Reaktionen

Zwei Solinger und ihre Sicht auf Amerika

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Die Schriftstellerin Annette Oppenlander zog zehn Monate nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidentenzurück nach Solingen. Auch Martin Gerschwitz lebt mittlerweile wieder in Deutschland.

Die Schriftstellerin Annette Oppenlander und der Musiker Martin Gerschwitz kehrten den USA den Rücken.

Von Philipp Müller

Solingen. Künstler gelten als besonders empfindsam, wenn es darum geht, gesellschaftliche Strömungen zu erkennen und zu verarbeiten. Das ist in zwei Fällen in Bezug auf die USA und die Ära Donald Trump, die am 20. Januar endet, besonders spannend. Denn die Solinger Schriftstellerin Annette Oppenlander lebte seit 1987 in der USA. Der ebenfalls in Solingen geborene Musiker Martin Gerschwitz wohnte bis vor wenige Wochen in Orange County in der Nachbarschaft von Los Angeles.

Oppenlander zog es schnell nach der Wahl von Trump zurück in ihre Heimatstadt Solingen. Gerschwitz erlebte die amerikanische Gesellschaft von der Bühne aus und aus Gesprächen mit Freunden. Ihrer beider Bilanz ist ernüchternd: Die USA seien tief gespalten, Gespräche über Politik fast nicht möglich. Oppenlander spricht sogar vom Bruch von Freundschaften. Sie erzählt: „Als am Morgen des 9. November 2016, nach einer fast schlaflosen Nacht, Donald J. Trump zum 45. Präsidenten erklärt wurde, sahen mein Mann und ich uns fassungslos an. Wir, wie viele Millionen andere, konnten es nicht glauben. Doch anders als viele, für die das Leben einigermaßen normal weiterging, wussten wir, dass wir Konsequenzen ziehen würden.“

Sie lebten in Bloomington, Indiana. Seit 1987 hatte sie in den USA gelebt, gearbeitet, eine Familie großgezogen. „Das Land war mir zur zweiten Heimat geworden.“ Knapp zehn Monate nach der Trump-Wahl zogen sie und ihr amerikanischer Mann nach Solingen. Die Entscheidung zu ‚fliehen‘ sei keine einfache gewesen. „Wir mussten uns von Familie, Freunden und unzähligen Dingen trennen.“ Doch der Umzug sei richtig gewesen, denn über die mehr als 30 Jahre in den USA hätten sie im einst viel gelobten Land viele Veränderungen beobachtet: „Das fing mit der steigenden Armut an. Es ging weiter über das einfach nur als grausam zu bezeichnende Krankenversicherungssystem, das kaum bezahlbar ist.“

„Am Ende ist mir dann eine Freundschaft wichtiger als Politik.“
Martin Gerschwitz gebürtiger Solinger und Musiker

Trumps Spaltung des Landes sei real und schneide durch viele Familien, sagt sie. „Das war schon vor der Wahl zu spüren. Ein Pärchen, mit dem wir viel unternommen hatten und das wir als Freunde empfanden, unterbrach jedweden Kontakt, weil meine ‚liberalen‘ Bemerkungen sie kränkten. In der eigenen Familie haben wir einige Trump-Anhänger, und der Kontakt mit ihnen ist auf das Nötigste beschränkt oder eingestellt. Anders als Deutsche, die gerne intensiv über Politik und Religion diskutieren, werden solche Themen in den USA bei Zusammenkünften vermieden.“

Genau das bestätigt Martin Gerschwitz. Der Keyboarder hat in den USA schon mit vielen Größen der Pop- und Rock-Szene gespielt. Aber er tourt auch solo. Ist er in Deutschland, machte er dabei gerne Witze über Donald Trump oder erklärte, dass der das Land zerstöre. Das sei bei den Konzerten in den Vereinigten Staaten undenkbar. „Man muss unheimlich aufpassen, dass man es sich nicht sofort mit den Leuten verdirbt.“

Im privaten Umfeld versucht auch er, möglichst nicht über Politik zu sprechen. Er erzählt von einer Begebenheit, die exemplarisch für das stehe, warum, und was er erlebt hatte. Zu einem Freund, ein strammer Republikaner und früherer Soldat, habe er gesagt, dass ihm die ganze Rhetorik, die Beleidigungen und Falschmeldungen von Trump nicht passten. Das sei in der Aussage gegipfelt: „Das erinnert mich an Hitler.“ Mehr als ein verächtliches Schulterzucken und den Satz „Die Demokraten sind auch nicht besser“ habe er nicht geerntet. „Am Ende ist mir dann eine Freundschaft wichtiger als die Politik.“

Doch auch Gerschwitz lebt inzwischen wieder in Deutschland bei seiner Freundin in Rheinland-Pfalz. Während die Oppenlanders sich eine Rückkehr in die USA unter Präsident Biden nicht vorstellen können, will Gerschwitz es nach der Corona-Zeit versuchen. Er ist Kopf der Rockband Iron Butterfly und hofft auf neue Konzerte. Annette Oppenlander ist da weiter ganz konsequent und sagt: „Der Blick in die fernen USA ist oft verklärt. Die Informationen, die hier ankommen, die durch TV-Filme und knappe Nachrichten vermittelt werden, zeigen kein echtes Bild. Deshalb kann ich mit vollem H+erzen bestätigen, dass unsere Entscheidung, in meine Heimat zurückzukehren, richtig war.“

Vergangene Woche hatten Trump-Anhänger das Kapitol in Washington gestürmt. Bei dem "Aufruhr", wie unter anderem der gewählte Präsident Joe Biden den Sturm nannte, starben fünf Personen. Für den Bundestagsabgeordneten und USA-Kenner Jürgen Hardt war der Aufruht ein „Anschlag auf Kathedrale der Demokratie“.

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