Natürlich nachhaltig - Klimawandel im Bergischen

Wuppertal Institut: „Wir müssen um jedes Zehntelgrad kämpfen“

Anja Bierwirth ist Leiterin des Forschungsbereiches Stadtwandel am Wuppertal Institut. Foto: Wuppertal Institut
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Anja Bierwirth ist Leiterin des Forschungsbereiches Stadtwandel am Wuppertal Institut.

Anja Bierwirth vom Wuppertal Institut spricht im Interview über klimaneutrale Städte, regionale Zusammenarbeit und Druck auf Land, Bund und EU.

Von Renate Bernhard

Frau Bierwirth, im Juli 2021 haben Sie die Studie „Wuppertal klimaneutral 2035“ herausgegeben. Was ist eine klimaneutrale Stadt?
Anja Bierwirth: Klimaneutralität heißt, dass menschliche Aktivitäten keine nachteiligen Auswirkungen auf das Klima haben. Dabei gibt es verschiedene Betrachtungsweisen. In den klassischen kommunalen Bilanzen fehlen in der Regel die Landwirtschaft, Bereiche des Abfalls und alles, was mit Konsum zu tun hat – was wir also an Emissionen importieren. Durch Produktion und Transport entstehen Emissionen an anderer Stelle, die auch sehr relevant sind, weil wir global klimaneutral werden müssen. Was wir kaufen und verbrauchen, ist also nicht egal. Klimaneutralität ist damit mehr als die Treibhausneutralität einer Stadt, die nur auf das schaut, was in der Stadt verbraucht wird.
Wenn ich mein Konsumverhalten verändere: Wie soll ich den Überblick behalten?
Bierwirth: Pädagogische Arbeit ist wichtig. Wir sollten als Verbraucherinnen und Verbraucher aber nicht bewerten müssen, ob der eingeflogene Bio-Apfel besser fürs Klima ist als der konventionelle, im eigenen Land angebaute. Da sind Regeln nötig, die von Land und Bund erlassen werden müssen oder besser noch von der EU – damit es irgendwann nur noch nachhaltige Produkte gibt. Städte können das sehr befördern. Wenn lokale Start-ups nachhaltige Produkte entwickeln, ist das besser, als wenn alles dreimal um die Welt gekarrt wird. Genau das mit der kommunalen Wirtschaftsförderung zu fördern, könnte sich eine Stadt auf die Fahne schreiben.
Wenn wir die globale Erwärmung auf 1,5 Grad begrenzen wollen, können wir in Deutschland noch maximal 4,2 bis 6,7 Milliarden Tonnen CO2 ausstoßen. Wie dramatisch ist die Entwicklung?
Bierwirth: Weltweit sind wir auf keinem rosigen Weg, auch in Deutschland nicht. Wenn wir weitermachen wie bisher, wäre das Budget in fünf, sechs Jahren aufgebraucht, dann wären wir auf einem Pfad von weit über 1,5 Grad Erderwärmung.
In fünf Jahren: Ist das überhaupt noch zu schaffen?
Bierwirth: Wir müssen um jedes Zehntelgrad kämpfen, selbst wenn wir das 1,5 Grad-Limit überschreiten. Ein Zehntelgrad mehr oder weniger macht einen Unterschied. Einige Städte haben ja den Klimanotstand ausgerufen und wollen beraten werden. Wir fragen uns auch selbst: Wie können wir diese ambitionierten Ziele unterstützen, von denen wir kaum wissen, wie sie eingehalten werden können? Aber wer soll die Ziele hochhalten, wenn nicht wir?
Was sind die großen Hebel?
Bierwirth: Es gibt viele: Industrie und Wirtschaft etwa. In den letzten Jahren sind Technologien entstanden, die vor fünf Jahren kaum absehbar waren. Auf einmal ergeben sich Potenziale im Industriebereich, der immer als am schwierigsten zu dekarbonisieren galt. Das macht ein bisschen Mut. Die Wärmewende im Gebäudebereich, Konsum, Abfall, Kreislaufwirtschaft – all das sind wichtige Bereiche, die deutlich mehr entwickelt werden müssten. Und dann die Mobilität.
Was kann dort getan und verbessert werden?
