Im Gespräch

Neue Uni-Rektorin Birgitta Wolff: „Provinz ist kein Schimpfwort“

Wuppertal. Prof. Dr. Birgitta Wolff spricht über ihre Beweggründe, ab 2022 zur Bergischen Universität zu wechseln.

„Ich glaube, dass die Bergische Universität und das Bergische Land ein Super-Ort sein können“, sagt die zukünftige Rektorin der Bergischen Universität, Birgitta Wolff.

Das Gespräch führten Stefan Kob und Andreas Boller

Bei Ihrem sehr bemerkenswerten Lebenslauf stellt sich die Frage – zumal wenn man recherchiert hat, dass sie den einen oder anderen Ruf gehört, aber nicht erhört haben, – wieso sind Sie ins Bergische nach Wuppertal gekommen?

Birgitta Wolff: Der Ruf klang besonders verlockend und war schnell mehrstimmig. Ich kenne Wuppertal von früher ein wenig. Als ich in Witten-Herdecke studiert habe, hatte ich eine sogenannte Mentorenfirma in Ronsdorf. Ich bin einmal in der Woche nach Wuppertal gependelt und kenne auch andere Stadtteile. Mein Chef hatte Kunden in der Gegend, ich habe Rechercheaufträge ausgeführt. Von daher fühlt es sich an wie ‚zurück zu den Wurzeln’. Abgesehen davon ist die Bergische Uni eine Super-Uni, sie hat sich mit Rektor Koch enorm entwickelt.

Ist über Lambert T. Koch der Kontakt zustande gekommen? Er freut sich ja offensichtlich, dass er die Uni nach 16 Jahren in gute Hände übergeben kann.

Wolff: Es freut mich, dass er sich freut, aber der Kontakt kam über andere Schienen. Seine eigene Nachfolgerin vorzuschlagen, das würde er nie tun.

„Unternehmerspirit zeichnet die Uni aus.“

Prof. Dr. Birgitta Wolff

Lambert T. Koch ist wie Sie Wirtschaftswissenschaftler. Die haben in der Geschichte der Bergischen Universität mit der Gründung der Schumpeter School eine wichtige Rolle gespielt. Sind Wirtschaftswissenschaftler besonders geeignet, um Universitäten zu führen?

Wolff: Die Schumpeter School steht für den Gedanken des Unternehmertums. Das passt extrem gut ins Bergische Land. Was man dann aber auch braucht, sind die anderen Fächer – die technischen, naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen. Der Unternehmerspirit zeichnet die Universität und das Bergische Land aus.

Schumpeter hat von der schöpferischen Zerstörung gesprochen. Wollen Sie mit schöpferischer Zerstörung an die Uni herangehen?

Wolff: Er erzählt nicht nur die Geschichte von Zerstörung, sondern er erzählt eine Geschichte der Zerstörung durch die Entstehung von Neuem. Das ist das Kreative, damit kann ich sehr viel anfangen. Das Thema Innovation beschäftigt die Gesellschaft sehr, sehr stark. Wenn man in die aktuellen Gespräche in Berlin hineinhorcht, dann geht es darum, wie man die PS der Wissenschaft auf die Straße bekommt. Es geht darum, die großen gesellschaftlichen Fragen mit den Methoden der Wissenschaft zu begreifen. Eine kleine kooperative bewegliche Gemeinschaft schafft es, die unterschiedlichen Disziplinen glaubwürdig zusammen zu bringen. Das gelingt nicht an allen großen Unis.

Ihr künftiger Standort ist von der Zahl der Studierenden nur halb so groß wie die Goethe-Universität in Frankfurt. Ist Wuppertal im Vergleich dazu nicht Provinz?

Wolff: Provinz ist kein Schimpfwort, Frankfurt keineswegs Landeshauptstadt. Ich glaube, dass die Bergische Universität und das Bergische Land ein Super-Ort sein können, um über eine zukunftsfähige Gesellschaft in einer Vielzahl von Fachdisziplinen nachzudenken, die auch miteinander reden. Hier kann man Modellhaftes ausprobieren mit begrenztem Risiko.

Das Amt einer Uni-Rektorin ist auch ein politisches Amt. Ihr Ausflug in die Politik in Sachsen-Anhalt, als sie als Kultus- und Wissenschaftsministerin im Streit mit Ministerpräsident Reiner Haseloff gehen mussten, war nicht von nachhaltigem Erfolg gekrönt.

Wolff: Nachhaltigen Erfolg definiert man nicht, dass man lange an einem Amt klebt. Mein Wunsch war damals, dass ein Drittel des Budgets aus dem Wissenschaftssystem nicht in einem eng begrenzten Zeitraum herausgenommen wird. Ich bin auch nicht im Streit geschieden. Mein Verdacht ist, dass es eher ein Kommunikationsproblem gewesen ist. Was ich in der Zeit als Ministerin an Einsichten in die Bundes- und Landespolitik gewonnen habe, möchte ich nicht missen.

Wie sehen Sie die Möglichkeiten einer mittelgroßen Universität?

Wolff: Für jede Universität ist es wichtig, sich ein eigenes Profil, ein Narrativ zu geben. Zum Narrativ der Bergischen Universität gehört, dass man sich gemeinsam mit der Region weiterentwickeln will. Das zeichnet nicht jede Universität gleichermaßen aus. Hidden Champions gibt es auch unter Hochschulen. Der Trick ist nicht die Größe, sondern es sind gute Ideen, die zur Region passen.

Was waren die ausschlaggebenden Gründe dafür, dass Sie in Frankfurt als Präsidentin nicht wiedergewählt worden sind?

Wolff: Letztlich hatte ich einen Mitbewerber, der Angebote gemacht hat, die für mehr Leute attraktiv zu sein schienen. Wir hatten beide an diesem Tag nicht die nötige Mehrheit, aber nachdem ich meine Kandidatur zurückgezogen habe, wurde er mit knapper Mehrheit gewählt. Er führt die Goethe-Universität gut weiter. Für die Sache ist das völlig in Ordnung. Es ist sehr gut, dass Wahlämter zeitlich befristet sind. Ich klebe nicht an Ämtern. Ich kann sehr gut mit Alternativen leben.

Zur Person

Birgitta Wolff promovierte nach ihrem Studium an der Universität Witten/Herdecke an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Danach folgten unter anderem Stationen an der Harvard University sowie an der Georgetown University. Ihrer Zeit an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg folgten weitere Gastprofessuren in Osteuropa, Südamerika und China. 2010 ging Wolff in die Politik und war ein Jahr lang Kultusministerin des Landes Sachsen-Anhalt, bevor sie von 2011 bis 2013 Ministerin für Wissenschaft und Wirtschaft wurde.

Rubriklistenbild: © Andreas Fischer

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