Brand in London hat sensibilisiert

Zweiter Rettungsweg kostet 350 000 Euro

Gestern testete die Feuerwehr am Bavert, ob die Drehleiter künftig alle Wohnungen auf der Rückseite des Hauses erreicht. Foto: Christian Beier
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Gestern testete die Feuerwehr am Bavert, ob die Drehleiter künftig alle Wohnungen auf der Rückseite des Hauses erreicht.

Hausgemeinschaft muss investieren, weil Brandschutz über 40 Jahre lang unzureichend war.

Von Anja Kriskofski

Für die Bewohner eines Hochhauses an der Baverter Straße gab es gestern ein besonderes Spektakel: Von ihren Balkonen beobachteten viele, wie eine Drehleiter der Solinger Feuerwehr hinter dem Haus ausgefahren wurde. Die Abnahme war notwendig: Denn die 68 Eigentümer mussten 350 000 Euro in eine Feuerwehr-Aufstellfläche investieren. Im Notfall können so Menschen auch aus dem höchsten Stockwerk mit der Drehleiter gerettet werden, wie der Test bewies.

FEUERWEHR

PROBE Die Solinger Feuerwehr führt regelmäßig Leiterproben durch. Dabei wird getestet, ob alle Stockwerke eines Gebäudes im Notfall mit der Drehleiter erreichbar sind. Zudem geht es darum, die Aufstellflächen für die Fahrzeuge einem Praxistest zu unterziehen.

Durch einen Zufall war aufgefallen, dass der Brandschutz mehr als 40 Jahre lang ungenügend war. Das Haus war 1972 erbaut worden. Bei einem Vor-Ort-Termin am Nachbargebäude sei die Feuerwehr auf das 22 Meter hohe Haus nebenan aufmerksam geworden. „Bewohner müssen im Brandfall entweder durchs Treppenhaus oder übers Fenster beziehungsweise den Balkon gerettet werden können“, erklärt Sighard Horst, Bauingenieur und einer der Eigentümer, die Vorgaben. Doch bei 16 Wohnungen wäre eine Rettung durchs Fenster bislang nicht möglich gewesen: Denn sie liegen für eine normale Leiter zu hoch und haben nur nach hinten hinaus Balkone. Das darunter liegende Dach der Tiefgarage sei für die Last eines Feuerwehrfahrzeugs aber nicht ausgerichtet gewesen.

Das hat sich jetzt geändert: Die Eigentümer haben auf den Stützsäulen der Tiefgarage eine Stahl-Beton-Konstruktion bauen lassen, die im Notfall als Aufstellfläche für eine Drehleiter dient. Auch eine neue Feuerwehr-Zufahrt wurde angelegt. Die Alternative wären drei Außenstahltreppen auf der Rückseite des Hauses gewesen – dort, wo der unverbaute Blick ins Ittertal geht. „Diese Planung hat mich auf die Palme gebracht. Die Treppen hätten direkt vor den Schlaf- oder Wohnzimmern gestanden“, sagt Sighard Horst. „Das musste auch anders gehen.“ Also habe er in Abstimmung mit der Bauaufsicht die Aufstellfläche geplant. „Die Mitarbeiter der Stadt waren sehr wohlwollend und haben uns beraten“, lobt Horst. Die Planung habe ein Dreivierteljahr gedauert, der Bau nur vier Monate.

Zwischen 3000 und über 6000 Euro – je nach Wohnungsgröße – hätten die Eigentümer für die gemeinsame Investition gezahlt, berichtet Ingo Hill, einer von ihnen. Für anderthalb Jahre sei ein Notgerüst für den zweiten Fluchtweg aufgestellt worden. Auch wenn es jahrelang keinen ausreichenden Brandschutz gab: „Das Haus ist in den 70er Jahren so genehmigt worden“, gibt Hill zu bedenken. „Gut, dass nie etwas passiert ist.“

Brand in London hat viele für das Thema sensibilisiert

Nach dem Brand des Londoner Grenfell-Towers im Juni 2017 mit über 70 Toten sei auch die Öffentlichkeit für Brandschutz mehr sensibilisiert worden, sagt der Sachverständige Jürgen Muth. In Wuppertal wurde ein Hochhaus wegen Mängeln komplett geräumt. „Viele Gebäude der 60er und 70er Jahre haben Defizite beim Brandschutz“, sagt Muth.

Die Aufstellfläche an der Baverter Straße hat den Praxistest bestanden. Nun muss die Betonfläche noch mit Geländern gesichert werden. Eine Investition, die anderen Wohneigentümern noch bevorsteht, glaubt Sighard Horst: „Das Problem mit dem Brandschutz dürfte an vielen ähnlichen Gebäuden in Solingen auftauchen.“

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