Bierwirth: Die Kilometer pro Kopf sind immer noch steigend und es gibt weiter den Trend zu größeren Fahrzeugen. Dadurch werden positive Effizienz-Entwicklungen aufgefressen. Wir müssen nicht nur hin zu E- und Wasserstoffantrieben, sondern zu mehr Fuß-, mehr Rad-, mehr öffentlichem Nah- und Fernverkehr. Und dann braucht es ein klares politisches Bekenntnis zu einer Verkehrswende. Man muss sich klarmachen, die Städte werden jetzt für die gebaut, die gar nicht mehr so wild sind aufs Auto. Wenn ich in 20 Jahren eine Stadt mit 20 bis 50 Prozent weniger Automobilität haben möchte, muss ich das heute so bauen.
Selbstversuch: Eine Woche ohne Auto
Wie könnte Solingen anfangen, das jetzt umzusetzen?
Bierwirth: Allgemein gesprochen: Stadtverwaltungen sind in der Regel sehr nach Säulen sortiert. Das führt oft dazu, dass Schnittstellen, die es gibt, nicht zusammen gesehen werden. Verkehrsentwicklung hat ja viel zu tun mit sozialen Fragen, mit Lebensqualität, mit Begrünung in der Stadt und Anpassung an den Klimawandel. Klimaschutz in der Stadt ist in der Regel eine eigene Organisationseinheit. Dort machen die Städte Konzepte mit ambitionierten Zielen, aber zeitgleich wird ein Verkehrsentwicklungsplan mit den traditionellen Zielen geschrieben: Verkehr muss fließen, Mobilität nimmt zu. Mit so einem Plan lässt sich aber kein Klimaziel erreichen.
Wir haben in Solingen mit Ariane Bischoff eine Nachhaltigkeitsbeauftragte. Müsste sie die Entscheidungshoheit haben?
Bierwirth: Das sollte sicherlich nicht nur eine Person sein. Es bräuchte Organisationsstrukturen, wo sich von vornherein die relevanten Bereiche an einen Tisch setzen und gemeinsam planen. Oft hapert es an der Umsetzung – also müsste eigentlich von Anfang an die Stadtkämmerei mit an den Tisch. Und es gibt in jeder Stadt Entwicklungsstrategien, die weder klimaschützend noch sozial noch sonst etwas sind. Zum Beispiel ein neuer Autobahnanschluss, eine Umgehungsstraße, die um eine Spur erweitert werden soll, Planungen, die allem heutigen Wissen widerstreben. Ausbauten im Verkehrsbereich bringen immer nur für kurze Zeit Entlastung, die neuen Infrastrukturen werden genutzt und laufen genauso voll.
Was ist mit Bürgerbeteiligung und dem Engagement von Ehrenamtlichen?
Bierwirth: Ich will die Verwaltungen nicht schlechtreden. Da sitzen oft sehr engagierte Menschen. Es gibt aber auch in der Bevölkerung Menschen und Initiativen mit tollen Ideen. Die laufen sich ihre Motivation oft am Verwaltungshandeln ab. Für eine Verwaltung sind Prozesse von eineinhalb, zwei Jahren nichts. Für ehrenamtlich Engagierte ist das oft ein Todesstoß.
Sicherlich würde es auch Sinn machen, wenn die Städte in Sachen Klimaschutz in einer Region intensiver zusammenarbeiten, oder?
Bierwirth: Auf jeden Fall. Dann gäbe es eine neue Effizienz in gemeinsamer Planung. Es müsste auch regionale runde Tische geben.
Wie ist das jetzt mit dem Konzept, das Sie für Wuppertal geschrieben haben?
Bierwirth: Wir haben aufgeschrieben, was alles möglich wäre. Aber eine Stadt wie Wuppertal kann das Ziel Klimaneutralität 2035 allein nicht schaffen. Land, Bund und EU könnten das massiv beschleunigen. Bremen zum Beispiel entwickelt einen Standard für energieeffizientes Bauen. Warum? Weil die heutigen Vorgaben nicht ausreichen, um klimaneutral zu bauen. Warum müssen sich Städte einen eigenen Standard geben? Und sich den Ärger der Menschen vor Ort zuziehen, die sagen: „Ihr macht das Bauen ja noch teurer!“ Es wäre so viel einfacher, wenn sowas auf EU-Ebene geregelt würde. Ein großes Problem ist immer noch die Verlagerung von Verantwortung von oben nach unten.
