Faktencheck

Zwischen Medienverantwortung und Meinungsfreiheit liegt ein schmaler Grat

Wir haben zwei Leserbriefe einem Faktencheck unterzogen.
+
Wir haben zwei Leserbriefe einem Faktencheck unterzogen.

Faktencheck: Wenn seriöse Informationen aus dem Zusammenhang gerissen werden.

Von Stefan M. Kob

Solingen. Über keine andere Frage ist die Gesellschaft so gespalten wie über das Thema Corona, seine Auswirkungen oder die Regierungsmaßnahmen bis hin zu einer Impfpflicht. Die Risse ziehen sich mit der vierten Welle quer durch alle Schichten – am Arbeitsplatz, im Freundeskreis, in der Familie. Die einen verlieren zunehmend die Geduld mit denjenigen, die sich einer Impfung aus immer schwieriger nachvollziehbaren Erwägungen heraus verweigern und dadurch sich und andere gefährden. Impfgegner und Querdenker werden dafür verantwortlich gemacht, dass wir aus der Spirale von Infektionswelle, Lockdown und neuer Mutante nicht mehr herauskommen.

Impfgegner behaupten das Gegenteil: Sie beurteilen die Gefahren einer Impfung schwerwiegender als die einer Erkrankung. Wahre Infektionstreiber sind in ihren Augen sorglose Geimpfte. Und sie sehen das Gesundheitssystem aufgrund unverantwortlicher Sparmaßnahmen und nicht wegen Covid-Erkrankungen überlastet.

Nicht immer handelt es sich um skurrile Fake-News

Als Beweise werden meist aus dem Internet bezogene „Fakten“ herangezogen, die selten einfach zu widerlegen sind. Nicht immer handelt es sich um skurrile Fake-News wie mit der Spritze implantierte Mikrochips. Öfter stammen die Behauptungen aus seriösen Quellen, werden aber in falsche Zusammenhänge gerückt und missinterpretiert. Versuche, dem mit sachlicher Information entgegenzusteuern, sind extrem aufwendig und meist wenig erfolgreich, weil sich die Fronten schon zu sehr verhärtet haben. Wenn die Fakten zu eindeutig gegen die eigene Überzeugung stehen, wird im Zweifel der Überbringer dieser Fakten diskreditiert, weil ein Zusammenhang mit Staatsfinanzierung oder – noch schlimmer – mit der Pharmaindustrie hergestellt wird.

Die Redaktion erreichen immer wieder Leserbriefe, die falsche oder in einen falschen Zusammenhang gerückte Behauptungen enthalten. Wenn es sich ohne jeden Zweifel um erfundene Internet-Gerüchte handelt (siehe Mikrochips), lehnt die Redaktion einen Abdruck ab. Was uns natürlich von dieser Seite den Vorwurf einbringt, entscheidende „Fakten“ zu unterdrücken. Meinungen, die auf schwerer zu überprüfenden Behauptungen basieren, finden dagegen durchaus den Weg in die Leserbriefspalten – auch wenn dann die vom Gegenteil überzeugte Seite den Vorwurf erhebt, das Tageblatt verunsichere durch das Verbreiten von Falschinformationen. Ein schmaler Grat und schwieriger Abwägungsprozess, bei dem man es nie allen recht machen kann.

Doch die Redaktion lässt sich grundsätzlich von dem Gedanken leiten, dass in einer offenen Diskussion von verschiedenen Standpunkten aus jeder und jede sich die eigene Meinung bilden kann. Um diesen täglichen schwierigen Abwägungsprozess und die Probleme transparent zu machen, die mit der Entscheidung für oder gegen eine Veröffentlichung oft verbunden sind, haben wir einmal zwei Leserbriefe exemplarisch für einige andere, die ähnliche Argumente aufführen, hier abgedruckt. Dazu haben wir die beiden Chefärzte des Klinikums und von Bethanien, Prof. Dr. Thomas Standl und Prof. Dr. Winfried Randerath, um Faktenchecks gebeten und diese dazugestellt. So wollen wir einen freien Diskurs der Meinungen ermöglichen, aber auf einer sachlichen und fachlich fundierten Basis.

Leserbrief: Das ist keine Pandemie der Ungeimpften

Seit Februar 2021 wurden 71 380 530 Tests durchgeführt, davon waren 4 564 728, also circa 6,4 Prozent positiv, wobei nur ein Bruchteil dieser 6,4 Prozent tatsächlich krank ist wegen der mangelnden Aussagekraft der Tests. In den Kalenderwochen 42 bis 45 dieses Jahres gab es in Deutschland 274 062 symptomatische Covid-19-Fälle (PCR-positiv), davon 11 .450 (42,5 Prozent) vollständig Geimpfte; im Krankenhaus wurden 11 310 Menschen behandelt, davon 4150 vollständig Geimpfte; wobei 1592 auf der Intensivstation betreut wurden, davon waren 474 vollständig geimpft. Es starben 1288 Menschen, davon 559 vollständig Geimpfte – siehe wöchentlicher Covid-19-Lagebericht vom 18. November. Es handelt sich also keineswegs um eine „Pandemie der Ungeimpften“, wie sogar die öffentlich verlautbarten Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums (dessen Robert-Koch-Institut ja keineswegs unabhängig ist) belegen. Warum also wird Hass auf Ungeimpfte geschürt? Braucht man wieder mal einen Sündenbock, um von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken? Peter Richartz, 42659 Solingen

Faktencheck: Anteil der Geimpften ist deutlich geringer

Prof. Dr. Winfried Randerath, Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien.

