WM 2018 biegt auf Zielgerade ein

Europäer im Halbfinale unter sich: Wir analysieren die vier Titelkandidaten

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Das Objekt der Begierde: Der Weltmeister bekommt den goldenen Pokal überreicht.

Die letzte Woche der WM beginnt und vier Teams machen sich noch Hoffnung auf den Titel in Russland. Wir nehmen die Halbfinalisten unter die Lupe.

München - Seit Samstagabend steht fest: Was als WM begann, geht als EM zu Ende. Frankreich gegen Belgien am Dienstag in St. Petersburg sowie England gegen Kroatien am Mittwoch in Moskau lauten die Halbfinal-Paarungen. Zum fünften Mal nach 1934, 1966, 1982 und 2006 stehen unter den letzten vier ausschließlich europäische Teams. Außerdem haben bei der 21. WM-Auflage erstmals weder Deutschland, noch Brasilien noch Argentinien das Halbfinale erreicht. Alle drei schieden in der Arena von Kasan aus, der Hauptstadt der Republik Tatars­tan. Apropos Historisch: Frankreich (1998) und England (1966) sind die einzig verbliebenen Weltmeister im Turnier.

Doch wer wird am 15. Juli in Moskau den World Cup in die Höhe stemmen können? Die tz wirft einen Blick auf die vier Halbfinalisten und zeigt, was für Frankreich, Belgien, England und Kroatien spricht. Und wir zeigen, dass Fußballspiele bei Weltmeisterschaften eben immer noch hoch(gesellschafts-)politische Veranstaltungen sind.

Was für Frankreich spricht

FIFA-Weltrangliste: 7.
Kader-Marktwert: 1,08 Milliarden Euro.
Durchschnittsalter: 26,1 Jahre.

„Liberté, Égalité, Mbappé“ - dieses in Frankreich vertriebene T-Shirt bringt es vor dem Halbfinale gegen Belgien auf den Punkt. Mit ­Kylian Mbappe haben die Franzosen die im wahrsten Sinne des Wortes unaufhaltsamste Waffe des Turniers. Als er gegen Argentinien im Achtelfinale nach einem Sprint einen Elfmeter herausholte, wurde sein Topspeed mit 38 km/h gemessen. Zum Vergleich: Usain Bolt brachte es bei seinem 100-m-Weltrekord auf eine Höchstgeschwindigkeit von 44,72 km/h - war also gar nicht so viel schneller. Im Viertelfinale gegen Uruguay (2:0) ging es sogar ohne Mbappé. Ein Standardtor durch Raphaël Varane und ein Torwartfehler-Duseltreffer durch Antoine Griezmann reichten.

„Wir wissen, dass wir eine gute Mannschaft sind“, meinte Corentin Tolisso. Der Bayern-Spieler kam nach dem Uruguay-Sieg als erster aus der Kabine, frisch gestylt, lächelnd, redselig. „Der Unterschied zwischen einer guten und einer großen Mannschaft sind Spiele wie ein Halbfinale und ein Finale. Wir wollen eine große Mannschaft sein.“ Frankreich ist in seiner Version von 2018 das, was Deutschland einmal war - eine Turniermannschaft. In der Vorrunde nicht immer brillant, im Achtelfinale gegen Argentinien (4:3) furios, gegen Uruguay abgezockt. „Wir gewinnen immer mehr Vertrauen in unser Spiel. Wir haben gezeigt, dass wir jedem weh tun können“, sagte Griezmann.

Vor vier Jahren scheiterte Frankreich im WM-Viertelfinale an Deutschland - Varane konnte damals im direkten Duell das Tor von Mats Hummels nicht verhindern - seitdem verfolgte ihn diese Szene. Jetzt sagt er: „2014 ist Vergangenheit.“

Und Frankreich noch nicht am Ende des Weges…

Frankreichs Stars: Antoine Griezmann (l.) und Kylian Mbappe.

