Katastrophe im Juli

Wupperflut erschüttert die Leichlinger tief

Die Verbindungen zwischen Solingen und der Nachbarstadt sind groß.

Von Philipp Müller

Leichlingen. Wolfgang Richter räumt Sportschuhe in seinen Kombi. Doch der Betreiber eines Sportgeschäft an der Gartenstraße unweit der Wupper in Leichlingen liefert nicht aus. Er muss den Laden wieder schließen. Der Fliesenboden blüht und schimmelt. Der muss raus. Eigentlich wollte Richter rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft wieder öffnen. „Doch die Hiobsbotschaft ist, dass die neue Fußbodenheizung nicht vor dem ersten Advent geliefert wird.“ 60 000 Euro allein an Schäden an den Waren hat er erlitten.

Die Sportanlage Balker Aue wurde von der Wupper komplett überschwemmt und muss saniert werden. Die Stadt Leichlingen hatte das Gelände sehr schnell zum Sammelort für die Trümmer gemacht. Denn das Rathaus musste in ganz Deutschland Müllverbrennungsanlagen ansprechen, um die 25 000 Kubikmeter zu entsorgen. Momentan ist eine Firma damit beschäftigt, entwurzelte Bäume und andere Pflanzen zu schreddern, die den Wassermassen nicht standhalten konnten.

Seit 25 Jahren betreibt er sein Geschäft. Nun fällt ihm zum zweiten Mal das Weihnachtsgeschäft aus – im Vorjahr war es Corona. „Die Winterjacken aus 2020 sind noch nicht verkauft.“ Richter steht damit beispielhaft für die Händler in Leichlingen. Das Wasser der Wupper stand nach seinen Angaben „anderthalb Meter höher als jemals zuvor.“ Die Ware kommt jetzt in den Container auf der Straße – so machen es gerade viele.

Die Leichlinger rückten in den Stunden und Tagen nach dem Hochwasser sehr dicht zusammen. Wie an vielen anderen Orten auch, erlebte die Stadt eine Welle der Hilfsbereitschaft durch ehrenamtliche Helfer, die einfach mit anpackten. Inzwischen haben Handwerker die Regie übernommen, wenn sie denn verfügbar sind.

Richters Geschäft kennen sicher auch manche Solinger. Eng sind die Bande zwischen beiden Städten. Dafür steht das Beispiel von Miriam Gatawetzki-Köppchen. Köppchen? Genau, sowohl in Solingen als auch in Leichlingen betreibt die Familie Sanitätshäuser. Die Leichlinger Filiale sollte jetzt so richtig durchstarten. Doch dann kam die Wupper. Um 18 Uhr hätten die Angestellten angerufen. „Geistesgegenwärtig haben sie angefangen, die teuren Gerätschaften zu retten“, erzählt sie heute.

Wolfgang Richter hat sein Sportgeschäft in der Gartenstraße wieder schließen müssen. Der Fliesenboden schimmelt und muss raus. Nach den Corona-Einschränkungen ist er jetzt doppelt getroffen.

„Wir haben allein vier Wochen lang Schlamm geschippt.“

Miriam Köppchen, Geschäftsfrau

Das berichtet sie mitten in den leeren Geschäftsräumen an der Marktstraße. Das Kellergeschoss stand komplett unter Wasser, das Ladenlokal etwa 1,5 Meter hoch – so geht es auch den Nachbarn. Die ganze Ladenzeile ist ein Sanierungsfall. Für Köppchen ist das auch doppelt emotional. Sie sei elf Jahre lang in Leichlingen aufgewachsen und der Stadt sehr verbunden. Die Leichlinger Kunden sind auf die Köppchens zugegangen und meinten, ein Geschäft würde sich dort lohnen. Das glaubt Köppchen nach wie vor, das verschafft ihr die Kraft, alles wieder aufzubauen und bald die Kundschaft mit einem Mobil zu versorgen. Doch der Juli habe nicht nur bei ihr Spuren hinterlassen. Bilder kommen hoch und sie erzählt: „Wir haben allein vier Wochen lang Schlamm geschippt.“

Im Rathaus sitzt Frank Steffes. Der Sozialdemokrat ist seit 2014 im Amt. Er war am Abend des Hochwassers in Urlaub und kehrte sofort zurück. Heute liegen bei ihm und den Mitarbeitern die Folgen auf dem Schreibtisch. Aber auch nicht alle. Der Bürgermeister weiß, die erlittenen Traumata werden die Leichlinger weiter beschäftigen. „Die Leute haben heute Probleme, wenn sie schwarze Wolken sehen.“

Mit einem mobilen Bankschalter sorgt die Kreissparkasse Köln für die Versorgung der Leichlinger mit Bargeld. Auch Bankdienstleistungen können am kleinen Schalter erledigt werden. Solche mobilen Lösungen sieht man häufig. Anfangs stellten Gastronomen der Leichlinger Innenstadt Bierwagen auf, um ihre Gäste zu versorgen.