Die Rechnung täuscht. Der Anteil der Geimpften im Krankenhaus oder auf der Intensivstation ist wesentlich kleiner, als anhand des Anteiles der Geimpften in der Bevölkerung zu erwarten wäre. Es gibt ja inzwischen drei- bis viermal mehr Geimpfte als Ungeimpfte. Außerdem: Wir haben im Moment viel höhere Zahlen an Infektionen als im letzten Jahr. Würden anteilig zur Inzidenzzahl noch genauso viele im Krankenhaus oder auf der Intensivstation landen wie im letzten Jahr, dann wären schon jetzt alle Kapazitäten (mehrfach) aufgebraucht. Dieser Unterschied ist nur der Impfung zu verdanken. Leider gibt es eine nicht unerhebliche Zahl von Impfdurchbrüchen. Das hat auch mit den Ungeimpften zu tun, denn durch die stärkere Verbreitung über sie ist das Überwinden der Pandemie natürlich beeinträchtigt. Prof. Dr. Winfried Randerath, Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien

Leserbrief: Ausgrenzung von Ungeimpften ist ein Skandal

Die Situation ist unerträglich! Die Ausgrenzung von nicht Geimpften ist ein Skandal der Demokratie. Wie können wir ernsthaft gesunde, arbeitsfähige Menschen vom gesellschaftlichen Leben ausgrenzen? Die exorbitanten Inzidenzen werden nicht von den nicht Geimpften in die Höhe getrieben, sondern durch sorglos lebende Geimpfte. Was spricht gegen 1G? Wie kann die Bundesregierung seit November 2020 den Abbau von 4500 Intensivbetten zulassen? Der Weg zu einer entspannteren Corona-Lage ist nicht „alternativlos“! Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass wir einen offenen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs zulassen müssen, um die Menschen ins Boot zu holen. Die Medien stehen da sehr in der Pflicht in meinen Augen! Bettina Grego, 42697 Solingen

Faktencheck: Ungeimpfte treiben die Infektionsdynamik maßgeblich voran

Prof. Dr. med. Thomas Standl, Chefarzt des Städtisches Klinikums.

Maßgeblich sind es tatsächlich die Ungeimpften, die die Infektionsdynamik vorantreiben. Es ist wissenschaftlich belegt, dass die Ansteckungsgefahr unter geimpften Personen äußerst gering ist. Nach einer Studie der Humboldt-Universität Berlin ist in fast 90 Prozent der Infektionsfälle mindestens ein Ungeimpfter beteiligt. Und das, obwohl die Vergleichsgruppe der Nicht-Geimpften erheblich kleiner ist als die der geimpften Personen. Hinzu kommt, dass bei Geimpften, die sich infizieren, ein weitaus milderer Verlauf der Erkrankung zu erkennen ist. Die Viruslast bei Geimpften ist außerdem signifikant geringer als bei Ungeimpften. Hinzu kommt, dass sich diese im Durchschnitt bei Geimpften schneller reduziert.

Zu Jahresbeginn waren es 26 475 Betten, Ende Oktober waren 22 207 Intensivbetten betreibbar. Dies sind tatsächlich knapp 4000 Betten weniger als noch vor einem Jahr. Der Abbau ist aber mitnichten politisch gesteuert. Um mehr Betten betreiben zu können, fehlt schlichtweg das Fachpersonal. Hierbei handelt es sich um hochqualifiziertes Personal mit der Fachweiterbildung Intensivpflege. Die Krankenhäuser sind gesetzlich streng an Pflegepersonaluntergrenzen gebunden. Das ermöglicht die bestmögliche Versorgung der Patienten und schützt auch die Mitarbeitenden. Durch die Pandemie und die seit knapp zwei Jahren extreme Belastung haben weitere Pflegekräfte ihren Beruf aufgegeben oder ihre Arbeitszeiten reduziert, was mit der Reduktion der Intensivbetten korreliert. Insgesamt bleibt immer noch festzuhalten, dass Deutschland zu den Ländern mit der höchsten Intensivbettenanzahl pro Einwohner weltweit zählt. Prof. Dr. med. Thomas Standl, Chefarzt des Städtisches Klinikums

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Corona: Inzidenz weiter über 800 - Klinikum verschärft Corona-Regeln
Corona: Inzidenz weiter über 800 - Klinikum verschärft Corona-Regeln
Corona: Inzidenz weiter über 800 - Klinikum verschärft Corona-Regeln
Triage: Kliniken in Solingen bereiteten sich früh vor
Triage: Kliniken in Solingen bereiteten sich früh vor
Triage: Kliniken in Solingen bereiteten sich früh vor
Impfpflicht-Gegner liefern sich in Solingen Katz-und-Maus-Spiel mit Polizei
Impfpflicht-Gegner liefern sich in Solingen Katz-und-Maus-Spiel mit Polizei
Impfpflicht-Gegner liefern sich in Solingen Katz-und-Maus-Spiel mit Polizei
Corona-Ausbruch beim Personal sorgt für Absagen im Theater
Corona-Ausbruch beim Personal sorgt für Absagen im Theater
Corona-Ausbruch beim Personal sorgt für Absagen im Theater

Kommentare