Was noch zu sagen wäre

1998 stürmte Frankreich im eigenen Land zum WM-Titel - angeführt von Zinedine Zidane, Marcel ­Desailly, Fabien Barthez, Laurent Blanc und natürlich Kapitän Didier ­Deschamps. Der ist heute bekanntlich Trainer der Equipe tricolore und weiß um den schmalen Grat zwischen Selbstbewusstsein und Überheblichkeit bei der Equipe tricolore. „Wir waren vielleicht nicht die Besten, aber wir sind immer weitergekommen“, sagte Deschamps nach dem Halbfinal-Einzug. „Wir sind immer gewachsen. Das ist sehr gut für uns.“

Staatschef Emmanuel Macron hat sich für die Partie angekündigt. Die Grande Nation (66,6 Millionen Einwohner) freut sich auf das Duell mit den kleinen Nachbarn (11,322 Millionen Einwohner). „Glücklich, euch wiederzusehen“, schrieb Frankreichs Sportblatt L’Équipe und stellte fest: „Wir mögen uns.“

Im wallonischen Teil Belgiens wird übrigens Französisch gesprochen, beide Länder teilen sich auch eine traditionelle Liebe zu Pasteten, Pralinen und Schokolade. Und irgendwie ist der belgische Halbfinaleinzug auch ein französischer Erfolg: Denn Co-Trainer der Roten Teufel ist Thierry Henry - 1998 Weltmeister mit Frankreich…

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Was für Belgien spricht

FIFA-Weltrangliste: 3.
Kader-Marktwert: 754 Millionen Euro.
Durchschnittsalter: 27,7 Jahre.

Immer mal wieder wurde Belgien als Geheimfavorit bei großen Turnieren gehandelt. Das 2:1 im Viertelfinale gegen Brasilien bewies a), dass die Mannschaft reif genug ist, diesem Druck standzuhalten und b), dass sie mit Romelu Lukaku, Eden Hazard, Kevin De Bruyne und Dries Mertens die vielleicht ausbalancierteste Offensive des Turniers hat. „Ich stelle sicher, dass die Mannschaft in schwierigen Situationen die Ruhe bewahrt, dass wir nicht zu viele Risiken eingehen“, sagt De Bruyne. „Manchmal agieren wir zu schnell. Ich versuche, das Team zu managen - auf jede Art und Weise, die ich kann.“

Die defensive Dreierkette mit Abwehrchef Vincent Kompany, Jan Vertonghen und Toby Alderweireld ist groß, aber nicht mehr ganz so schnell zu Fuß unterwegs. Doch Belgiens spanischer Trainer Roberto Martinez ist ein Fuchs und flexibel. Als gegen Brasilien in Halbzeit zwei zehn Minuten lang Defensiv-Chaos herrschte, stellte er von Dreier- auf Viererkette um und brachte so die Ordnung zurück ins belgische Spiel. „Wir werden einen Plan finden, um Mbappé zu stoppen“, so Vertongen.

Nach einer kurzen Nacht und einem Regenerationstag mit Radtour begann die Vorbereitung auf die nächste WM-Prüfung. „So eine Chance erlebst du nur einmal, wenn überhaupt“, stellte De Bruyne fest. „Natürlich wollen alle ins Finale, in das Spiel, das die ganze Welt schaut.“ Ein Großteil der Mannschaft war bereits bei den Viertelfinal-K.o.s 2014 (WM) und 2016 (EM) dabei. Vertonghen: „Wir reden immer über die Goldene Generation, aber zuletzt war es zweimal nur das Viertelfinale. Halbfinale klingt besser.“

Belgiens Bester: Kevin De Bruyne.

Was noch zu sagen wäre

„Wir sind auf demselben Niveau“, meinte De Bruyne mit Blick auf Frankreich. „Der Unterschied ist minimal.“ Und De Standaard schrieb: „Wer Brasilien schlägt, braucht vor niemandem mehr Angst zu haben.“ Bestes WM-Ergebnis der Belgier war Platz vier (1986 mit Bayern-Spieler Jean-Marie Pfaff im Tor). Ansonsten scheiterten die Red Devils zumeist sehr früh.

„Alle Enttäuschungen der Vergangenheit sind vergessen und vergeben“ schrieb La Derniere Heure nach dem durchaus historischen Sieg im Viertelfinale gegen Brasilien.

