Glaube

Woelki-Debatte verunsichert Katholiken in Solingen

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Die Kirche St. Clemens in Solingen Mitte trägt den Namen des Stadtpatrons Clemens von Rom. Er war Bischof von Rom. Der Legende nach wurde er im Meer mit einem Anker ertränkt.

Der Kurs des Kardinals stößt bei Solinger Gläubigen auf viel Kritik – teilweise auch auf Unterstützung.

Von Andreas Tews

Solingen. Der Kurs des Erzbistums Köln sorgt bei vielen Katholiken in Solingen für einen „massiven Vertrauensverlust“, sagt Ulrike Spengler-Reffgen. Die Vorsitzende des Solinger Katholikenrats berichtet von einer großen Verunsicherung. Ihre Kritik richtet sich nicht nur gegen Kardinal Rainer Maria Woelki und den Umgang der Bistumsspitze mit dem Gutachten zu Missbrauchsfällen, sondern auch gegen deren Haltung zu Reformwünschen.

Aktueller Anlass für die Debatte um Woelkis Kurs ist ein Gutachten über Missbrauchsfälle innerhalb des Erzbistums Köln und den Umgang der Kirche damit. Diese Expertise liegt zwar vor, die Bistumsspitze veröffentlicht deren Ergebnisse aber nicht. Sie verweist auf rechtliche Bedenken. Dies hält der Diözesanrat als Vertretung der Laien für falsch. Er setzte als Reaktion darauf die Zusammenarbeit im Zusammenhang mit dem „Pastoralen Zukunftsweg“ aus. Der Diözesanratsvorsitzende, Solingens Oberbürgermeister Tim Kurzbach, sprach von einem Vertrauensverlust und attackiert Woelki: Der Bischof habe als moralische Instanz versagt.

Bei den Missbrauchsvorfällen gehe es um persönliche Verantwortung, erklärt Spengler-Reffgen, die auch der Vollversammlung des Diözesanrates angehört. Und dieser Verantwortung müssten sich die Verantwortlichen stellen. Vermeintlich höhere Interessen dürften nicht über das Leid der betroffenen Kinder und Jugendlichen gestellt werden.

Zurückhaltend äußert sich der Stadtdechant, Pfarrer Michael Mohr. Er räumt ein, dass die Situation für viele Katholiken belastend sei, gibt aber zu bedenken, dass Kritik erfolgversprechender sei, wenn sie intern geäußert werde.

Aus juristischer Sicht zeigt der Solinger Kaplan und Jurist Dr. Heribert Lennartz Verständnis für Woelkis Umgang mit dem Gutachten. Ein Gutachten ersetzt nach seiner Ansicht weder ein staatliches noch ein kirchliches Gerichtsverfahren. Darum stelle es auch keine Verurteilung dar. Woelki handele deswegen korrekt, wenn er die Ergebnisse unter Verschluss halte, schreibt er in einem Beitrag auf der Internetseite der Kirchengemeinde St. Clemens (Mitte-Nord).

Progressive Mitglieder beklagen strukturelle Probleme

Dem widerspricht Dr. Martin le Claire vom Pfarrgemeinderat der Gemeinde. Er sieht strukturelle Probleme in der Kirche, die sich auch beim Umgang mit den Sex-Skandalen zeigten. Er kritisiert eine Haltung, dass die „Oberen“ bestimmen und die „Unteren“ ihnen folgen sollten. Er beklagt, dass die Missbrauchsangelegenheit seit zehn Jahren „köchele“.

Für „ärgerlich“ hält der Pfarrgemeinderats-Vorsitzende der Gemeinde St. Sebastian (West), Heinz Peter Reyer, die „Intransparenz“, im Umgang mit den Fällen. Er teilt Lennartz´ juristische Bedenken nicht. In Aachen sei ein solches Gutachten veröffentlicht worden, ohne dass dies rechtliche Konsequenzen gehabt habe.

Spengler-Reffgen hofft jetzt, dass in einem für März angekündigten neuen Gutachten – dies soll veröffentlicht werden – der Umgang der Kirche mit den Taten offengelegt wird. Laut Reyer befürchten viele aber ein „geschöntes“ Gutachten.

Für Verunsicherung sorgt aber nicht nur die Missbrauchsdebatte. Auch die angedachte Reform, nach der es künftig weniger Gemeinden und Pfarrer geben soll und die Priester durch Laien unterstützt werden sollen, besorgt laut Spengler-Reffgen die Gläubigen. Sie wirft die Frage auf, woher die ehrenamtlichen Unterstützer in der seelsorgerischen Arbeit kommen sollen. Reyer bemängelt beim „Pastoralen Weg“ vor allem ein „Festhalten an alten Strukturen“. Dabei seien diese nicht in Stein gemeißelt. Sie müsse ständig überprüft werden.

Auch wegen dieser Zukunftsfragen sorgen sich laut Spengler-Reffgen viele darum, wie es mit der Kirche im Erzbistum weitergeht. Laut le Claire kehren Gläubige deswegen der Kirche den Rücken. Reyer ruft aber zum Bleiben auf. Nur wer in der Kirche bleibe, könne für sie etwas von innen heraus bewegen. 

Zukunftsweg

Die katholische Kirche steht nach Meinung von Experten vor ihrer grundlegendsten Reform. Nach einem Vorschlag mit dem Titel „Pastoraler Zukunftsweg“ soll es statt der bisher rund 500 Pfarreien im Erzbistum bis 2030 nur noch 50 bis 60 geben. Kritiker befürchten eine Zentralisierung und Entfremdung von den Gläubigen.

Standpunkt: Ein schmerzlicher Weg

Von Andreas Tews

Vor dem Hintergrund des Mitgliederschwundes und der damit verbundenen Einnahmeverluste müssen beide großen christlichen Kirchen umdenken. Es geht um nicht weniger als um eine Strukturreform. In beiden Kirchen läuft es darauf hinaus, dass es künftig weniger Gemeinden – mit einem jeweils größeren Geltungsbereich – und weniger Pfarrer geben wird. Dies ist ein schmerzlicher Prozess.

andreas.tews@solinger-tageblatt.de

Weil seelsorgerische Arbeit von der Nähe zu den Menschen lebt, gilt es zu verhindern, dass beide Kirchen sich zu weit von den Gläubigen entfernen. Aber hier enden auch die Gemeinsamkeiten. 

Während die Evangelische Landeskirche den Verantwortlichen vor Ort möglichst große Handlungsspielräume lässt, entsteht auf katholischer Seite der Eindruck, dass wichtige Punkte von oben herab entschieden werden sollen. Da passt der intransparente Umgang mit den Missbrauchsfällen in der Kirche ins Bild. Dies ist der falsche Weg, weil er demotivierend auf die Menschen vor Ort wirkt. 

Jeder vierte Solinger ist katholisch: Die katholische Kirche hat seit der Ansiedelung der ersten christlichen Glaubensgemeinschaft in Solingen vor ungefähr 1000 Jahren die Stadt deutlich geprägt. Zum Beispiel erinnert der Anker im Wappen an den Stadtpatron und einen der ersten katholischen Bischöfe, Clemens von Rom.

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