Wirtschaft

Jobcenter sehen unterschiedliche Probleme

Das Remscheider Jobcenter an der Bismarckstraße verzeichnete der Corona-Pandemie zum Trotz einen leichten Rückgang bei den Leistungsempfängern. Archivfoto: Roland Keusch
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Das Remscheider Jobcenter an der Bismarckstraße verzeichnete der Corona-Pandemie zum Trotz einen leichten Rückgang bei den Leistungsempfängern. Archivfoto: Roland Keusch

In Wuppertal macht man sich Sorgen um Selbstständige, in Solingen steigt die Zahl der Langleistungsbezieher

Von Andreas Boller und Manuel Böhnke

Bergisches Land. Einmal im Jahr veröffentlicht die Creditreform ihren Schuldneratlas. Darin vergleicht die Wirtschaftsauskunftei, wie viele überschuldete Menschen es pro kreisfreier Stadt oder Landkreis gibt. Remscheid, Wuppertal und Solingen schneiden dabei schlecht ab: Sie landeten Ende 2020 auf den Plätzen 373, 384 und 396 von 401. Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie dürften die Situation zusätzlich verschärfen. So haben beispielsweise Solo-Selbstständige zu kämpfen.

In ihrer Halbjahresbilanz geht die Creditreform von einem starken Anstieg der Privatinsolvenzen aus, hat bundesweit im ersten Halbjahr 2021 bereits 46 000 Fälle mehr als 2020 verzeichnet. Christoph Zerhusen von der Verbraucherzentrale NRW sieht wie auch die Creditreform Corona nicht als alleinigen Grund. Vor allem eine Reform des Verbraucherinsolvenzrechts, die mit dem neuen Jahr in Kraft getreten ist, sei für den massiven Anstieg verantwortlich. Da seit dem 1. Januar 2021 die Restschuldbefreiung für Privatleute von sechs auf drei Jahre verkürzt werden kann, hätten viele Solo-Selbstständige diesen Schritt, der noch immer ein Tabu-Thema ist, erst in diesem Jahr getan.

„In der Regel geht einer Privatinsolvenz ein Schicksalsschlag voraus“, erklärt Zerhusen. Für Solo-Selbstständige wie die Hochzeitsfotografen sei die Corona-Pandemie ein solcher Schicksalsschlag, weil der Branche von heute auf morgen auf nicht absehbare Zeit die Geschäftsgrundlage entzogen worden ist. „Nach der ersten und zweiten Welle waren dann bei vielen Selbstständigen zum Jahreswechsel die Reserven aufgebraucht“, sagt Zerhusen.

Im Jobcenter der Stadt Wuppertal schlägt sich diese Entwicklung in der Statistik der sogenannten Leistungsempfänger nieder. „Der Anstieg der Selbstständigen ist der Bereich, der uns neben den Alleinerziehenden in der Corona-Krise die größten Sorgen bereitet“, sagt Vorstandsmitglied Andreas Kletzander. Von 600 beim Jobcenter gemeldeten Selbstständigen im März 2020 stieg die Zahl über 770 (nach dem zweiten Lockdown) und 870 im Dezember 2020 steil an. Seit Februar (960) hat die Entwicklung zusätzlich an Fahrt aufgenommen, zuletzt kamen 95 Neuanmeldungen in einem Monat dazu.

„Keine Arbeit zu haben, macht krank – wenn ich krank bin, kann ich keine Arbeit aufnehmen.“

Jobcenter Solingen

In Remscheid stellt sich die Situation anders dar. Zwar stieg auch dort die Zahl zwischen Mitte März und Mitte April 2020 um 124 Prozent von 37 auf 83 an. „Aus unterschiedlichen Gründen wie Überbrückungshilfen und berufliche Neuausrichtungen sank sie dann im Jahresverlauf wieder“, erklärt das dortige Jobcenter. Die Tendenz sei weiterhin leicht fallend. Nichtsdestotrotz liege der Wert mit 65 Selbstständigen in der Betreuung noch immer 76 Prozent über dem Ausgangswert.

In Solingen dagegen ist kein nachhaltiger Anstieg ehemals Selbstständiger Leistungsempfänger zu erkennen. Auch wenn zwischenzeitlich ein Plus von 23 Prozent zu verzeichnen war, befinde man sich wieder auf dem Vor-Corona-Niveau. Aktuell zählt das Solinger Jobcenter 194 Betroffene in 87 Bedarfsgemeinschaften.

Überhaupt sind die Verantwortlichen in der Klingenstadt mit der Entwicklung während der Corona-Krise zufrieden. Demnach erhalten aktuell etwa 6800 Bedarfsgemeinschaften Leistungen durch das Jobcenter. „Damit sind wir fast exakt auf dem Niveau von vor Corona“, heißt es von der städtischen Pressestelle. Man dürfe jedoch nicht verschweigen, dass sich noch immer Menschen in Kurzarbeit befinden. Deshalb sei eine abschließende Bewertung noch nicht möglich. „Es sieht aber gut aus.“

Trotz der Pandemie ist in Remscheid sogar ein leichter Rückgang der Leistungsbezieher zu verzeichnen. Das Jobcenter meldet ein Minus von 1,7 Prozent von März 2020 bis Juni 2021. Wuppertal hat dagegen mit einem moderaten Anstieg zu kämpfen. Dass Solingen und Remscheid im Vergleich besser dastehen, führt das Jobcenter Remscheid auf die „günstigeren Wirtschaftsdaten“, etwa die Industrie- und Exportumsätze, zurück.

Doch auch in der Klingenstadt gibt es ungünstige Entwicklungen: „Anders als in Wuppertal sorgen wir uns mehr um unseren Langzeitleistungsbezieher.“ Der Anteil derer, die in den vergangenen zwei Jahren mindestens 21 Leistungen empfangen haben, sei um knapp 300 gestiegen. Diese Entwicklung bewerten die Verantwortlichen „ausgesprochen kritisch“: „Keine Arbeit zu haben, macht krank – wenn ich krank bin kann ich keine Arbeit aufnehmen.“

Schuldneratlas

Jährlich gibt die Creditreform ihren Schuldneratlas heraus. Damit möchte der führende Anbieter von Wirtschaftsinformationen, Marketingdaten und Lösungen zum Forderungsmanagement einen bundesweiten Vergleich ermöglichen. Dies geschieht mit Hilfe der sogenannten Schuldnerquote. Dieser Wert gibt an, wie viele Einwohner einer Region als überschuldet gelten. 2020 belegte Wuppertal bei der Auswertung der Wirtschaftsauskunftei unter 401 kreisfreien Städten und Landkreisen mit einer Quote von 17,73 Prozent den 396. Platz. Nur geringfügig besser war die Quote in Solingen: 15,3 Prozent bedeuteten Rang 384. Im bergischen Vergleich schnitt Remscheid mit Platz 373 und einer Schuldnerquote von 14,2 Prozent am besten ab.

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