Die Woche in Solingen

Welterbe-Titel würde auch die europäische Seele streicheln

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
+
stefan.kob@solinger-tageblatt.de

Neben der unbezweifelbaren Faszination der filigranen Stahlgitterkonstruktion der Müngstener Brücke überzeugt wohl vor allem der Verbund mit fünf ähnlichen Bauwerken in Italien, Frankreich und Portugal. Dafür haben die Solinger Verantwortlichen alles gegeben und eine regelrechte europäische Aufbruchstimmung erzeugt, meint ST-Chefredakteur Stefan M. Kob.

Solingen. Seit Anfang des Monats kann der Normalbürger der Müngstener Brücke so nahe kommen wie noch nie in ihrer fast 125-jährigen Geschichte. Zumindest auf legalem Wege. Denn seitdem lässt sich die frisch gestrichene höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands unter fachkundiger Anleitung mit eigenen Händen und Füßen erklettern - und es lässt wohl niemanden unberührt, der durch dieses scheinbaren Gewirr von Streben, Bögen, Nieten, Blechen und Trägern krabbelt.

Welche Ingenieurhirne haben dieses tragfähige Wunder erdacht und gezeichnet, mit dem Rechenschieber kalkuliert und mutig als horizontale Antwort auf den Eiffelturm erschaffen - in einer Zeit, in der Computersimulationen, 3-D-Ansichten, CAD-Programme noch in weiter, weiter Ferne lagen. Nicht ohne Grund galt der Brückenbau als die Hochtechnologie des 19. Jahrhunderts. Und diese Brücke überspannt noch heute das Tal der Wupper, während moderne Nachfolger trotz aller Hightech-Rechner und technischen Fortschritts nicht mal die Hälfte der Zeit überdauern.

Völlig zu Recht unterstützt daher die Landesregierung die bergischen Bemühungen, dieses Wunderwerk der Technik in die Unesco-Liste der Welterbe-Denkmäler eintragen zu lassen. Dass NRW die Großbogenbrücke als Vorschlag des Landes an die Bundesebene weiterreichen würde, ist vielleicht gar nicht mal die ganz große Überraschung. Denn zuvor hatte sich eine Fachjury nach intensiver Prüfung aller konkurrierenden Projekte klar für sie ausgesprochen.

Welterbe-Bewerbung: Einmütiges Votum für die Müngstener Brücke hat Gewicht

Überrascht hat vielmehr, dass die Brücke das einzige Projekt war. Eher war zu erwarten, dass die Bewerbung des ewig gehätschelten Ruhrgebiets mit seiner industriellen Kulturlandschaft gleichfalls mit berücksichtigt worden wäre. So aber bekommt das einmütige Votum noch mehr Gewicht.

Neben der unbezweifelbaren Faszination der filigranen Stahlgitterkonstruktion überzeugt wohl vor allem der Verbund mit fünf ähnlichen Bauwerken in Italien, Frankreich und Portugal. Dafür haben die Solinger Verantwortlichen alles gegeben und eine regelrechte europäische Aufbruchstimmung erzeugt. So gesehen würde der Welterbe-Titel nicht nur ein Denkmal würdigen (sogar eins, was beileibe nicht nur dekorative Zwecke erfüllt), sondern auch die europäische Seele streicheln. Die leidet in diesen unruhigen Zeiten schwer genug. Nie nach dem Ende des Weltkriegs war der innere Frieden in Europa so labil wie heute. Mag sein, dass die geniale Konstruktion, die vor allem Anton von Rieppel zugeschrieben wird, einen nicht unwichtigen Beitrag zur Stabilität Europas leisten kann.

Hoferichter-Nachfolge: Bewerbungsprozess ging nahezu geräuschlos über die Bühne

Läuft also gerade im Solinger Rathaus. In dieser Woche dürfte eine weitere Nachricht für Freude gesorgt haben: Offensichtlich ist es gelungen, einen qualifizierten Bewerber für eine der wichtigsten Führungspositionen in der Stadtspitze zu finden: Andreas Budde soll Nachfolger des Baudezernenten Hartmut Hoferichter werden, der Ende des Jahres in den Ruhestand geht.

Dass Hoferichter, inzwischen 67, zweimal den Renteneintritt verschob, lässt ahnen, wie diffizil die Personalsuche war. Denn die Stellenbeschreibung ist nicht ganz simpel. Schließlich stehen in Solingen massive Umbrüche in allen Stadtzentren an; insbesondere in der Mitte muss zudem die hoch umstrittene Mega-Frage Verkehrsführung und Mobilität gelöst werden.

Und schließlich ist der Grat schmal zwischen den Herausforderungen einer klimagerechten Baupolitik und dem Flächenbedarf einer wachsenden Großstadt für Wohnen und Arbeiten. Das alles in einer politischen Gemengelage, die mit volatilen Ratsmehrheiten nicht gerade einfach einzuhegen ist.

Dass der Bewerbungsprozess dennoch nahezu geräuschlos, nahtlos und ohne politische Sperrfeuer aus einem der diversen politischen Lager über die Bühne ging, ist fast ein kleines Wunder, wenn man die Vergangenheit im Auge hat. Da kam es eigentlich regelmäßig zum Streit zwischen den Parteien, weil bei der Bewerberauswahl eher das richtige Parteibuch als die fachliche Qualifikation zählte. Dass dieser Zwist ausblieb, ist erst mal ein sehr gutes Zeichen, zumal der derzeitige Arbeitgeber Buddes, der Kreis Viersen, den bevorstehenden Abgang ihres parteilosen technischen Beigeordneten betrauert. Dennoch: Nichts welkt so schnell, wie verfrühter Vorschusslorbeer - in die großen Schuhe Hartmut Hoferichters, die er nach zwei Dekaden seines Wirkens in Solingen hinterlässt, muss jeder Nachfolger erst einmal hineinwachsen.

Top: Solinger starten einjähriges Segelabenteuer

Flop: Hochwasser hat in Solingen neun Brücken zerstört - Wanderwege betroffen

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Mordprozess Hasseldelle: Gutachter stufen Angeklagte als voll schuldfähig ein
Mordprozess Hasseldelle: Gutachter stufen Angeklagte als voll schuldfähig ein
Mordprozess Hasseldelle: Gutachter stufen Angeklagte als voll schuldfähig ein
Corona: Inzidenzwert bleibt in Solingen weiterhin unter 50
Corona: Inzidenzwert bleibt in Solingen weiterhin unter 50
Corona: Inzidenzwert bleibt in Solingen weiterhin unter 50
800 Menschen demonstrieren in Solingen für mehr Klimaschutz
800 Menschen demonstrieren in Solingen für mehr Klimaschutz
800 Menschen demonstrieren in Solingen für mehr Klimaschutz
Mordprozess Hasseldelle: Keine Hinweise auf männlichen Täter
Mordprozess Hasseldelle: Keine Hinweise auf männlichen Täter
Mordprozess Hasseldelle: Keine Hinweise auf männlichen Täter

Kommentare