„Tag des Zustellers“

Als Zustellerin im Herzen von Wald unterwegs

Seit elf Jahren gehört die Zustellrunde durch Wald zu den täglichen Aufgaben von Ursula Harnisch.
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Seit elf Jahren gehört die Zustellrunde durch Wald zu den täglichen Aufgaben von Ursula Harnisch.

Heute ist „Tag des Zustellers“: Das ST begleitete Ursula Harnisch bei einer nächtlichen Runde zu den Briefkästen

Von Jutta Schreiber-Lenz

Solingen. Der Wecker schrillt um 2.30 Uhr. Im Ernst jetzt? Obwohl innerlich gut auf diesen Moment vorbereitet, meldet sich der innere Schweinehund. Aber klar: Zusage ist Zusage, Job ist Job – und als Autorin fürs Tageblatt kann ich ja morgen wieder länger in den Federn bleiben. Also Gähnen einstellen, ein schneller Kaffee, um halbwegs fit zu werden, Jacke, Schuhe Tasche – und los. Ein Blick hinauf in den nachtblauen Himmel: Die funkelnden Sterne sind umwerfend und lassen Lebensgeister erwachen, während ich den Wagen starte und losfahre.

Am Treffpunkt Walder Stadtsaal steht unübersehbar das Rollwägelchen von Ursula Harnisch, der Zustellerin, die ich heute, am frühen Samstagmorgen auf ihrer Runde durch Wald begleite. Eifrig ist sie bereits dabei, das Tageblatt in die umliegenden Briefkästen auf der Friedrich-Ebert-Straße zustecken. Die Uhr zeigt 3.25 Uhr. Ein knappes, aber freundliches Hallo von Ursula Harnisch –und los geht’s im flotten Tempo zur nächtlichen 5,8-Kilometer-Runde.

Heute sind es rund 200 Zeitungen, die die 56-Jährige auf die Leserschaft aufteilen muss. „Der Samstag ist der Tag mit den meisten Bestellungen, unter der Woche sind es weniger“, sagt sie. Trotzdem kommt sie heute mit der obersten Etage des vom Verlagshaus gestellten Rollwagens aus. „Je nachdem wie viel Werbebroschüren in der Zeitung liegen oder ob Sonderveröffentlichungen wie vor einiger Zeit die Wirtschaftsbeilage im Blatt sind, muss ich auch unten vollpacken.“ Kaum zu glauben, dass die schmale und zierliche Person dieses nicht gerade kleine rollende Ungetüm beherrscht. „Lenkung und Bremsen funktionieren super“, sagt sie. Allerdings sei das bereits ihr zweites Vehikel, ein erstes sei dann doch mal – nach Jahren – ein Totalschaden gewesen.

„Ich begegne zu dieser frühen Stunde so gut wie niemandem.“

Ursula Harnisch, Zustellerin

Die Straßenlaternen tauchen die Straßen und Gassen in gelbes Licht, einerseits ein bisschen heimelig und dennoch hell genug: Taschen- oder Stirnlampe werden (noch) nicht benötigt, um die Briefkästen zu finden. Außerdem kennt Harnisch durch ihre tägliche Routine das Spiel mit den Bewegungsmeldern und geht mehrfach beherzt mitten ins Dunkle: Zack, Spot an und freie Sicht auf den jeweiligen Eingang. Seit elf Jahren verteilt sie im selben Bezirk Zeitungen. „Ich begegne zu dieser ultrafrühen Stunde so gut wie niemandem“, berichtet sie. Ausnahmen: die Bäckereiverkäuferin in der Frühschicht, das Auto des Buch-Lieferdienstes für den Bücherwald im Rundling, Katzen.

Im Sommer im T-Shirt, bei Regen von oben bis unten wasserdicht verpackt und in frostigen Winternächten mit Schal und Handschuhen ausgestattet, hat Ursula Harnisch ihre tägliche Route unsichtbar ins Bürgersteinpflaster eingetrampelt. „Ich suchte vor Jahren etwas, was ich trotz meiner damals noch kleineren Kinder tun konnte“, erinnert sie sich. „Zeitungen auszutragen passte wunderbar in meinen Tagesablauf. Da war ich rechtzeitig zu Hause, bevor die Morgenhektik mit den Mädchen losging.“

Heute legt sich Ursula Harnisch nach ihrer Tour um 5 Uhr morgens gerne noch mal für ein Stündchen aufs Sofa, bevor der Tag endgültig ruft. Sie ist inzwischen verrentet, verbringt oft Zeit bei ihren Enkelkindern und hält dort „Stallwache“, wenn ihre erwachsenen Töchter weg müssen.

Schon lange hat Ursula Harnisch keine Liste mehr dabei, wem sie die Zeitungen zustellen muss und wem nicht. „Die habe ich die ersten vier Wochen gebraucht und dann saß alles. Auch die Wege zu schwieriger erreichbaren Briefkästen – zum Beispiel durch eine Toreinfahrt durch, um die Ecke und dann noch mal linksrum abbiegen – sind ihr längst in Fleisch und Blut übergegangen. Ebenso die täglichen Eindrücke. „Hier ist jeden Morgen Party, egal ob unter der Woche oder freitags“, sagt sie schmunzelnd als violettes Schummerlicht und Bass-Gedröhne auf den Bordstein fällt. Immer noch mag sie ihren Job. „Ich war immer schon ein Morgenmensch und genieße die besondere Atmosphäre, allein unterwegs zu sein.“

Auch ich habe längst den Charme der frühen Morgenstunden für mich entdeckt. Aber bräuchte ich den jeden Tag? Chapeau denke ich und starte mein Auto Richtung Zuhause. Es ist 4.50 Uhr. Vielleicht doch noch mal kurz in die Federn?

Bewerbung

Alter: Wer mindestens 18 Jahre alt ist, mobil und Freude an der unkonventionellen frühmorgendlichen Arbeitszeit hat, kann sich online über die Modalitäten des Jobs als Zusteller informieren.

Bewerbung: Auf der Homepage kann man sich dann direkt bewerben.

www.zvg-solingen.de

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