Wirtschaft

Unternehmen forscht an Mittel gegen Alzheimer

Seit September 2020 ist Philipp Bürling Geschäftsführer des Düsseldorfer Unternehmens Priavoid. Foto: Bio.NRW
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Seit September 2020 ist Philipp Bürling Geschäftsführer des Düsseldorfer Unternehmens Priavoid.

Der Solinger Philipp Bürling ist Geschäftsführer der Düsseldorfer Firma Priavoid.

Von Manuel Böhnke

Solingen/Düsseldorf. Fasziniert blickt Philipp Bürling auf Biontech. Binnen weniger Monate ist es dem Mainzer Unternehmen gelungen, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln. Jüngst schafften es die Gründer Özlem Türeci und Ugur Sahin auf die Titelseite des „Time“-Magazins. „Das Cover muss es nicht sein“, sagt der 37-jährige Bürling lachend. Doch er ist überzeugt, dass auch Priavoid „die riesige Chance hat, eine Geißel der Menschheit zu besiegen“. Um ein Virus geht es dabei nicht. Das Düsseldorfer Unternehmen, dessen Geschäftsführer der Solinger ist, forscht an einem Mittel gegen Alzheimer.

Seit 2017 existiert die Priavoid GmbH. Es handelt sich um eine Ausgründung des Forschungszentrums Jülich und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. An beiden Institutionen ist Prof. Dieter Willbold tätig. Auf ihn geht die Forschung zurück, die den Grundstein für Priavoid legte.

„Unser Fokus sind neurodegenerative Erkrankungen“, erklärt Bürling. Ein Beispiel: Alzheimer. Als ein Treiber der tückischen Krankheit gelten Beta-Amyloid-Oligomere. Das sind – vereinfacht ausgedrückt – verklumpte Peptide, die das Nervensystem beschädigen. Die Priavoid-Technologie hat das Ziel, die Verklumpungen aufzulösen.

„Priavoid hat die riesige Chance, eine Geißel der Menschheit zu besiegen.“
Philipp Bürling, Priavoid-Geschäftsführer

Gelingen soll das mit D-enantiomeren Peptiden. Dabei handelt es sich um die Spiegelbilder der in Proteinen vorkommenden l-Aminosäuren. „Der Wirkstoff zerstört die Oligomere“, erklärt Bürling. Mit diesem Wirkmechanismus, hofft das Unternehmen, könnten auch Mittel gegen andere Erkrankungen des zentralen Nervensystems entwickelt werden, etwa Parkinson und ALS.

Bis es so weit ist, werden allerdings noch einige Jahre ins Land gehen. Der Alzheimer-Wirkstoff hat die erste Phase der klinischen Studien abgeschlossen. An gesunden Probanden wurde getestet, ob sich unvorhergesehene Nebenwirkungen einstellen. „Dabei gab es keine Auffälligkeiten“, sagt Bürling.

In der zweiten Studienphase geht es neben der Sicherheit des Mittels auch darum, ob es tatsächlich wirksam ist. In Phase III werden Sicherheit und Wirksamkeit in einer großangelegten Studie getestet. „Durch das aktuell große Interesse an der Impfstoffentwicklung weiß nun wirklich jeder, wie die klinische Prüfung von Arzneimitteln abläuft, was meine Erklärungen merklich abkürzt“, sagt der 37-Jährige schmunzelnd.

Sollte der Priavoid-Wirkstoff Marktreife erlangen, würde die junge Firma das Medikament allerdings nicht selbst vermarkten. „Wir sind ein agiles Unternehmen mit zehn Mitarbeitern, das auf Entwicklung spezialisiert ist“, betont Philipp Bürling. Vielmehr plant Priavoid, in der Zukunft seine Wirkstoffe an große Pharmakonzerne zu lizenzieren, wie es in der Branche üblich ist.

Seit September 2020 ist Philipp Bürling Priavoid-Geschäftsführer. Zu seinen Hauptaufgaben zählt aktuell die Investorensuche. Denn noch steht die Finanzierung für die zweite Studienphase nicht. „In der Vergangenheit wurde in der Alzheimer-Forschung viel Geld verbrannt“, erklärt der Solinger. Deshalb sei es schwierig, Geldgeber zu überzeugen.

Doch Priavoid verfolgt einen anderen Ansatz als bei den bisherigen Versuchen. Dass der eingeschlagene Weg vielversprechend ist, belegt eine Personalie: Seit Dezember ist Prof. Stanley Prusiner Teil des Priavoid-Aufsichtsrats. Er erhielt 1997 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für die Entdeckung der Prionen.

Prionen, Oligomere, D-enantiomeren Peptiden – für Philipp Bürling waren diese Begriffe anfangs fremd. Von der fünften bis zur neunten Klasse besuchte er das Gymnasium August-Dicke-Schule. Später lebte er zwei Jahre in den USA, ehe er 2004 sein Abi an der Gesamtschule Wupperstraße machte. In Mannheim studierte er Wirtschaftsinformatik, arbeitete im Anschluss zehn Jahre bei der Schenker AG.

2017 wagte er den Branchenwechsel. Mit dem Solinger Dr. Christian Schwarz gründete er Numaferm (Eigenschreibweise: NUMAFERM) in Düsseldorf. Das Biotechnologie-Start-up ist auf die Herstellung von Peptiden spezialisiert. Im vergangenen Jahr hat Bürling Numaferm verlassen. Als er fast unmittelbar danach das Angebot von Priavoid bekam, musste der 37-Jährige nicht lange überlegen. Dass ihm bisweilen der naturwissenschaftliche Hintergrund fehlt, sei kein Problem. Im Gegenteil: „Wenn ich Geldgeber überzeugen muss, ist es gar nicht schlecht, das Thema mit möglichst einfachen Worten zu erklären.“

So leistet der Solinger Philipp Bürling seinen Anteil bei der Suche nach einem Mittel gegen Alzheimer. Und fühlt sich wohl dabei: „Das Thema hat für die Gesellschaft eine deutlich größere Bedeutung als ein IT-Integrationsprojekt bei einem Konzern.“

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