Corona-Krise

Transparenz hilft, wenn es schnell gehen muss

Clemens und Philip Rathmayr und ihr Mitarbeiter Azgin Ünal in ihrem Solinger Unternehmen im Gespräch mit Volker Pleiss und Stefan Grote von der Stadtsparkasse Remscheid (v.li.). Der Austausch ist in der Krise besonders wichtig. Foto: Christian Beier
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Clemens und Philip Rathmayr und ihr Mitarbeiter Azgin Ünal in ihrem Solinger Unternehmen im Gespräch mit Volker Pleiss und Stefan Grote von der Stadtsparkasse Remscheid (v.li.). Der Austausch ist in der Krise besonders wichtig.

Am Beispiel Max Klein: So geht der bergische Mittelstand mit der Corona-Krise um.

Von Sven Schlickowey

Bergisches Land. „Wenn bei den Lkw-Herstellern die Bänder stillstehen, dann tun sie das bei uns auch“, sagt Clemens Rathmayr. Der 38-Jährige führt zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder die GmbH & Co. KG, einen Spezialisten fürs Stauchschmieden, der unter anderem Nutzfahrzeughersteller mit Radmutter- und Kreuzschlüsseln beliefert. Bauen Mercedes, DAF und Co. keine Fahrzeuge, verkauft Rathmayr ihnen auch keine Schlüssel. Das macht das Solinger Unternehmen zu einem Beispiel für Hunderte bergische Firmen, denen es ähnlich geht: Corona hat sie in die Krise gestürzt – die sie nun irgendwie überleben müssen.

„Man ist als Unternehmer immer Risiken ausgesetzt“, sagt Clemens Rathmayr rückblickend. „Aber darauf konnte sich keiner vorbereiten.“ Dank guter Beziehungen nach China „haben wir relativ früh gemerkt, dass da was Gröberes kommt“, erinnert er sich. Spätestens Mitte März habe man entsprechende Maßnahmen ergriffen. „Da haben wir auch aus der Krise 2008 gelernt, damals haben wir vielleicht nicht schnell genug reagiert.“

„Das ist sicherlich nicht schön, aber besser als jemanden zu kündigen.“
Clemens Rathmayr über Kurzarbeit

Im April sei der Umsatz um 80 Prozent eingebrochen, sagt Rathmayr, im Mai immer noch um 60 Prozent. „Das kann man natürlich nicht lange durchhalten.“ In einer Umfrage der Uni Wuppertal gaben Ende Mai noch nicht einmal sechs Prozent der bergischen Unternehmen an, nicht von der Pandemie betroffen zu sein. Mehr als ein Viertel hingegen sprach von starken Auswirkungen, 7,6 Prozent schätzen Corona und seine Folgen als existenzielle Bedrohung ein.

Die drei Rathmayrs reagierten wie viele Firmen in der Region. „Wir haben versucht, die variablen Kosten zu drosseln“, beschreibt es Clemens Rathmayr. Für die 42 Mitarbeiter habe man Kurzarbeit angemeldet. „Das ist sicherlich nicht schön, aber besser als jemanden zu kündigen.“ Außerdem habe man sich bemüht, im Einkauf zu sparen und Bestellungen zu stornieren oder zu verschieben. „Da hatten wir den Vorteil, dass viele unsere Lieferanten gar nicht liefern konnten.“ Hinzu kamen 25 000 Euro Soforthilfe von Land NRW. „Das hat aber nur kurzfristig geholfen.“

Einer der wichtigsten Ansprechpartner, nicht nur in dieser Phase, war Stefan Grote, Firmenkundenberater der Stadtsparkasse Remscheid, der Hausbank von Max Klein. „Die Sparkasse kam relativ schnell ins Spiel“, sagt Clemens Rathmayr. Schließlich sei die Sicherung der Liquidität in solch einer Situation von zentraler Bedeutung. „Sonst sind die Konten irgendwann leer.“ 2014 war die Firma von Remscheid nach Solingen umgezogen und hatten dort eine passende Immobilie erworben. „Dazu auch noch Rücklagen zu bilden, ist schwierig.“

Spätestens an dieser Stelle habe es sich ausgezahlt, dass Bank und Unternehmen schon lange vor der Krise vertrauensvoll zusammen gearbeitet hätten, sagt Grote. Man habe seit Jahren regelmäßig Reportings erhalten. „Das macht es natürlich leicht, Entscheidungen zu treffen, weil der Unternehmer uns an seinem Unternehmen teilhaben lässt.“

Hinzu komme das für ein Unternehmen dieser Größe außergewöhnlich gute Berichtswesen bei Max Klein, sagt Volker Pleiss, Bereichsdirektor Firmenkunden bei der Stadtsparkasse. Selbst bei vielen größeren Firmen sei das Berichtswesen „sehr nach innen gerichtet“, so Pleiss. Mit den darin enthaltenen Daten könnten Außenstehende oft nichts anfangen. Im Notfall führe das zu Reibungsverlusten, denn: „Transparenz hilft in Phasen, in denen es schnell gehen muss.“

Mit mehr als 300 Firmenkunden habe allein die Remscheider Sparkasse in der bisherigen Krise ähnliche Gespräche geführt, berichtet Pleiss. Davon rund die Hälfte Klein- und Kleinstunternehmer, die andere Hälfte Mittelständler wie Max Klein. Staatliche Mittel von der Soforthilfe bis zum Förderkredit gebe es viele, doch in jedem Fall müsse abgewogen werden, welche Maßnahme am besten greife.

Und das mit einem Haufen Eventualitäten und Unsicherheiten. „Wir sind ja in einer Situation, in der wir nicht wissen, wohin die Reise geht“, formuliert es Kundenberater Grote. „Wir arbeiten mit Annahmen.“ Im Fall von Max Klein mit einer Finanzplanung „mit Zahlen, die ich mir vorstellen kann“, wie es Clemens Rathmayr ausdrückt. Eine Annahme zwar, aber eine gut begründete. Und mit einem Puffer.

Dabei herausgekommen ist eine Strategie, die vor allem auf den zinsgünstigen KfW-Unternehmerkredit setzt. Damit wollen die Rathmayrs die Flaute überbrücken, um danach wieder durchstarten zu können. „Bis wir ins normale Fahrwasser zurückkehren, wird es noch etwas dauern“, sagt Clemens Rathmayr. Doch es gebe auch Anlass für Optimismus. So habe er Kontakt zu einem potenziellen Großkunden aufgenommen, der seine Schlüssel bisher aus Asien bezieht, dessen Lieferkette aber durch Corona unterbrochen wurde. „Der sieht ja jetzt, welches Risiko darin steckt“, sagt Rathmayr. „Wenn ich dem einen guten Preis mache, was soll der schon anderes machen, als nach der Krise bei uns bestellen?“

Hintergrund

Die Folgen der aktuellen Pandemie für die bergische Wirtschaft sind gravierend. Das zeigte bereits eine Umfrage des Remscheider Fachverbands Werkzeugindustrie Mitte Mai, in der 20 Prozent der Firmen angaben, unter den aktuellen Rahmenbedingungen nicht länger als drei Monate überleben zu können. Auch eine Studie der Uni Wuppertal kam zu dem Schluss, „dass eine schnelle Erholung sehr unwahrscheinlich ist.“ Aktuell wurde für rund 40 Prozent aller Angestellten im Städtedreieck Kurzarbeit angemeldet.

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