Kunst-Mahnwache

Wölfe klagen den Rechtsextremismus an

Auf dem Neumarkt klagen 19 Bronze- und Eisenskulpturen an: „Die Wölfe sind zurück.“ Gemeint sind Faschisten und Rassisten. Foto: Christian Beier
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Auf dem Neumarkt klagen 19 Bronze- und Eisenskulpturen an: „Die Wölfe sind zurück.“ Gemeint sind Faschisten und Rassisten.

Eine Kunstausstellung auf dem Neumarkt ist zugleich Mahnwache und Demonstration.

Von Philipp Müller

Solingen. Seit Mittwoch stehen 19 Wolfsfiguren von Rainer Opolka auf dem Neumarkt. Der Solinger ist eigentlich als früherer Eigentümer von Ledlenser bekannt, hat aber auch eine starke künstlerische Seite. Auf Einladung der antirassistischen Bewegung „Bunt statt braun“ und organisiert von der Eventmanagerin Annabelle Schleder zeigt Opolka noch bis Samstagnachmittag seine Anklage gegen jede Form von Rechtsextremismus. Daher sei das keine normale Veranstaltung, erklärt Schleder. „Die Wölfe sind zurück“ sei zugleich Mahnwache und Demonstration – und damit unmittelbar den Opfern von Krieg, Hass und Gewalt gewidmet.

Die Kunst-Mahnwache veranstaltet Schleder auch in Remscheid und Wuppertal. Die drei Oberbürgermeister im Städtedreieck, die Sozialdemokraten Tim Kurzbach (Solingen), Andreas Mucke (Wuppertal) und Burkhard Mast-Weisz (Remscheid) unterstützen das Kunstspektakel mit einer Grußbotschaft. Darin heißt es unter anderem: Das Kunstwerk stelle „uns vor Augen, was am Ende aus den hetzerischen Gedanken und Reden entspringt: die nackte Gewalt“. Die drei Stadtspitzen danken Opolka, dass er nach Dresden, Berlin, Potsdam, Oranienburg, Rathenow, Chemnitz und Cottbus sein Werk auch nach Remscheid, Solingen und Wuppertal gebracht habe. „Es möge jenen die Augen öffnen, die die Wölfe unter uns noch nicht erkennen“, erklären sie.

„Der Krieg ist das übelste Übel aller Übel.“

Rainer Opolka, Aktionskünstler

Solingen: Wolf-Figuren stehen für Rechtsextremismus

Mit großen Gesten und mahnenden Worten tritt Künstler Rainer Opolka für seine Wölfe als Symbol des wiederkehrenden Rechtsextremismus ein.

Opolka erklärte auf dem Neumarkt, Solingen sei bereits die 22. Station für seine Wölfe. Ein Besuch im KZ Majdanek und ein Berg von bunten Kinderschuhen, deren Träger alle vergast worden seien, habe ihn dazu gedrängt, die Wölfe entstehen zu lassen. „Der Krieg ist das übelste Übel aller Übel“, das sei sein Antrieb gewesen. Dazu komme, dass es vor mehr als 80 Jahren die Nazis waren, die ihn ausgelöst hatten. Heute erlebe die Gesellschaft genau die gleiche Propaganda, die schon einmal ins Verderben geführt habe.

Warum dann ausgerechnet Wölfe? Er weist auf diesen Zusammenhang hin: Die Nazis hätten sich den Wolf als Symbol des Selbstverständnisses gewählt. Hitler habe seinen Hund auch Wolf genannt, er selbst habe aus der Wolfsschanze Befehle für den Krieg erteilt und als das Dritte Reich unterging, sollte die „Organisation Werwolf“ über die Zeit der Niederlage hinaus den Partisanenkampf fortführen.

So engagiert sich Rainer Opolka schon lange gegen jede Form rechter Tendenzen und gegen Neonazis. Dafür erhielt er 2014 zusammen mit seinem Zwillingsbruder Harald vom Förderkreis „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, der jüdischen Gemeinde zu Berlin und der Flick Stiftung den Ehrenpreis des Berliner Holocaust-Mahnmals für sein zivilgesellschaftliches Engagement.

Doch nicht nur die Wölfe selbst sollen wirken. Schleder berichtet, dass am Freitag ab 17 Uhr Jürgen Kaumkötter, der Direktor des Zentrums für verfolgte Künste, zum Neumarkt kommt. Zudem würden die Musiker Kai Degenhardt und Rolf Becker die Mahnwache mit einem Auftritt begleiten.

Hans-Werner Bertl erklärte für „Bunt statt braun“, er habe einen Luftsprung vor Freude gemacht, dass die politische, rechte Strömungen anklagende Ausstellung nach Solingen kommen könne: „Wir leben in einer Zeit, in der die Respektlosigkeit gegen Andersdenke um sich greift.“

Solingen habe auch wegen des Brandanschlags 1993 auf die Familie Genç eine besondere Verantwortung, vor rechten Extremisten zu warnen, betonte Oberbürgermeister Tim Kurzbach auf dem Neumarkt. Die Skulpturen seien dafür, obwohl sie krass und angstmachend seien, genau das richtige Symbol. Opolka sagte: „Solingen ist eine klasse Stadt, arbeiten wir daran, dass das so bleibt.“ Er rief Parteien und die Verwaltung dazu auf, stets den Menschen, den Bürger der Stadt in den Mittelpunkt zu stellen. Aber auch die Solinger selbst seien aufgerufen, sich im demokratischen Sinne für die Stadt zu engagieren.

Künstlerporträt: Das Tageblatt stellt Rainer Opolka und seine Kunst am Samstag auf der Kulturseite noch ausführlich vor. 

Mahnwache

Zeiten: Die Mahnwache als Form politischer Aktionskunst will noch bis Samstag, 15. August, „ein klares Zeichen für Demokratie, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Weltoffenheit und die Unteilbarkeit der Menschenrechte“ setzen. Organisatorin Annabelle Schleder und Künstler Rainer Opolka sind täglich von 9 bis 17 Uhr als Ansprechpartner vor Ort.

Stationen: Ab dem 17. August werden die Wölfe in Remscheid auf dem Rathausplatz und ab dem 20. August auf dem Laurentius-Platz in Wuppertal-Elberfeld zu sehen sein.

Standpunkt: Gut geheult, Wölfe

Von Philipp Müller

philipp.mueller@solinger-tageblatt.de

In diesem Jahr jährt sich das Kriegsende 1945 zum 75. Mal. Der Krieg sei das größte aller Übel, ausgelöst durch die Nazis, erklärt der Künstler Rainer Opolka. Doch mit seinen Wölfen, die als Symbol für alles Rechtsextreme stehen, will er vor allem vor dem bereits heftig wieder aufkeimenden Nationalismus, Rassismus und Faschismus warnen. Seinen Wölfen stellt er deshalb antirassistische Parolen zur Seite. Wie notwendig und aktuell das ist, zeigt die Entgleisung der Solinger AfD auf Facebook, die Polizei und Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Volksverhetzung auf den Plan gerufen haben. 

Genau dies zu benennen, solche Dinge anzuprangern, darum geht es dem Künstler. Er macht das laut, ist selbst erklärend vor Ort und wählt Figuren, die einem Horrorfilm entsprungen sein könnten. Wahrscheinlich brauchen wir diese drastische Sprache, um zu begreifen, dass es in diesem Land Menschen gibt, die unsere Demokratie zutiefst verachten und Andersdenkende verfolgen. Um das zu verhindern, sollen wir unser Solingen erhalten, verbessern, sagt der Künstler. Stimmen wir in sein Wolfsgeheul mit ein.

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