Viel zu viele Kinder können nicht schwimmen

Zu wenig Schwimmunterricht an Schulen in Solingen

Blick auf das kleine Becken des Klingenbads, das derzeit als einziges Solinger Bad für das Schulschwimmen genutzt wird. Archivfoto: Christian Beier
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Blick auf das kleine Becken des Klingenbads, das derzeit als einziges Solinger Bad für das Schulschwimmen genutzt wird.

Nur 30 Minuten: Bildungsgewerkschaften und DLRG monieren knapp bemessene Wasserzeiten für Kinder und Jugendliche.

Von Kristin Dowe

Solingen. Die Corona-Pandemie hat monatelange Schließungen der Schulen und Schwimmbäder nach sich gezogen – und darin sehen die Solinger Stadtverbände der Bildungsgewerkschaften GEW und VBE nur einen von mehreren Gründen, warum sich die Schwimmfähigkeiten der Kinder und Jugendlichen dramatisch verschlechtert haben.

So reichen die Kapazitäten für den Schwimmunterricht im derzeit dafür genutzten Klingenbad aus Sicht von Jens Merten, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung Solingen, bei weitem nicht aus, um den wachsenden Bedarf angesichts steigender Schülerzahlen zu decken. „Die Kinder haben nur 30 Minuten reine Wasserzeit in der Woche. Das reicht einfach nicht aus.“

Er regt an, deshalb auch das Familienbad Vogelsang für den Schwimmunterricht in Betracht zu ziehen. Mehr als zwei Gruppen seien im Variobecken des Klingenbads aus Sicherheitsgründen nicht zu verantworten. Zudem seien die Grundschulen gezwungen, ihren Schwimmunterricht ausschließlich vormittags zu absolvieren.

„30 Minuten Wasserzeit pro Woche sind sehr wenig.“

Dirk Bortmann, GEW Solingen

Dirk Bortmann, Vorsitzender des Solinger Stadtverbandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, teilt Mertens Kritik. Weil die Grundschulen nach den pandemiebedingten Ausfällen zunächst als erste verstärkt wieder mit Wasserzeiten für den Schwimmunterricht ausgestattet wurden, seien die weiterführenden Schulen sogar noch stärker von dem Problem betroffen, berichtet er: „Generell sind 30 Minuten Wasserzeit pro Woche für alle Schulformen sehr wenig. Die Defizite, die sich bei den Schwimmfähigkeiten der Kinder im Grundschulalter entwickelt haben, setzen sich an den weiterführenden Schulen fort.“

Die Anregung des VBE Solingen, neben dem Klingenbad auch das Familienbad Vogelsang für den Schwimmunterricht zu nutzen, unterstütze auch er prinzipiell: „Der Vorschlag steht schon länger im Raum. Wenn die Schwimmzeiten im Klingenbad nicht ausreichen, sollte der Schwimmunterricht gegebenenfalls auch auf das Familienbad Vogelsang ausgedehnt werden.“

Entsprechende Möglichkeiten solle die Stadt zumindest wohlwollend prüfen. Grundsätzlich seien aber auch die Eltern gefordert, ihren Kindern das Schwimmen beizubringen und regelmäßig mit ihnen schwimmen zu gehen. „Das wird in manchen Familien sehr vernachlässigt.“

Der Idee, das Schulschwimmen auch auf das Familienbad Vogelsang auszuweiten, erteilt Kirsten Olsen-Buchkremer, Chefin der Solinger Bädergesellschaft, eine Absage und verweist auf eine klare Aufgabenteilung zwischen den Bädern: „Es ist ausdrücklich politischer Wille, dass das Sportbad Klingenhalle für den Schul- und Vereinssport und das Familienbad Vogelsang für die Öffentlichkeit und für Kurse zur Verfügung stehen. Diese Festlegung, die vor über zehn Jahren getroffen wurde, wurde im vergangenen Herbst noch einmal bestätigt und ist auch aus sportfachlicher Sicht nach wie vor sehr sinnvoll und notwendig.“

Im Klingenbad stünden aktuell sowohl im Schwimmer- als auch im Lehrschwimmbecken freie Kapazitäten für das Schulschwimmen zur Verfügung, teilt die Stadt weiter dazu mit.

Die Notwendigkeit, bei den Schwimmfähigkeiten der Kinder nachzubessern, habe man bei der Verwaltung aber durchaus erkannt. Prinzipiell wolle man so vielen Kindern wie möglich eine Schwimmausbildung ermöglichen, um die „pandemiebedingt erhöhte Nichtschwimmerquote zu reduzieren“, heißt es in einer Stellungnahme.

DLRG: Viel zu viele Kinder können nicht schwimmen

Den wachsenden Bedarf an Schwimmunterricht kann Martin Sinkwitz, Leiter des Bereichs Ausbildung beim Solinger Bezirk der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), nur bestätigen: „Dies fällt natürlich erst jetzt enorm auf. Schon vor der Pandemie war die Anzahl an Kindern im schulfähigen Alter, die überhaupt nicht schwimmen konnten, enorm. Dies können die Schulen im Rahmen des Schulschwimmens, insbesondere vor dem Hintergrund der anhaltenden Bäderschließungen in Deutschland, nicht auffangen“, berichtet er. Deshalb führe die DLRG parallel zur regulären Schwimmausbildung im Verein gemeinsam mit dem Solinger Sportbund Ferien-Schwimmkurse durch.

Derweil sei der Bedarf an Nichtschwimmer-Angeboten ungebrochen, so Sinkwitz. „Wartezeiten von teilweise weit über einem Jahr auf freie Plätze in Anfänger-Schwimmkursen unterstreichen die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage im Bereich des Anfängerschwimmens.“ Eltern sollten deshalb frühzeitig nach einem passenden Angebot für ihr Kind Ausschau halten.

Schwimmkurse

Einstieg: Statt fest terminierter Kurse bietet die DLRG ständig Einstiegsmöglichkeiten für das Anfängerschwimmen an. Je nach Alter und Vorerfahrung gibt es unterschiedliche Gruppen von Anfängerkursen zur Wassergewöhnung, über die Vorbereitung für das Seepferdchen bis hin zu Eltern-Kind-Schwimmen. Ausführliche Informationen gibt es online: bez-solingen.dlrg.de

Standpunkt: Wasserzeiten erhöhen

Von Kristin Dowe

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Wie wichtig es für Kinder ist, so früh wie möglich schwimmen zu lernen, dürfte außer Frage stehen. Gleichzeitig wird es für die Solinger Bädergesellschaft angesichts einer schwindenden Zahl von Schwimmbädern im Stadtgebiet immer schwieriger, allen Nutzergruppen gleichermaßen gerecht zu werden. Die vergangenen Schließungen der Häuser an der Sauerbreystraße und an der Birkerstraße seien da nur als Beispiele genannt.

Denn neben Schulklassen fordern auch Sportvereine und private Badegäste ihr Recht ein, ungestört ihre Bahnen ziehen zu können.

Bei all diesen nachvollziehbaren Hürden sollten dennoch Möglichkeiten geprüft werden, die Wasserzeiten für Schulen zu erhöhen. Auch wenn die DLRG mit ihren Kursen bereits einen wichtigen Beitrag für die Schwimmfähigkeiten der Kinder leistet und auch Eltern in der Verantwortung stehen – die Schwimmausbildung sollte ein wichtiger und integraler Bestandteil des Schulunterrichts sein.

Dies gilt angesichts des großen Aufholbedarfs durch die Corona-Pandemie noch mehr als zuvor. Schwimmen können ist lebenswichtig.

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