Zeugen aus vergilbtem Papier erzählen vom 1. Weltkrieg

Otto Fischer-Trachaus Werk „Wachablösung“ aus dem Jahre 1916 gehört zur Sammlung Schneider und ist derzeit in Reutlingen zu sehen.

KUNSTMUSEUM Teile der Sammlung Schneider sind 100 Jahre nach Kriegsbeginn begehrt. Die Bilder schufen Maler zwischen 1914 und 1918.

 KUNSTMUSEUMSAMMLUNGEN Bundesweit einzigartig ist die „Bürgerstiftung für verfemte Künste mit der Sammlung Gerhard Schneider“. Eine Dauerleihgabe der Stiftung der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft ist „Die verbrannten Dichter“, eine Sammlung des ehemaligen Stern-Journalisten Jürgen Serke.KUNST Weiterer Schwerpunkt des Museums ist die Gegenwartskunst. Wechselausstellungen wie die „Internationale Bergische Kunstausstellung“ sind sehenswert. STADT Im Museum zu sehen ist die Kunstsammlung der Stadt Solingen mit Werken von Friedrich August de Leuw, Ernst Walsken, August Preuße oder Erwin Bowien und anderen berühmten Solinger Künstlern. www.kunstmuseum-solingen.deVon Uli Preuss

Der Zeitzeuge ist aus vergilbtem Papier. „Rückzug von der Front“ heisst die Radierung, die der Maler Heinrich Stegemann 1918 schuf. Ein unscheinbares kleines Werk aus dem Ersten Weltkrieg mit der Botschaft, dass man auch in ferner Zukunft Kriege ächten muss. Für den Betrachter wird auf 20 Zentimetern klar: Sinnlos muss wohl jeder Krieg sein, wenn zum Schluss die letzten Überlebenden müde und resigniert nach Hause trotten.

Doch wenige der Bilder, die zwischen 1914 und 1918 gemalt wurden und zur Sammlung Schneider gehören, sind derzeit im Gräfrather Kunstmuseum ausgestellt. Die gemalten Zeitzeugen eines Weltkrieges, der aufgrund seiner internationalen Verwerfungen als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts gilt, sind im 100. Jahr nach Kriegsbeginn sehr begehrt. „Viele unserer Werke sind ausgeliehen, wir werden sie erst 2015 wiedersehen“, sagt Museumsdirektor Dr. Rolf Jessewitsch und meint damit vor allem die Ausstellung „Kämpfe-Passionen-Totentanz“, die in Reutlingen und Aschaffenburg Bilder der Sammlung Schneider zum 1. Weltkrieg zeigt. Bei weiteren Anfragen aus Münster, dem französischen Lille und dem Von der Heydt-Museum in Wuppertal musste Jessewitsch passen. Auch in Solingen hätte der Museumsdirektor gerne die Reutlinger Ausstellung gehabt. Eine Präsentation und die gleichzeitige Beteiligung an einem kostspieligen Katalog scheiterten am Geld.

„. . .man wird behandelt wie ein Stück Vieh, nur die Hoffnung auf Freiheit hält einen noch aufrecht. . .“

Rolf Jessewitschs Großvater

Auf die Weggabe eines Bildes, das lange als Leihgabe eines amerikanischen Sammlers im Zwischengang zum Meistermann-Saal im Gräfrather Museum hing, ist Rolf Jessewitsch ein wenig stolz. „Das düstere Ölgemälde von Erich Emerich aus dem Jahre 1915 zeigt die Zerstörung der belgischen Stadt Leuven und wird dort anlässlich der Gedenktage gezeigt“, sagt Kunstexperte Jessewitsch. Leuven und das nahe Ypern waren 1915 von den Deutschen auf dem ersten Rückzug zerstört worden.

Übrig bleiben in Solingen derzeit Bilder wie die eingangs erwähnte Radierung. Dem Betrachter macht das vergilbte Papierchen Mut, zeigt es ihm doch, dass die Menschen von einst fernab jeder Militärpropaganda ehrlich empfunden haben müssen, was Krieg wirklich bedeutet. Das schwarz-weiße Bildchen beschlagnahmten die Nationalsozialisten 1937 als „entartete Kunst“. Mehr noch: Künstlern, die im 1. Weltkrieg an der Front malten, was sie sahen, empfanden und erlebten, wurde ab 1933 gefährliche Wehrsabotage vorgeworfen. Der aufrüstenden Wehrmacht war keinesfalls daran gelegen, zu zeigen, wie martialischer Kampf in Schlachten wirklich ist. Sie brauchte den heldenhaften, unverletzbaren deutschen Übermenschen. Rolf Jessewitsch hat dagegen eigene Erinnerungen an den Großvater. Der erlebte den Krieg in Frankreich von seiner schlimmsten Seite und schrieb am 7. März 1917 verzweifelt in sein Kriegstagebuch: „. . . man wird behandelt wie ein Stück Vieh, nur die Hoffnung auf baldige Freiheit hält einen noch aufrecht.  . .“

„Rückzug von der Front“, das das traurige Ende des Krieges zeigt, der 17 Millionen Menschen das Leben kostete, wurde mit anderen Bildern der Sammlung Schneider von der Bürgerstiftung Solingen angekauft. Sein Maler starb 1945 an Krebs, seine nicht beschlagnahmten Werke fielen fast alle dem Bombardement der Hansestadt Hamburg zum Opfer.

Im Museum sind allein 457 Werke des Sammlers Gerhard Schneider

„Die Menschen von damals sind nicht mehr da, aber wir haben hier die Zeitdokumente“, sagt Dr. Rolf Jessewitsch und verweist auf die Sammlungen Schneider und Serke, die beide zusammen dem Solinger Kunstmuseum einen bescheidenen Weltruhm, zumindest in Historikerkreisen, beschert haben. Einige der Werke, die die Zerstörung „entarteter Kunst“ nach 1933 überstanden, sind einmalige Zeugnisse.

Allein von Sammler Gerhard Schneider liegen dem Museum 457 Bilder vor. Die Sammlung des ehemaligen Stern-Journalisten Jürgen Serke, die an geächtete Werke deutscher Dichter erinnert, ergänzt die Bildersammlung vortrefflich.

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