Die Franzosen mögen übrigens durchaus liebevoll in ihr Nachbarland blicken, aber in Belgien weiß man, dass die Welt dieses Land als kleine - aber irgendwie auch häßliche - Schwester der Grande Nation betrachtet. Die Mannschaft zeige „der Welt, und vielleicht sogar mehr noch ihren Landsleuten, dass der Erfolg etwas Mögliches ist - eine Ambition die, trotz der Größe, trotz der Bescheidenheit oder Demut, ein kleines Land haben kann“, schwärmte die Zeitung L’Echo.

„Das ist eine echte Mannschaft, die wirklich etwas erreichen will“, lobte Trainer Martinez. „Jeder in Belgien hat realisiert, dass diese Generation etwas Besonderes ist. Sie haben sie stolz gemacht.“ Unter ihm ist Belgien übrigens 24 Spiele ungeschlagen. Werden es 26, ist Belgien Weltmeister…

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Was für England spricht

FIFA-Weltrangliste: 12.
Kader-Marktwert: 874 Millionen Euro.
Durchschnittsalter: 26,1 Jahre.

England kann - zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft - Elfmeterschießen. Das bewiesen die Three Lions im Achtelfinale gegen Kolumbien. Und sie haben zum dritten Mal nach 1966 (Gordon Banks/Weltmeister) und 1990 (Peter Shilton/WM-Halbfinale) wieder einen Torwart, der nicht nur wenige Fehler macht, sondern - wie beim 2:0-Sieg gegen Schweden im Viertelfinale - auch mal ein paar schwierige Bälle hält. Jordan Pickford (Everton).

Der 24-Jährige sei „der Prototyp“ eines modernen Torwarts, sagt Nationaltrainer Gareth Southgate. Mit 1,85 Metern ist Pickford für einen Torwart nicht groß, aber sehr beweglich. „Ohne einen herausragenden Keeper kann man nicht Weltmeister werden. England hat ihn mit Jordan Pickford, was vor diesem Turnier nicht so viele wussten“, sagt Bayern-Trainer Niko Kovac.

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Und: England kann Standards: Acht der zehn Tore der Three Lions fielen nach ruhenden Bällen. So auch das 1:0 gegen Schweden durch den hünenhaften Verteidiger Harry Maguire. Southgate lässt Standards und Elfmeter trainieren - auch vor dem Viertelfinale gegen Kroatien.

„Das Team, das immer mehr zu einem Objekt von Zynismus und Apathie geworden war, hat die Herzen des ganzen Landes zurückerobert“, schrieb die Daily Mail nach dem Halbfinal-Einzug. Und Prinz William twitterte: „Ihr wolltet Geschichte schreiben, und ihr habt es bereits getan. Ihr spielt eine unglaubliche WM, und wir genießen jede Minute. Ihr verdient diesen Moment - Football’s Coming Home!“ Zwei Siege noch - und er ist da…

Englands Nummer eins: Jordan Pickford.

Was noch zu sagen wäre

„Wie in Deutschland hat die WM auch in England eine Debatte über nationale Identität ausgelöst. Anders als hierzulande ist die Debatte dort voller Hoffnung“, schrieb die Zeit. „Wir haben die Chance, etwas Größeres als uns zu beeinflussen“, so South­gate. „Mit unserer Vielfalt und unserer Jugend vertreten wir das moderne England. In England waren wir zuletzt ziemlich verloren, was unsere moderne Identität angeht. Wir können diese moderne Identität vertreten, und hoffentlich können sich die Leute mit uns identifizieren.“

Apropos Helden: Vor dem Viertelfinale schrieb Zlatan ­Ibrahimovic auf Twitter: „Yo, David Beckham, wenn England gewinnt, gebe ich dir ein Abendessen, wo auch immer aus, aber wenn Schweden gewinnt, kaufst du mir bei Ikea, was auch immer ich will, okay?“ Beckham antwortete prompt: „Wenn Schweden gewinnt, bringe ich dich persönlich zu Ikea und kaufe dir, was immer du willst für deine neue Villa in Los Angeles. Und wenn England gewinnt, möchte ich, dass du zu einem England-Spiel ins Wembley-Stadion kommst, ein England-Trikot trägst und in der Halbzeit Fisch und Chips isst…“

Was für Kroatien spricht

FIFA-Weltrangliste: 20.
Kader-Marktwert: 364 Millionen Euro.
Durchschnittsalter: 28 Jahre.

