ZiSch

Die Welt ohne Augen sehen

Eine ZiSch-Reporterin wagte den Selbstversuch und verbrachte sechs Stunden ihres Alltags mit Augenbinde.

Von Shirley Jäger, 10b, Geschwister-Scholl-Gesamtschule

Für die meisten Menschen ist das Sehen selbstverständlich. Doch was wäre, wenn wir diesen Sinn gar nicht hätten? Genau das habe ich ausprobiert. Mehrere Stunden habe ich auf mein Sehvermögen verzichtet und mich stattdessen auf meine anderen Sinne verlassen.

Die ersten Minuten ohne Sehkraft waren sogar lustig. Es erinnerte mich an das Spiel Topfschlagen. Ich ertastete die Gegenstände. Doch schon nach zwanzig Minuten fingen die Probleme an. Mein Smartphone, sowie andere technische Geräte konnte ich nicht betätigen. Ich war immer auf Hilfe angewiesen, wobei ich mich wie eine Last für meine Mitmenschen fühlte. Für alles musste man mehr Zeit investieren. Auch draußen brauchte ich immer einen Partner. Ich hatte Angst. Ich musste mich allein auf meinen Hörsinn und auf meine Mitmenschen verlassen. Ich fühlte mich nicht mehr selbstständig.

Meine Umwelt war auf einmal komplett anders, fremd. Ich hörte und fühlte viel besser als vorher. Und es gab Situationen, die ich vielleicht mit meinen Augen gar nicht wahrgenommen hätte. Ich hörte viel intensiver Geräusche, die ich bislang nicht so deutlich bemerkt habe – Vogelgezwitscher oder Autos, die noch sehr weit entfernt waren.

Manche waren mit der Leistung von Hilfestellungen überfordert

Ich bemerkte aber auch, dass mein Umfeld sich mir gar nicht anpassen wollte. Im Supermarkt hatte ich Schwierigkeiten, Sachen zu finden. Ich bekam zwar Hilfe von Verkäufern, doch sie waren auf so eine Situation nicht vorbereitet und überfordert. Normalerweise weiß man in seinem Stammsupermarkt, wo sich beispielsweise die Äpfel befinden. Doch auch dort, wo ich eigentlich wusste, an welchem Platz die Sachen stehen, habe ich jetzt nichts mehr wiedergefunden. Wieder mal war ich auf Hilfe angewiesen. Außerdem fühlte ich mich ausgeschlossen, das machte mich traurig.

Die Menschen nahmen weder Rücksicht, noch waren sie hilfsbereit. Manchmal fragte ich mich, warum ich die Augenbinde nicht einfach wieder abgelegt habe. Denn es war manchmal einfach nur unangenehm und deprimierend, ausgeschlossen zu werden und nicht dazuzugehören.

Doch die Menschen, die dieses Problem ihr ganzes Leben lang haben, können sich nicht aussuchen, ob sie die Augenbinde abnehmen oder sie auflassen und weitermachen. Nach insgesamt sechs Stunden nahm ich die Augenbinde ab. Ich fühlte mich wieder frei und selbstständig. Ich war glücklich, mein Umfeld sehen zu können und es nicht nur zu ertasten.

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