe jagt die nächste 

Die auswärtigen Einmischungen hatten stets zwei Arten von Problemen zur Folge: Erstens wurden immer wieder Afghanen und afghanische Interessengruppen in Auseinandersetzungen einbezogen, die nicht primär ihre waren. Und zweitens wussten und verstanden die Invasoren von dem, was im Lande vor sich ging, nichts und waren auch nicht interessiert daran. So entstand aus einer Intervention die nächste Katastrophe, die dezentrale Machtübernahme sich bekämpfender regionaler Kriegsherren, die zunehmende Einflussnahme arabischer Geldgeber und Islamisten, die Nutzung Afghanistans als militärische Basis der Al Kaida.

Sodass letztlich der Dauerkonflikt in Afghanistan ein Krisen- und Terror-Szenario zur Folge hatte, das globale Ausmaße bekam und in das ausländische Machthaber, vor allem US-amerikanische Präsidenten, ahnungslos hineinstolperten wie dumme Bengel in eine Kirmesschlägerei. War der Angriff auf die Twin Towers vom 11. September 2001 also eine Spätfolge der amerikanischen Strategie gegen die Sowjets? Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

„Afghanistan“ (Arte): Deprimierend und ausweglos

Die Dokumentationsreihe präsentiert einen manchmal verwirrenden Reichtum an Material, Personen, Ereignissen und wird der komplexen Geschichte des Landes während der vergangenen fünf Jahrzehnte gerecht. Das alles wirkt deprimierend ausweglos, und gerechter Zorn über die Parolen brüllenden, autoritären bärtigen Dumpfköpfe, die so gern mit Kalaschnikows in die Luft ballern, ist unterkomplex. In Erinnerung aber bleiben vor allem die Bilder aus den idyllischen 1960-er und 1970-er Jahren in ihrer verheerenden Kontrastwirkung zu dem, was seither geschehen ist und die Welt immer noch in Atem hält.

Von Hans-Jürgen Linke

„Afghanistan“, Arte, Dienstag, 7. April, von 20.15 Uhr an. Auch unter: arte +7

Die Corona-Krise hat auch die Talkshows fest im Griff. Auf der einen Seite die Ungeduldigen, auf der anderen die Warner - und die Erkenntnis: Corona wird Thema bleiben.

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