Historie

Zwangsarbeiter prägten die Geschichte der Stadt

Historiker Armin Schulte hat Gespräche mit ehemaligen Zwangsarbeitern geführt, die er in einem Buch zusammengefasst hat. Foto: Alexandra Dulinski
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Historiker Armin Schulte hat Gespräche mit ehemaligen Zwangsarbeitern geführt, die er in einem Buch zusammengefasst hat.

Die Nationalität spielte bei der Behandlung eine große Rolle.

Von Alexandra Dulinski

Solingen. 557 Arbeitgeber. Das ist die Zahl, die Historiker Armin Schulte in seinem Buch „Es war so schwierig, damals zu leben“ nennt. 557 Solinger Arbeitgeber beschäftigten während der Kriegszeit zwischen 15 500 und 16 000 ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Der Großteil der Arbeiter kam aus der damaligen Sowjetunion. Aber auch aus Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Italien und Polen kamen Menschen nach Solingen.

„Viele deutsche Beschäftigte haben den Zwangsarbeitern aus Mitleid Brote mitgebracht.“

Armin Schulte, Historiker

Unter den 557 Arbeitgebern waren 227 Industriebetriebe. Aber auch Bauern, Metzgereien, Bäcker, Handwerker, Spediteure und Hotels setzten Zwangsarbeiter ein. Mit 2074 Zwangsarbeitern und 81 Kriegsgefangenen führt die Firma Rautenbach die Liste der 100 größten Unternehmen an. Darauf folgt die Firma Kronprinz mit 1266 Zwangsarbeitern und 603 Kriegsgefangenen. „Die Stadt hingegen war der größte Arbeitgeber für Kriegsgefangene. 780 dieser Menschen waren dort beschäftigt und wurden etwa im Bunkerbau oder bei den Stadtwerken eingesetzt“, berichtet Armin Schulte, der vor etwa 20 Jahren von der Stadt beauftragt wurde, die Geschichte der Zwangsarbeit in Solingen zu erforschen.

Wie die Menschen behandelt wurden, sei stark von den Unternehmen abhängig gewesen. „Es gibt eine Faustregel: In großen Betrieben wurden die Arbeiter oftmals schlechter behandelt als in kleinen. Aber es gibt immer Ausnahmen“, erklärt Schulte. Manche Firmen, wie etwa die Firma Küllenberg, hätten den gesetzlichen Spielraum voll ausgenutzt, um den Menschen zu helfen, wie er aus Erzählungen einer ehemaligen Zwangsarbeiterin weiß. Es habe dort zusätzliche Kleidung und besseres Essen für die Arbeiter gegeben.

„Viele deutsche Beschäftigte haben den Zwangsarbeitern aus Mitleid Brote mitgebracht“, berichtet der Historiker. Und auch viele der Arbeitgeber hätten schnell gemerkt, dass die Zwangsarbeiter gutwillige und oft auch gut ausgebildete Menschen gewesen seien. Viele sowjetische Arbeiter hätten in Deutschland nach der brutalen Zwangsrekrutierung die „Hölle auf Erden erwartet“, sich dann aber oft besser mit den vorgefundenen Verhältnissen arrangieren können als etwa Belgier und Holländer. Diese seien an einen höheren Arbeits- und Lebensstandard gewohnt gewesen.

In manchen Unternehmen seien Arbeiter geschlagen, getreten oder auf andere Art und Weise misshandelt worden. Sie fühlten sich „wie Schweine behandelt“, wie Armin Schulte von einer ehemaligen Zwangsarbeiterin berichtet. Wie jemand behandelt wurde, habe in erster Linie von der Nationalität abgehangen. Während Holländer und Belgier fast wie Deutsche entlohnt worden seien, hätten Russen und Ukrainer nur ein Drittel dieses Lohns erhalten, wenn er ihnen nicht sogar ganz vorenthalten wurde. Dabei wurden Unterkunft und Verpflegung – meist Kohl- oder Rübensuppe mit Brot – noch vom Lohn abgezogen.

Das Lager Kaisergarten diente als Erziehungslager

Viele Zwangsarbeiter seien zunächst in das „Durchgangslager des Landesarbeitsamt Wuppertal-Sonnborn“ gekommen. Dort wurden die Zwangsarbeiter für die Unternehmen zur Verfügung gestellt oder durch die IHK beantragt, die den Bedarf an Arbeitern schätzte. „Die IHK hatte in Solingen eine Sonderrolle“, berichtet Schulte. Sie habe für die Industrie zwei Kriegsgefangenenlager für Franzosen und ein Zwangsarbeiterlager gegründet, in dem mehr als 300 Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine einquartiert wurden.

Insgesamt habe es an 140 Standorten Lager mit mehr als 20 Zwangsarbeitern gegeben, an der Burger Landstraße lagen beispielsweise zwei der Firma Rautenbach. Das Lager Volksgarten an der Schützenstraße 204 sei eines der Bekanntesten gewesen. Das Lager Kaisergarten der Firma Rautenbach an der Merscheider Straße sei ein Arbeitserziehungslager gewesen, für Menschen, die die Arbeit verweigert oder Vorschriften der Nazis missachtet hatten. „Mit brutalem Druck und Zwang wurden die Arbeiter dort diszipliniert“, erklärt der Historiker.

Etwa 400 Ausländer seien während der Kriegszeit in Solingen ums Leben gekommen, durch Arbeitsunfälle, Misshandlungen, Krankheiten und durch Bombenangriffe gestorben, denn die Benutzung der Bunker war ihnen in der Regel verboten.

Dokumentation

Im Februar 2000 beauftragte der Stadtrat den Oberbürgermeister, die lokale Geschichte der Zwangsarbeit wissenschaftlich fundiert aufzuarbeiten und in einer Dokumentation festzuhalten.

Nadja Thelen-Khoder sucht nach Namen von Zwangsarbeitern, die kurz vor Kriegsende ermordet wurden. Die Spur der Zwangsarbeiter führt zu Solinger Firmen.

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