Welche der drei bergischen Städte hat in Sachen Klimaschutz die Nase vorn und wie misst man das?
Bierwirth: Man kann schauen, wie viele Tonnen CO2 pro Kopf in den drei Städten verbraucht werden. Aber wenn eine Stadt viel energieintensive Betriebe hat, ist das unfair. Ein anderes Kriterium: Wer investiert am meisten in Klimaschutz? Aber die Haushaltslagen der Städte sind vielleicht unterschiedlich. Oder: Wer hat das innovativste oder ambitionierteste Konzept, aber da fehlt noch die Umsetzung. Viel interessanter als zu vergleichen, ist Ziele zu entwickeln, und das am besten gemeinsam.
Welche Erkenntnisse des Gutachtens für Wuppertal sind übertragbar?
Bierwirth: Flächenneutralität hat auch ganz viel mit Klimaneutralität zu tun, also keine Flächen mehr zu verbrauchen, den Menschen nachhaltigeres Konsumverhalten zu vermitteln und Angebote dafür zu schaffen. Unter Wirtschaftsförderung wird überwiegend nur Unternehmensförderung verstanden. Gewerbegebiete werden ausgewiesen, die laufen voll, dann sucht die Wirtschaftsförderung das nächste Gebiet auf der grünen Wiese, statt Leerstände zu managen. Wirtschaft ist aber viel, viel mehr: Start-ups, die nachhaltiges Wirtschaften vorantreiben, Digitalisierung, Kreislaufwirtschaft wieder aufbereiteter Produkte, ökologische Landwirtschaft. Und, meist völlig vernachlässigt: die Projekte, in denen sich die Menschen ehrenamtlich engagieren. Sozialkaufhäuser, Kleiderzirkel, die Tafel, das ist auch Wirtschaft, nur ohne geldwerten Austausch. Die sollte man mit auf den Schirm nehmen als wichtige Säule lokal nachhaltiger Wirtschaft, die dafür sorgt, dass Produkte weiter und länger verwertet werden. Wir nennen das Wirtschaftsförderung 4.0. Dafür braucht es Paradigmen-Wechsel. Das muss auf die richtigen Köpfe treffen. Manchmal müssen es auch andere Köpfe werden.
Wie wichtig sind für Sie die Klimaaktivisten und ihre Bedeutung?
Bierwirth: Sehr wichtig. Es gab mal eine Phase, da hat die EU beeindruckende Duftmarken gesetzt. Die Entwicklung hat sich dann aber umgedreht. Die nötige Schippe ist nicht drauf gekommen. Dabei hat, was damals ambitioniert klang, schon nicht gereicht. Aber mit Fridays for Future und allen Klimaaktiven ist nun eine Bewegung da, die Druck macht. Ich hoffe, dass die Städte den aufnehmen und gebündelt nach oben geben, dass sie reihenweise aufstehen und sagen: „Liebe Bundesregierung, ich mach Dir Wuppertal, Mannheim, Köln, Bonn, Koblenz, Freiburg, ich mach Dir meine Stadt klimaneutral, aber ich brauch dafür was von Dir.“ So hoffe ich, dass das wirken wird.
Also eine große Ermutigung an alle Klimaaktivisten?
Bierwirth: Ja, auf jeden Fall!

Zur Person

Anja Bierwirth ist Leiterin des Forschungsbereiches Stadtwandel am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Sie ist seit 2008 in verschiedenen Funktionen am Wuppertal Institut tätig – es gilt als international führend in der Nachhaltigkeitsforschung und hat eine „treibhausgasneutrale und ressourcenleichte Gesellschaft“ zum Ziel. Bierwirth ist ausgebildete Tischlerin und hat darüber hinaus Architektur und Umweltwissenschaften studiert.

Die Serie

In der Serie „Natürlich nachhaltig“ beschäftigen wir uns mit Nachhaltigkeit und Umweltschutz im Bergischen in den drei Hauptbereichen Ernährung, Konsum und Mobilität. Alle Folgen finden Sie hier.

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