Unternehmenswicklung

Die Zahl der Gewerbebetriebe wächst trotz Krise

Ole Kirschner ist Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Creditreform Solingen. Archivfoto: Christian Beier
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Ole Kirschner ist Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Creditreform Solingen.

2020 gab es in der Region weniger Insolvenzen – Dennoch befürchtet die Creditreform eine Pleitewelle.

Von Manuel Böhnke

Bergisches Land. Wer den Bericht zur Unternehmenswicklung 2020 der Creditreform Solingen liest, könnte zum Schluss kommen, es läge ein gutes Jahr hinter der Wirtschaft. Demnach gab es in der Region der Städte Solingen, Remscheid und Leverkusen 1800 Gewerbetreibende mehr als 2019, die Zahl der Insolvenzen ging zurück. „Das mag überraschen“, sagt Ole Kirschner. Der Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei rechnet allerdings damit, dass sich die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie verzögert bemerkbar machen: „Eine Pleitewelle ist zu befürchten.“

„Eine Pleitewelle ist zu befürchten.“
Ole Kirschner, Creditreform-Geschäftsführer

Zweimal jährlich untersucht die Creditreform die Zahl der an- und abgemeldeten Unternehmen in Solingen, Remscheid, Leverkusen und acht weiteren Kommunen der Region. Das Ergebnis für 2020: 6750 Neuanmeldungen standen 4950 Löschungen gegenüber. Die Zahl der Insolvenzverfahren lag 2020 bei 184 – 24 Prozent weniger als im Vorjahr. In Relation zur Zahl der Unternehmen waren der Creditreform zufolge die Rechtsformen „GmbH“ und „GmbH & Co. KG“ besonders anfällig. In absoluten Zahlen traf es die vollhaftenden Gewerbetreibenden und Einzelkaufleute am häufigsten. Diese machten mehr als die Hälfte der Insolvenzverfahren aus.

Verhältnismäßig häufig waren die Industrie und das Baugewerbe betroffen. Die Untersuchung zeigt, dass das Insolvenzrisiko drei bis vier Jahre nach Unternehmensgründung dreimal höher ist als in anderen Altersklassen.

Setzt man die Zahl der Insolvenzen in Relation zu den Unternehmen in einer Stadt, bildet Remscheid das Schlusslicht in der Region. 40 Insolvenzverfahren wurden hier 2020 registriert. Das entspricht einem Indexwert von 1,45. In Leverkusen waren es ebenfalls 40 (Index: 1,21), in Solingen 30 (0,67). In Hückeswagen erwischte es fünf Firmen, in Radevormwald, Hückeswagen und Burscheid jeweils vier. 1400 Mitarbeiter haben laut Creditreform durch die Insolvenzen ihren Arbeitsplatz verloren oder müssen um ihren Job bangen. Der wirtschaftliche Schaden in der Region beziffert die Auskunftei auf 200 Millionen Euro. „Angesichts der allgemeinen wirtschaftlichen Lage hätte man verheerendere Zahlen vermuten können“, betont Kirschner.

Man müsse jedoch berücksichtigen, dass sich viele Unternehmen nur dank staatlicher Unterstützung und der ausgesetzten Pflicht zur Insolvenzanmeldung über Wasser halten können. „In einigen Betrieben steht es Spitz auf Knopf. Da kommt noch etwas auf uns zu“, sagt Kirschner. Vor allem die Lage in den von den beiden Lockdowns besonders hart getroffenen Branchen Handel und Gastronomie beobachtet er mit Sorge.

Auffällig ist, dass in keiner Stadt der Region die Gewerbeabmeldungen die Gewerbeanmeldungen übertrafen. Dementsprechend ist die Zahl der Gewerbetreibenden gewachsen. In Solingen um 330, was vor allem an deutlich weniger Löschungen als 2019 liegt. Doch auch in den anderen Städten steht ein Plus: In Remscheid liegt es bei 80, Wermelskirchen kommt auf 82, Langenfeld auf 122, Monheim auf 290, Leverkusen gar auf 770. Die Stadt am Rhein verzeichnete im zweiten Jahr in Folge mehr als 2000 Neugründungen. Zum Vergleich: In Solingen waren es im vergangenen Jahr 1190. Kirschner führt das unter anderem auf den deutlich gesenkten Gewerbesteuer-Hebesatz in Leverkusen zurück.

Unabhängig davon: Woran liegt es, dass die Zahl der Unternehmensgründungen 2020 trotz Krise recht stabil geblieben, in einigen Städten sogar gestiegen ist? „Das hätte ich in dieser Form auch nicht erwartet“, sagt Ole Kirschner. Er führt die Entwicklung zum einen auf eine immer bessere Gründungsberatung zurück. Zum anderen sagt er: „Je unsicherer die Situation auf dem Arbeitsmarkt, desto größer ist oftmals die Bereitschaft, sich selbstständig zu machen.“

Vor diesem Hintergrund hält es der Geschäftsführer für möglich, dass sich der positive Trend bei den Unternehmensgründungen 2021 fortsetzt. Sollten sich seine Befürchtungen bewahrheiten und die Zahl der Insolvenzen tatsächlich steigen, suchen viele Menschen nach einer neuen beruflichen Perspektive. Kirschner beobachtet diese Entwicklung gespannt: „Auch eine aus der Not geborene Selbstständigkeit kann erfolgreich sein.“

Zahlen

Gewerbeanmeldungen, Gewerbeabmeldungen im Jahr 2020:

Solingen: 1190, 860

Remscheid: 890, 810

Leverkusen: 2150, 1380

Wermelskirchen: 226, 144

Burscheid: 140, 130

Hückeswagen: 103, 64

Radevormwald: 135, 126

Langenfeld: 611, 489

Leichlingen: 250, 210

Monheim: 750, 460

Haan: 310, 280

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