Die Woche von Stefan M. Kob

Wo Rudi Assauer recht hatte: Wegsehen löst keine Probleme

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Unter der bleiernen Schwere der Pandemie sind nicht nur die schönen Dinge des Lebens untergegangen – Treffen mit Freunden, Bummeln in der Stadt oder ein Cappuccino im Bistro.

Auch viele hässliche Themen schienen wie hinter einem Schleier verschwunden: Fremdenhass, Antisemitismus, Islamismus, rechts- oder linksradikale Umtriebe waren plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Jetzt, wo das Virus langsam seinen Schrecken verliert, wo fast die Hälfte der erwachsenen Solinger erstgeimpft ist, wo Sommerurlaub und Straßencafé in erreichbare Nähe rücken, werden die Probleme sichtbar. Wie sagte es einst Schalke-Legende Rudi Assauer so schön drastisch: Wenn der Schnee schmilzt, sieht man, wo die Kacke liegt.

Das Verbrennen der israelischen Fahne, die anlässlich des Jahrestags der Aufnahme diplomatischer Beziehungen vor dem Rathaus gehisst worden war, hat uns besonders drastisch daran erinnert, dass das Krebsgeschwür des Hasses nur geschlummert hat und nun umso gefährlicher wütet. Wieder ging der Name Solingen, 28 Jahre nach dem Brandanschlag, mit solchen Schlagzeilen um die Welt. Umso wichtiger, dass die Stadtgesellschaft ein unmissverständliches Zeichen gegen Hass und Antisemitismus gesetzt hat.

Ja, die Wunde des Brandanschlags, der sich nächste Woche jährt, schmerzt immer noch. Und immer wieder. Vor allem, weil Solingen als Symbol für mörderischen Hass in eine Reihe mit rechtsextremen Ausschreitungen etwa in Hoyerswerda oder Rostock gestellt wird. Doch es ist richtig und wichtig, dass unsere Stadt immer wieder deutlich macht: Es gibt hier keine „Reihe“. In Solingen gab es keine beklatschten Pogrome gegen Asylheime. Es gab zehntausende geschockte und betroffene Menschen, die mit Sternmärschen ein beeindruckendes Zeichen für Freundschaft und friedliches Zusammenleben setzten.

Dieser Unterschied ist nicht aus falsch verstandenem Lokalpatriotismus heraus wichtig: Wenn jetzt Hoyerswerda zum gemeinsamen Gedenken einlädt, so birgt das bei allem gut gemeinten Symbolismus die große Gefahr, dass tiefwurzelnde gesellschaftliche Probleme auf einzelne Städte, die noch nicht einmal vergleichbar sind, reduziert und damit fatalerweise als lokale Ereignisse fehlgedeutet werden. Es ist daher gut, dass unsere Stadt bei allen Gelegenheiten darauf hinweist. Zuletzt in einem Brief des Oberbürgermeisters an Bundespräsident a.D. Christian Wulff, den Ratsvorsitzenden der Deutschlandstiftung Integration. Dort setzt ein Videoclip Solingen unkommentiert an erste Stelle von Beispielen für Hass in Deutschland. Doch wie schnell wird aus einer scheinbar friedlichen Welt des Miteinanders ein Ort für rassistische Morde? Das musste zuletzt Hanau schmerzvoll erfahren.

Wäre es besser gewesen, angesichts dieses Hintergrunds und aufgrund der Hitze der Gefechte in Nahost, vorsichtshalber auf das Hissen der Israelflagge zu verzichten, wie es beispielsweise Wuppertal vorgezogen hat? Eindeutig nein: Denn nicht nur Rudi Assauer wusste, dass Wegsehen nichts nutzt. Das einzige, was hilft, ist die Probleme zu erkennen und anzugehen. Mit Forschung, Bildung, Ansprache und Angeboten. Wäre schön, wenn überregionale Medien und Institutionen auch einmal aufgreifen würden, was und wie viel in unserer Stadt dafür getan wird.

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