Wirtschaft

Die Brauereien sind ins Bergische zurückgekehrt

Ein Ausschnitt aus der neuen bergischen Vielfalt: Die Erzquell-Brauerei in Wiehl war lange die einzige in der Region. . .
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Ein Ausschnitt aus der neuen bergischen Vielfalt: Die Erzquell-Brauerei in Wiehl war lange die einzige in der Region. . .

Am ersten Freitag im August wird der Internationale Tag des Bieres gefeiert

Von Sven Schlickowey

Bergisches Land. Sinkende Umsätze bei gleichzeitiger Zunahme der Mitbewerber: Was betriebswirtschaftlich völlig paradox klingt, gehört für Bierbrauer seit Jahren zum Alltag. Der heutige Internationale Tag des Bieres ist auch den Brauern gewidmet. Eine gute Gelegenheit, sich in der heimischen Bier-Szene umzuschauen.

Dass es die (wieder) gibt, hat seine Ursache in genau dieser Entwicklung. Während die großen Produzenten mit ihren überregionalen Marken Absatz verlieren, entstanden in den vergangenen Jahren zahlreiche kleine, lokale Brauereien. Allein in NRW nahm die Zahl der Braustätten laut Brauereiverband zwischen 1995 und 2019 um rund 50 Prozent zu. Quasi eine Gegenbewegung zum Brauereisterben der frühen 1990er-Jahre.

Damals hatte noch jede größere Stadt ihr eigenes Bier, doch dann erwischte es Beckmann in Solingen (1991), Carl Bremme in Wuppertal (1992) und Kipper in Remscheid (1993). An der Qualität habe das nicht unbedingt gelegen, ist Claus Kind heute noch überzeugt: „Kipper war eine beliebte, anerkannte Pilssorte“, erinnert sich der Remscheider. Doch dem Druck, insbesondere dem Preis-Druck, der Großen der Branche sei man nicht gewachsen gewesen.

. . . inzwischen gibt es Dellmann´s in Wermelskirchen. . .

Claus Kind ist ein ausgewiesener Kenner der hiesigen Bier-Szene, er stammt aus der Gründerfamilie der Erzquell-Brauerei im oberbergischen Wiehl. Die war lange eine der letzten Brauereien im Bergischen Land. Heute tummeln sich zwischen dem Städtedreieck und dem oberbergischen Süden rund ein halbes Dutzend Bierproduzenten. In Wuppertal und Gummersbach gibt es Brauhäuser, in Lindlar das 2T-Bier, in Wermelskirchen Dellmann´s Bräu und in Hückeswagen betreiben die Jazz-Brüder Roman und Julian Wasserfuhr ihre Schnaff-Brauerei.

Und auch Remscheid hat seit 2015 wieder ein eigenes Bier, das Remscheider Bräu. Bei einer Gartenparty hätten er und sein Geschäftspartner Marc Rüger mit einem Flensburger in der Hand überlegt, warum es eigentlich kein Remscheider gibt, erinnert sich Geschäftsführer Baran Dogan an die Anfänge der kleinen Brauerei im MK-Hotel am Hauptbahnhof. Heute bietet das Unternehmen nicht nur acht verschiedene Sorten, sondern auch Catering und Brauereiführungen an.

. . . Schnaff in Hückeswagen. . .

Lokalkolorit spiele nach wie vor eine große Rolle, meint Dogan: „Viele ehemalige Remscheider bestellen bei uns im Online-Shop, viele Remscheider nehmen unser Bier als Gastgeschenk mit.“ Wichtiger sei inzwischen aber die Qualität, der Geschmack – und dass ein Remscheider Bräu nach wie vor etwas Besonderes ist.

Das sei bei Bier nicht anders als bei anderen Lebensmitteln, sagt Dogan. „Für viele zählt vor allem, dass sie billig sind, aber immer mehr Menschen achten darauf, wo sie herkommen und dass sie gut schmecken.“ Und dann sei der Preis auch nicht immer entscheidend.

Neben dem Thema Regionalität und dem Wunsch nach dem Besonderen sieht Claus Kind noch einen weiteren Grund für den Erfolg kleiner Brauereien: „Viele Menschen möchten ganz bewusst lokale Produzenten unterstützen“, hat er beobachtet – und berichtet von einzelnen Getränkemärkten, die die bekannten Biersorten bewusst in die zweite Reihe räumen und die Top-Plätze lieber regionalen Marken zur Verfügung stellen.

. . .und das Remscheider Bräu.

Überleben können kleine Brauereien trotzdem häufig nur in der Nische. Der Wettbewerb auf dem Biermarkt sei brutal, sagt Claus Kind. Habe man vor 30 Jahren mit Fernsehbier, so der brancheninterne Ausdruck für Standardware, noch gutes Geld verdienen können, gelinge dies heute meist nur noch den ganz Großen über Masse. Während kleine Brauereien schon mal drei und mehr Euro pro Flasche nehmen müssen.

Doch die Branche könne sich noch entwickeln, sagt Baran Dogan: „Der Trend geht definitiv nach oben.“ Immer mehr Menschen würden sich für Bier interessieren, auch weil sich das Image des Getränks wandelt: „Wenn man früher an Bier gedacht hat, hat man an Bierbauch gedacht.“ Heute stehe Bier für Genuss.

Und auch auf der Produzentenseite gebe es stetig Neues. „Die Szene der Hobbybrauer ist sehr interessant“, sagt Dogan. Und einige davon kämen mit ihren Bieren auch auf den Markt. Statt diese Konkurrenz zu fürchten, freue er sich, dass das Bier-Angebot immer bunter und damit interessanter wird: „Ich bin für alles dankbar, was in der Szene passiert.“

Hintergrund

Mehr als 140 Liter Bier pro Jahr trank jeder Deutsche in den 1980er-Jahren noch im Schnitt. 2005 war dieser Wert bereits auf 115 Liter gefallen, 2019 wurden die magische Grenze von 100 Litern erstmals unterschritten, im Vorjahr trank jeder Deutsche noch durchschnittlich 94,6 Liter Bier. Andersrum entwickelte sich die Zahl der betriebenen Braustätten in den vergangenen Jahren: Aus 1341 in ganz Deutschland im Jahr 2012 wurden deutlich mehr als 1500 im Jahr 2019.

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