Statistik

Zahlen häuslicher Gewalt schwanken in Solingen

Von Januar bis April dieses Jahres hatte die Polizei in Solingen 137 Fälle häuslicher Gewalt zu verzeichnen, 13 mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. 
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Von Januar bis April dieses Jahres hatte die Polizei in Solingen 137 Fälle häuslicher Gewalt zu verzeichnen, 13 mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. 

Polizei sieht keinen signifikanten Anstieg durch Corona − Expertinnen fordern mehr Druck bei Ermittlungen.

Von Kristin Dowe

Solingen. Ein Mann soll seine Frau mit heißem Wasser verbrüht haben, weil diese aus seiner Sicht das Essen nicht rechtzeitig zubereitet hatte. Zudem soll er sie mit Schlägen so schwer traktiert haben, dass er ihr den Kiefer und den Augenhöhlenboden brach. Das ST berichtete bereits über den Fall aus Solingen, der derzeit vor dem Landgericht Wuppertal verhandelt wird und einmal mehr die Aufmerksamkeit auf das gesellschaftliche Problem der häuslichen Gewalt lenkt. Im vorliegenden Fall kann die Betroffene sich nicht mehr zu den Vorwürfen gegen ihren mutmaßlichen Peiniger äußern, denn die schwer alkoholkranke Frau ist inzwischen ohne Zusammenhang mit der Tat verstorben.

Angesichts von Fällen wie diesen wünscht sich Martina Zsack-Möllmann (Grüne), Leiterin des Solinger Frauenhauses, mehr Druck von Polizei und Staatsanwaltschaft bei den Ermittlungen gegen die Täter. „Die betroffenen Frauen haben oft eine große Scham, die Taten überhaupt zur Anzeige zu bringen. Und wenn sie sich zu diesem Schritt durchringen, wird die Anzeige oft zurückgenommen. Bei den Staatsanwaltschaften passiert aus meiner Erfahrung zu wenig dafür, dass jede einzelne Tat auch konsequent verfolgt wird. Ein Dezernat für häusliche Gewalt wäre da hilfreich.“ Anders als etwa bei der Staatsanwaltschaft Düsseldorf gebe es einen solchen Schwerpunktbereich bei der für Solingen zuständigen Staatsanwaltschaft Wuppertal nicht.

Polizei schätzt Schwere des Solinger Falls als Ausnahme ein

Die Befürchtung, dass Fälle häuslicher Gewalt während der Corona-Pandemie und insbesondere während der Lockdowns rasant zunehmen könnten, bestätigt die schwankende Zahl der Strafanzeigen bei der Polizei in den vergangenen drei Jahren nicht. Beim Vergleich der Zeiträume von Januar bis April der Jahre 2019 bis 2022 gibt es laut Alexander Kresta, Sprecher der Polizei Wuppertal, „jährlich leichte Wellenbewegungen ohne besondere Auffälligkeit“ zu beobachten. Von Januar bis April dieses Jahres hatte die Polizei in Solingen 137 Fälle häuslicher Gewalt zu verzeichnen, 13 mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Auch sei das extreme Ausmaß der Gewalt bei dem Solinger Fall nicht repräsentativ für das Deliktfeld. „Bei uns bekannt gewordene Fälle mit derartig schweren Verletzungen sind eher die Ausnahme“, so Kresta.

Martina Zsack-Möllmann leitet seit Jahren das Solinger Frauenhaus.

Auch wenn die Zahl der Strafanzeigen keine signifikante Steigerung aufweist, hält Martina Zsack-Möllmann es für denkbar, dass die Pandemie Einfluss auf das Problem häuslicher Gewalt genommen hat. „Solche Krisensituationen werden oft erst im Nachhinein bei uns sichtbar.“ Immerhin gebe es auch Erfolge beim Schutz betroffener Frauen zu verzeichnen: Wurden die Plätze in Frauenhäusern zuvor in einem Portal des Landes NRW über ein Ampelsystem nur landesweit vergeben, ist die Verteilung der Plätze seit Anfang des Jahres auch bundesweit möglich. „Das ist eine deutlich flexiblere Lösung. Vorher mussten wir viele Frauen abweisen“, resümiert Zsack-Möllmann, die aber weiteren Handlungsbedarf sieht: So fehle den Familiengerichten oft die notwendige Expertise für den Umgang mit Kindern, die aus Familien mit Gewalterfahrung stammen. Die 14 Plätze im Solinger Frauenhaus und seiner Dependance seien immer voll besetzt.

Christel Scharkowski, Leiterin der Solinger Außenstelle des Weißen Rings, macht deutlich, dass Gewalt gegen den Partner viele Gesichter haben könne und nicht immer körperlicher Art sei. „Mir begegnen in Beratungsgesprächen auch viele Varianten psychischer Gewalt − etwa durch Stalking, Kontrolle und Manipulation.“ Auch Männer würden zuweilen Opfer, wenn auch statistisch deutlich seltener als Frauen. Betroffene bräuchten oft Jahre, um sich aus einer gewaltvollen Beziehung zu befreien.

Der erste Schritt aus dem Teufelskreis sei, das Schweigen zu brechen und beispielsweise eine Beratungsstelle zu kontaktieren. So können im Städtischen Klinikum beispielsweise anonym Spuren nach erlittener sexueller Gewalt gesichert werden. So kann das Opfer auch zu einem späteren Zeitpunkt noch Anzeige erstatten, ohne dass medizinische Befunde als Beweismaterial verloren gehen.

Hintergrund

Hilfe: Betroffene können sich unter anderem an das Frauenhaus (Notrufnummer: 02 12 / 5 45 00, Hilfe-Telefon für Frauen: 08 00 / 11 60 16 und für Männer: 08 00 / 1 23 99 00) oder an die Beratungsstelle „Frauen helfen Frauen“ (Tel. 02 12 / 2 54 37 26) wenden.

frauenhaus-solingen.de

Standpunkt von Kristin Dowe: Hilfsangebote stärken

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Der erschütternde Fall häuslicher Gewalt aus Solingen lässt nur erahnen, welche Martyrien noch immer Frauen − und zuweilen auch Männer − in ihren eigenen vier Wänden durchleiden müssen.

Zwar macht es Hoffnung, dass Expertinnen und Experten Verbesserungen bei der Sicherheit Betroffener etwa durch das Gewaltschutzgesetz sehen, nach dem ein Täter von der Polizei für zehn Tage der gemeinsamen Wohnung verwiesen werden kann. Von ausreichendem Opferschutz kann dennoch keine Rede sein.

Gerade wenn Kinder im Spiel sind und ein Abhängigkeitsverhältnis zum aggressiven Partner besteht, verharren die Opfer mitunter jahrelang in einer Gewaltbeziehung oder schaffen auch nie den Absprung. Damit dies überhaupt gelingen kann, müssen Zufluchtsorte wie Frauenhäuser und Beratungsstellen für ihre wichtige Arbeit auskömmlich finanziert sein und Hilfsangebote gestärkt werden. Dies ist leider noch immer keine Selbstverständlichkeit.

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