Kapitän Luka Modric war zwölf Jahre alt, als Kroatien schon einmal Fußball-Geschichte schrieb. Drei Jahre nach Kriegsende kamen Davor Suker & Co. unter die letzten vier einer WM und sorgten so für neue Hoffnung im Land. „Es macht uns extrem stolz, dass wir es nach 20 Jahren wieder ins Halbfinale geschafft haben“, sagte Modric nach dem 4:3-Sieg im Elfmeterschießen gegen Gastgeber Russland.

Der dritte Platz bei der WM in 1998 Frankreich motivierte viele der heutigen Stars zu großen Karrieren. „Hoffentlich gehen wir noch einen Schritt weiter als damals. Wir haben alles, was es dazu braucht“, sagte Modric (32) mit Blick auf das England-Halbfinale. Der Weltklasse-Spielmacher von Real Madrid bildet zusammen mit Ivan Rakitic (30/FC Barcelona) das Kontrollzentrum im kroatischen Team.

Die beiden sind es von ihren Klubs gewohnt, Spiele auf allerhöchstem Niveau und unter allerhöchster Anspannung zu gewinnen. Der Beleg: Sowohl im Achtel- als auch im Viertelfinale behielten die Kroaten im Elfmeterschießen die Nerven. Modric und Rakitic sind Anführer einer Generation, „für die es die letzte Chance war“, in ein WM-Halbfinale einzuziehen, sagte Kroatiens Co-Trainer Ivica Olic, der frühere Stürmer vom FC Bayern und vom TSV 1860.

„All unsere Spieler hatten lange Saisons“, sagte Trainer Zlatko Dalic und dürfte dabei vor allem an seinen Spielmacher Modric gedacht haben, dessen Spielzeit zum dritten Mal in Serie bis zum Finale in der Königsklasse angedauert hatte. „In den nächsten drei, vier Tagen müssen wir uns erholen.“ Der 51-jährige Chefcoach beruhigte aber auch die Fans: „Natürlich ist noch Kraft da für die Engländer.“

Kroatiens Kapitän: Luka Modric.

Was noch zu sagen wäre

Dass sich Staats- und Regierungschefs im Glanze von Fußballmannschaften sonnen, ist ja durchaus üblich. Kroatiens Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic war beim Viertelfinale in Sotschi auf der Tribüne dabei - im Nationaltrikot. „Ich wollte zeigen, dass ich ein Fußball-Fan wie jeder andere auch bin. Ich wollte das Team unterstützen, wie es die anderen Fans tun. In der VIP-Arena wäre ein solches Outfit nicht genehmigt gewesen”, erklärte die Politikerin, die zunächst im normalen Fan-Block stand. Später ging’s für Grabar-Kitarovic auf die VIP-Plätze, dort stand sie neben Verbandsboss Suker, FIFA-Präsident Gianni Infantino und Russlands Premierminister Dmitry Medvedev.

Apropos Politik: Kroatiens Abwehrspieler Domagoj Vida sorgte nach dem Sieg gegen Russland für Wirbel. In einem Video jubelte der Torschütze: „Ehre für die Ukraine!“ Sein Kollege Ognjen Vukojevic ergänzte: „Das ist ein Sieg für Dynamo und für die Ukraine.“ Vida, der bis Ende 2017 für Dynamo Kiew spielte, betonte später, es handle sich bei dem Video um einen Witz: „Das hat gar nichts mit Politik zu tun.“ Seit 2014 starben im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine 10.000 Menschen.

Bei tz.de* erfahren Sie, wie Sie live im TV und im Live-Stream das Spiel Kroatien gegen England sehen können.

Bernd Brudermanns

*tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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