Nutzen statt entsorgen

Diese Taschen entstehen aus alten Zementsäcken

Stefan Schult präsentiert die bunten Taschen seiner Firma Beadbags.
+
Stefan Schult präsentiert die bunten Taschen seiner Firma Beadbags.

Die Wermelskirchener Firma Beadbags verwendet gebrauchte Rohstoffe für ihre Taschen, Rucksäcke und Beutel.

Von Arnd Janssen

Wermelskirchen. Stefan Schult ist ein beschäftigter Mann. Es dauert eine ganze Weile, bevor der Geschäftsführer des Wermelskirchener Taschenunternehmens Beadbags eine Terminanfrage bestätigt. „Wir sind gerade in einer Situation, wo wir ganz viel Wachstum haben“, sagt Schult. Man sei so beschäftigt, weil man den Verkauf auf Online-Plattformen derzeit stark ausbaue.

Das ist vielleicht auch schon ein Grund, warum viele Wermelskirchener das Unternehmen gar nicht kennen. Denn die Bead GmbH verkauft zwar im stationären Handel, allerdings nicht in der Stadt des Firmensitzes, sondern bei Hunderten von Partnerhändlern europaweit. Dazu liegt der Fokus auf dem Online-Geschäft. Ein einziger Pop-up-Store steht in der Bremer Innenstadt. Warum also das Bergische?

Lesen Sie auch: Forum zeigt auf, wie nachhaltiges Wirtschaften gelingen kann

Recycelte Taschen: Wie alles begann

„Ich bin ein Nordlicht“, sagt der gebürtige Cuxhavener Schult. Doch beruflich zog es den Diplom-Kaufmann ins Rheinland, er arbeitet lange erfolgreich im Handel. Dann kam ihm die Idee, eine eigenes, „werthaltiges Unternehmen“ zu gründen, wie Schult es ausdrückt. „Meine Frau und ich wollten etwas Sinnvolles machen. Sie ist Grafikdesignerin und sagte zu mir: Lass uns mal Taschen und Federmäppchen machen“, sagt Schult.

Durch Reisen in Lateinamerika und Südostasien sowie heimische Recherche kam Schult dann auf das für ihn optimale Material: Säcke aus Polypropylen (PP), die vorher Zement, Reis oder Fischfutter enthalten haben. „Diese Säcke sind reißfest und komplett wasserfest bei Regen“, sagt Schult. Sie bestechen durch bunte Farben und Aufdrucke. Der Vorteil der Taschen: Sie sind in Massen vorhanden – der Nachteil: Sie werden nach einmaliger Benutzung meist weggeschmissen oder verbrannt.

„Ich habe ein Projekt in Kambodscha gefunden, die wollten Abfälle zu Taschen machen, die sich Leute dort leisten können“, erzählt Schult. Er erkennt das Potenzial für den deutschen Markt. „Kambodscha ist ein wachsendes Land, durch die Urbanisierung wird extrem viel gebaut“, so Schult. Rohstoff in Form von Zementsäcken ist also vor Ort reichlich vorhanden.

2007 gründet Schult, der damals schon in Wermelskirchen wohnt, Beadbags. Am Anfang leitet Schult das Unternehmen mit seiner Frau noch aus der Küche heraus, mittlerweile dient das Lager in Tente als Basis für den Online-Handel. Als Partner arbeitet Bead mit dem Lesota-Werk der Lebenshilfe Remscheid in Lennep und Bergisch Born zusammen. In der Werkstatt für Menschen mit Behinderung wird die Logistik für Lieferungen an Großkunden übernommen.

Beadbags produziert in Kambodscha

In Kambodscha werden an zwei Produktionsstätten mit rund 600 Beschäftigten Taschen, Rucksäcke, Federmappen, Geldbörsen und Kosmetikbeutel produziert. Die bäuerlichen Familien verdienen sich durch das Nähen der Taschen etwas dazu. Zertifiziert sind diese mit dem Siegel der World Fair Trade Organization, die Umweltschutz, faire Bezahlung und Transparenz in der Produktion sicherstellen soll. Das Credo von Beadbags: „Wir wollen den Recycling-Gedanken nach vorne bringen“, sagt Schult. Deshalb seien seine Produkte aus „Virgin Material“, also einem Stoff, der nach dem Erstgebrauch nicht neu bearbeitet wird, sondern ohne weiteren Energieverbrauch (etwa durch Einschmelzen) weitergenutzt wird.

„Vor zehn Jahren wurden wir noch als nachhaltige Spinner verlacht, wir waren einfach noch zu früh“, erinnert sich Schult. Der große Andrang auf die Produkte kam etwa vor vier Jahren. Im März 2022 eröffnete man ein eigenes Geschäft in Bremen, ein Aktionsprogramm zur Bekämpfung von Leerstand machte dies möglich.

Nachhaltig produzierte Taschen aus gebrauchten Rohstoffen liegen im Trend. Die Zahl der Unternehmen, die sich im Bereich nachhaltiger Textilien und Taschen behaupten wollen, ist rasant gestiegen. Und doch sagt Schult: „Wir wollen in fünf bis acht Jahren einer der europäischen Marktführer im Bereich nachhaltiger Accessoires werden.“ Konzept, Geschichte und Transparenz würden sie von Konkurrenten abheben. Und dass die Taschen wirklich zum größten Teil recycelt seien, lediglich Reißverschlüsse oder Taschengriffe seien aus Neumaterial.

Mehr zum Thema Nachhaltigkeit

Tatsächlich leben die Beadbags von ihrer Einzigartigkeit und enthalten so manchen Clou, die Schult und Team einbauen: „Wir benutzen Gurte, die an den Häfen in Deutschland genutzt wurden, und nähen sie an die Taschen aus Kambodscha. Das finden die Kunden geil“, ist sich Schult sicher. So sollen auch heimische Materialien, die für die Entsorgung vorgesehen sind, ein zweites Leben bekommen. Und jede Tasche wird zum Unikat.

Für April 2023 plant Schult den Start einer neuen Produktpalette. Diese soll aus „Ocean Bound Plastic“ hergestellt werden, also Plastikmüll, der sich in Flüssen, Seen oder an Stränden sammelt und durch Strömungen in die Ozeane gelangt. „Wir wollen 50 Kilometer rund um die Flüsse und Strände Plastik sammeln. 30 Prozent der weltweiten Verschmutzung kommen aus dem Jangtse-Fluss in China“, sagt Schult. Aus dem Plastik kann Garn fürs Herstellen von Textilien angefertigt werden. „Da wollen wir ehrlich zeigen, wie viel Ozean-Plastik drin ist“, versichert der 57-Jährige.

Hier gibt es die Taschen

In der Region findet man die Produkte unter anderem bei Geschenk Scheideweg in Hückeswagen und bei Taschenputtel in Opladen. Die Produkte sind auch unter beadbags.beadbags-shop.de erhältlich.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Das kleine Einmaleins der Urlaubsplanung
Das kleine Einmaleins der Urlaubsplanung
Das kleine Einmaleins der Urlaubsplanung
Ehepaar stellt seit 27 Jahren Bauernkäse her
Ehepaar stellt seit 27 Jahren Bauernkäse her
Ehepaar stellt seit 27 Jahren Bauernkäse her
Breidenbach baut Firmensitz weiter aus
Breidenbach baut Firmensitz weiter aus
Breidenbach baut Firmensitz weiter aus
Mitarbeiter kickern für ein gutes Betriebsklima
Mitarbeiter kickern für ein gutes Betriebsklima
Mitarbeiter kickern für ein gutes Betriebsklima

Kommentare