Unmittelbar mit und nach der Flut sei der Zusammenhalt in der Stadt groß gewesen. Stadt, Feuerwehr und Hilfskräfte hätten sich gut organisiert. Doch einem älteren Ehepaar konnte niemand mehr helfen. Dessen Haus brannte genau in dem Moment, als es von der Wupper eingeschlossen war. Die Feuerwehr konnte nicht mehr helfen. Die Wunde im Stadtbild ist verschwunden, das Haus längst abgerissen, die Geschichte wird bleiben.

Container reihen sich an der Gartenstraße an Container. Die Einkaufsstraße war ebenfalls Opfer der hohen Wupper Mitte Juli. Die Container werden auch genutzt, um das Geschäft weiterzubetreiben. In vielen lagert aber jetzt Ware, denn die Sanierung eines großen Geschäftshauses steht an. Und andere der Mulden aus Stahl müssen weiter Schutt aufnehmen, denn noch lange werden Putz und Wände abgeschlagen, müssen Böden und Fliesen entsorgt werden oder zerstörte Ware wird entsorgt.

Steffes erklärt die Dimension der Flut in der Stadt, die schon 2018 von einem Starkregenereignis im Tal des Weltersbach mit sehr vielen Schäden betroffen war: Rund 1000 Häuser sind betroffen, in den wenigstens ist die Sanierung abgeschlossen. Putz wird abgeklopft, Keller leergeräumt. Überall sind Container und Müllkippen im Stadtbild zu sehen. Und in fast jedem betroffenen Gebäude surren die Motoren der Bautrockner – sie sind das Symbol für die Flut.

Professionelle Bautrockner sind zu einem Symbol nach dem Wupperhochwasser geworden. In vielen Leichlinger Gebäuden sind sie weiterhin rund um die Uhr im Einsatz, um Wände und Keller zu entfeuchten-

„Ich bin ein optimistischer Mensch“, sagt Steffes. Deshalb ist er zuversichtlich, dass die Stadt und ihre Bewohner die materiellen Folgen beseitigen werden. Das sieht sein Nachbar auch so. Der auch in Solingen bekannte Musiker Manfred „Mani“ Neumann, auch Teufelsgeiger genannt, wohnt direkt neben Steffes etwas oberhalb der Kante, bis zu der die Wupper angestiegen war. „Die Leichlinger bekommen das in den Griff. Das Hochwasser ist zwar überall Thema. Aber es wird nicht mehr so pessimistisch gedacht wie am Anfang.“

„Es herrscht Angst, dass das wieder passiert.“

Thomas Kohls, Bäckermeister

Diese Einschätzung teilt Bäckermeister Thomas Kohls nicht. Seit 1928 betreibt seine Familie an der Mittelstraße das Geschäft. Erst im August gab er es auf – nicht wegen des Hochwassers, der Schritt sei länger geplant gewesen. Er ist weiter bei seinem Nachfolger zu erleben und hört den Kunden zu. „Einige, deren Häuser zerstört wurden, sind weggezogen“, berichtet er. „Es herrscht Angst, dass das wieder passiert.“

Die Brücke Marly-le-Roi, die nach der französischen Partnerstadt Leichlingens benannt ist, verbindet die Teile des Zentrums links und rechts der Wupper. Sie war einige Tage gesperrt, ist aber wie weitere Brücken wieder offen.

Das berichtet auch Frank Steffes im Rathaus. Leichlingen sei im Gespräch mit dem Wupperverband, der sich um die öffentlichen Gewässer, Talsperren und Kläranlagen kümmert – und um den Hochwasserschutz. Die Behörde mit Sitz in Wuppertal steht in der Kritik, weil sie erst am 14. Juli die randvollen Talsperren abließ. Sportartikelhändler Richter sieht auch darin den Grund für die Katastrophe. Steffes widerspricht teilweise und weist auf die Wassermassen aus vielen Bächen hin, die die Wupper auch gefüllt hätten – dieses Thema wird die Leichlinger ebenfalls lange beschäftigen.

Rubriklistenbild: © Michael Schütz

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