Mein Blick auf die Woche

Wohin uns die Gier nach Ruhm und Reichtum führt

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Das historische Drama um den leitenden Ingenieur, der beim Brückenbau von Müngsten vor 125 Jahren „verschwand”, ist ein Lehrstück in mehrfacher Hinsicht, findet ST-Chefredakteur Stefan M. Kob. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Irgendwann kommt alles ans Tageslicht.

Solingen. Es ist seinem überragenden Interesse an historischer Brückenbautechnologie zu verdanken, dass ein Aachener Uni-Professor dem großen Schwindel beim Bau der Müngstener Brücke auf die Spur gekommen ist. Denn während sich MAN-Vorstandschef Anton von Rieppel in Berlin als genialer Erschaffer des nationalen Prestigeobjekts feiern ließ, wurde der stille Macher Bernhard Rudolf Bilfinger, der den weitaus größten Anteil an Konstruktion und Errichtung hatte, quasi aus den Geschichtsbüchern getilgt. Es ist daher ein schöner Erfolg, dass die entscheidende Rolle Bilfingers in Müngsten nach 125 Jahren endlich in Form einer Stele gewürdigt werden soll.

Die damaligen Ereignisse, aus denen sich eine mehrteilige Krimiserie drehen ließe, zeigen gleichzeitig, dass die Gier nach Ruhm und Reichtum für viel Unheil in der Welt zuständig ist – wie sich aktuell beim grausamen Krieg in der Ukraine wieder zeigt. Sie zeigen gleichzeitig, wie vergänglich und vergeblich dieses Streben letztendlich ist. Der Brückenbau galt als die Hochtechnologie des 19. Jahrhunderts. Die Ingenieure, die diese Kunst beherrschten, waren die Steve Jobs‘ und Elon Musks ihrer Zeit. Zwar steht diese einstige Sensation immer noch, die heutige Generation sieht in ihr aber ein bestauntes Museumsstück, das es zum Welterbe bringen soll, um die Erinnerung an alte Kunstfertigkeiten hochzuhalten. Heute rangieren Rover auf dem Mars, Sonden erkunden das Weltall und wir kommunizieren von nahezu jedem Punkt der Welt in Echtzeit. Doch auch diese Epoche wird eines Tages Vergangenheit sein und es wird neue Dinge geben, von denen wir heute nicht einmal etwas ahnen. 

Bis dahin ist es allerdings durchaus sinnvoll, sich intensiv mit den Chancen moderner Technik zu befassen. Und da Reisen bekanntlich bildet, war eine Wirtschaftsdelegation der Stadt unter Leitung von Oberbürgermeister Tim Kurzbach eine Woche im Silicon Valley unterwegs, um Wissen zu schürfen und Kontakte zu knüpfen: mit dem Ziel, die digitale Entwicklung unserer Klingenstadt voranzubringen.

Im notorisch skeptischen Solingen werden solche Reisen, die zuvor schon nach Israel und China geführt hatten, zuweilen spöttisch kommentiert. In der Tat würde ein Katzensprung nach Gouda schon ein Füllhorn an Erkenntnissen liefern, woran es wohl liegen könnte, dass die Niederlande bei der Digitalisierung meilenweit vor uns liegen. Ohnehin haben wir weniger ein Wissens- als ein Umsetzungsproblem.

Aber man darf den Erkenntnisgewinn solcher durchaus kräftezehrenden Ausflüge niemals unterschätzen, zumal mit Mirko Novakovic ein ausgesprochen profunder Reiseführer an Bord ist, der die richtigen Menschen und Adressen vor Ort kennt. Und manchmal reicht ja ein einziger erfolgreicher Kontakt, der den Unterschied ausmacht und zu einer erfolgreichen Entwicklung für eine ganze Stadt führt. Mirko Novakovic selbst ist ein lebendiges Beispiel dafür.

Wie ungerecht kritisch die Solinger zuweilen ihre eigene Stadt sehen, hat uns das Ahlener Institut für Abfall, Abwasser und Infrastruktur-Management vor Augen geführt. „Solingen ist eine saubere Stadt” lautete die Schlagzeile im ST, bei der sich viele Leser verwundert die Augen gerieben haben dürften. Solingen und sauber? Ist das nicht der pure Widerspruch? Nein, denn die Untersuchung, die das Institut regelmäßig in vergleichbaren Städten durchführt, geht nicht nach Bauchgefühl, sondern folgt objektiven Kriterien. Und siehe da, Solingen liegt in puncto Sauberkeit an vorderer Stelle. Nicht, dass hier nur Glanz und Gloria herrschten. Doch die Reinlichkeit hat spürbar zugenommen - offensichtlich ein Erfolg des Kehr-Pakets, mit dem die Stadtverwaltung seit fünf Jahren in den städtischen Kernbereichen Intensivpflege betreibt.

Wenn wir uns dennoch über herumfliegenden Müll, Hundehaufen oder Zigarettenkippen ärgern, sollten wir uns einen Moment fragen, über wen wir uns ärgern. Über das Rathaus? Oder über die Schweinigel, die ihre Stadt offensichtlich als Mülleimer missbrauchen? Nette Appelle prallen an diesen Mitbürgern ab wie Flummis an der Wand. Das Einzige, was hilft, sind drakonische Strafen, die es ja gibt – die aber so gut wie nie exekutiert werden. Da fragt man sich schon, warum? Wo doch für jede geringfügig überschrittene Parkzeit oder Geschwindigkeit Strafzettel am Fließband geschrieben werden. 

Unsere Themen in dieser Woche 

Kauf der Eishalle findet breite Zustimmung in der Politik – doch ist der Eissport damit langfristig gesichert? 

Wie geht es weiter mit dem Walder Stadtsaal? Offenbar gibt es einige Kaufinteressenten. 

Unternehmen suchen fieberhaft nach Alternativen zum Gas – doch das ist nicht einfach. 

Noch diesen Monat soll es losgehen: Was beim „Greeen“-Bauprojekt in Wald geplant ist. 

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