Mein Leben als Papa

Zwischen Vergangenheit und Zukunft: Hannes entdeckt die Zeit

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Ein Blick auf Hannes’ Wochenplaner: keine Termine, aber viel Zeit.

ST-Redakteur Gunnar Freudenberg erzählt vom Alltag mit seinen Söhnen Hannes (5) und Michel (2).

Michel lebt im Hier und Jetzt. Gegenwartsorientiert, heißt der Fachbegriff in der Psychologie. Er denkt weder an die Zukunft noch an die Vergangenheit. Und ich denke nie daran, dass Michel das nicht tut. „Heute Nachmittag könnt ihr noch ein Eis essen“, verspreche ich den Jungs nach dem Mittagessen. Bei Michel kommt nur „Eis essen“ an. In seinem Gehirn ist noch kein Platz für zeitliche Dimensionen, in seinem Bauch aber noch Platz für ein Eis. Und zwar jetzt!

Hannes ist da schon ein paar Schritte weiter. Sein Zeitgefühl wird immer ausgeprägter. „Wann machst du Pause?“, fragt er mich täglich, seit ich im Homeoffice arbeite. Es ist noch nicht lange her, da konnte ich ihm mit „So in fünf Minuten“ antworten, und es war auch okay, wenn aus den fünf Minuten eine halbe Stunde wurde. Jetzt steht er nach spätestens sechs Minuten neben mir und fragt, wo ich denn bleibe. „Die fünf Minuten sind doch längst rum, Papa!“

Vertröste ich ihn mit einer seiner Ideen auf morgen, erinnert er mich direkt nach dem Aufwachen daran. „Du hast doch gestern versprochen, dass ich heute mit den Rollschuhen durchs Wohnzimmer fahren darf, Papa!“

Die Uhr kann Hannes auch schon ein bisschen lesen. Zumindest die vollen und halben Stunden. Meinem „Ab ins Bett, es ist schon spät!“ folgt ein Blick auf die Uhr: „Es ist doch noch nicht mal acht“, beschwichtigt Hannes. „Als ich so alt war wie du, hab ich um diese Uhrzeit längst geschlafen“, lüge ich.

Um neun Uhr ist Hannes zwar im Bett, aber längst noch nicht eingeschlafen. Er will noch viel mehr über den fünf Jahre alten Papa erfahren, der früher angeblich immer so früh ins Bett ging. Immer wieder muss ich ihm von meiner Zeit als Jugendfußballer erzählen. Wie ich mein erstes Tor erzielt habe – ich wurde angeschossen – oder wie ich als Torwart mal zwei Elfmeter in einem Spiel gehalten habe. Mittlerweile weiß ich selbst nicht mehr, welche meiner Heldengeschichten noch stimmen – und welche ich erfunden habe.

gunnar.freudenberg@b-boll.de

Im Gegensatz zu Michel denkt Hannes viel über die Zukunft und die Vergangenheit nach. Es fasziniert ihn total, dass es noch keine Smartphones gab, auf denen man die Fußballergebnisse nachschauen konnte, als Papa klein war. Oder dass bei Opa früher kein Fernseher im Wohnzimmer stand. Oder dass zu Uropas Zeiten längst noch nicht jede Familie ein Auto hatte. Und dass eine Solinger Fußballmannschaft mal in der Zweiten Liga spielte, kann er überhaupt nicht glauben.

Gegenüber Michel mimt Hannes den erfahrenen, großen Bruder. „Das Buch mochte ich früher auch, als ich noch klein war, Michel.“ Das „Als ich noch klein war“ liegt knapp zwei Jahre zurück. Viel weiter kann sich Hannes nicht zurückerinnern. Der Urlaub auf dem Bauernhof? Das erste Fest im Kindergarten? Die Anfangszeit mit Michel? „Das kenn ich alles nur noch von den Videos auf deinem Handy“, gibt Hannes zu.

Bleibt die Corona-Lage noch länger so angespannt, können sich die Jungs bald auch nicht mehr daran erinnern, dass Papa früher mal zum Arbeiten ins Büro gefahren ist. Oder dass es mal Zeiten gab, in denen auf Hannes’ Wochenplan nicht gähnende Leere herrschte. Bis es wieder so etwas wie Normalität gibt, versuche ich einfach, unsere gemeinsame Zeit so gut es geht zu nutzen. Wie heißt es doch: „Du wirst niemals auf dein Leben zurückblicken und denken: Ich habe zu viel Zeit mit meinen Kindern verbracht.“

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