Interview

Thomas Meyer: „Ich werde immer wirtschaftspolitisch engagiert bleiben“

Seit 2013 ist Thomas Meyer IHK-Präsident. Nun liegt der Fokus wieder voll auf seinem Unternehmen, der TKM-Gruppe. Foto: Roland Keusch
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Seit 2013 ist Thomas Meyer IHK-Präsident. Nun liegt der Fokus wieder voll auf seinem Unternehmen, der TKM-Gruppe.

Der scheidende IHK-Präsident Thomas Meyer spricht in unserem Podcast „Bergische Macher“ über seinen Werdegang, die Corona-Politik und Herausforderungen für seinen Nachfolger.

Bergisches Land. Am 8. Juni kommt die neue Vollversammlung der Bergischen Industrie- und Handelskammer (IHK) zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammen. An diesem Tag wird auch ein Nachfolger für Thomas Meyer bestimmt. Acht Jahre lang war der geschäftsführende Gesellschafter der Remscheider TKM-Gruppe IHK-Präsident.

Herr Meyer, bis zum Abitur lebten Sie in Hannover. Worin unterscheiden sich die Niedersachsen und die Bergischen?
Thomas Meyer: Den Hannoveranern sagt man nach, dass sie am Anfang eher distanziert sind. Kennt man sie näher, sind sie sehr vertrauensvoll und man kann sich auf sie verlassen. Das ist eine Gemeinsamkeit mit dem Bergischen Land. Was die Bergischen noch etwas mehr auszeichnet, ist, dass sie einen richtig sturen Kopf haben können. Wenn sie von etwas überzeugt sind, treten sie fest dafür ein und ändern nicht so schnell ihre Meinung.
Wie sind Sie ins Bergische Land gekommen?
Meyer: Nach dem Abitur bin ich zur Bundeswehr gegangen und habe dort Maschinenbau studiert. Daran habe ich in Köln ein Aufbaustudium im Bereich Wirtschaft angeschlossen. Einer meiner Professoren hatte damals Kontakt zur Remscheider Barmag AG. Dort lief es Anfang der 80er Jahre in einer Abteilung nicht so, wie sich das der Vorstand vorgestellt hatte. Ich konnte das Problem lösen und die Barmag hat sofort gefragt, ob ich nicht bleiben möchte.
Acht Jahre lang waren Sie für das Unternehmen tätig. Nach der Monforts GmbH in Mönchengladbach als Zwischenstation sind sie 1993 in die Remscheider Firma IKS Klingelnberg eingestiegen.
Meyer: Ich lernte Diether Klingelnberg kennen, der einen Geschäftsführer und Mitgesellschafter für seine Industriemessergesellschaft suchte. Das war ein super Angebot, über das ich nicht lange nachdenken musste.
Seinerzeit hatte das Unternehmen rund 120 Mitarbeiter. Heute zählt die TKM-Gruppe rund 850 Beschäftigte an zwölf Standorten. Welche Faktoren haben dieses Wachstum begünstigt?
Meyer: Wir haben immer auf die Marktseite geschaut und uns gefragt, wie wir unsere Kunden bestmöglich unterstützen können. Auf der anderen Seite haben wir, wo immer es möglich war, Prozesse automatisiert. Das hat sich nicht nur positiv auf die Qualität, sondern auch auf die Kosten ausgewirkt, was in einem Hochlohnland wie Deutschland wichtig ist. Der letzte Punkt: Wir achten sehr darauf, dass keiner unserer Kunden mehr als drei Prozent des Gruppenumsatzes ausmacht. Das heißt, kein Kunde kann uns mit seinen Problemen in Schwierigkeiten bringen. Und weil wir verschiedene Industriezweige beliefern, sind wir relativ unabhängig von konjunkturellen Schwankungen. Das bewährt sich auch in der Corona-Krise.
Unabhängig von der Pandemie: Was ist für Unternehmer derzeit die größte Herausforderung?
Meyer: Auf der einen Seite ist es sehr wichtig, qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen, sie zu halten, aus- und weiterzubilden. Niemand kann ein erfolgreiches Unternehmen alleine aufbauen. Natürlich spielen auch die Themen Digitalisierung und Automatisierung eine große Rolle.
Wie gelingt es im Wettbewerb mit anderen Unternehmen, Fachkräfte zu finden und zu binden?
Meyer: Man muss den Mitarbeitern etwas bieten. Und das hat nicht nur mit Geld zu tun. Natürlich muss das stimmen. Es geht aber zusätzlich um Faktoren wie eine gute Ausbildung, Aufstiegsmöglichkeiten, das Betriebsklima.
Das Thema Ausbildung haben Sie als IHK-Präsident immer wieder angemahnt. 2009 ließen Sie sich erstmals für die IHK-Vollversammlung aufstellen. Was war damals Ihr Antrieb?
Meyer: Wir haben in Deutschland die Möglichkeit, dass sich die Wirtschaft zu einem Teil über die Industrie- und Handelskammern selbst verwalten kann. Das ist eine tolle Chance, im positiven Sinne Einfluss auf die Wirtschaftspolitik zu nehmen, die ich nutzen wollte.
Nachdem Sie 2013 zum IHK-Präsidenten gewählt wurden, haben Sie in Ihrer Antrittsrede erklärt, der Bevölkerung sei das Bewusstsein für die Bedeutung von Industrie, Dienstleistung und Handel für den Wohlstand unserer Region abhandengekommen. Hat sich seitdem etwas daran verändert?
Meyer: Ich glaube, dass wir im Bergischen aber auch auf Landes- und Bundesebene dazu beitragen konnten, dass das Thema Wirtschaft wieder mehr ins Bewusstsein gekommen ist. Mir war es wichtig, dass die Menschen verstehen, dass man an einer gesunden Wirtschaft ein hohes Eigeninteresse haben muss. Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es dem Staat durch die Steuereinnahmen insgesamt besser, was wiederum den Bürgern zugutekommt. Dieser Zusammenhang muss klarwerden.
Welche Rolle spielt die Corona-Krise in dieser Entwicklung?
Meyer: Zunächst muss man sagen, dass Corona für die Wirtschaft eine Katastrophe ist, die die Existenz vieler Menschen bedroht. Denken Sie nur an die vielen Solo-Selbstständigen, Messebauer, die Eventbranche, Kunst, Kultur, Tourismus, Gastronomen, unser Einzelhandel – die gehen langsam alle kaputt. Manche sind es schon. Auf der anderen Seite habe ich schon den Eindruck, dass vielen Menschen in der Krise noch einmal bewusstgeworden ist, wie wichtig eine funktionierende Wirtschaft ist.
Sie haben im Sommer gewarnt, einen zweiten Lockdown würde die Wirtschaft nicht überleben. Sind die Unternehmen zäher als angenommen oder kommt das dicke Ende noch?
Meyer: Das muss man differenziert betrachten. Die Insolvenzantragspflicht war bis Ende April ausgesetzt. Wir wissen also noch gar nicht, was alles auf uns zukommt. Sicher ist, dass es Unternehmen gibt, die diese Krise nicht überleben werden. Andere werden Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte brauchen, um sich von den vergangenen Monaten zu erholen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Teile der Industrie recht schnell wieder auf die Beine gekommen sind, weil das Exportgeschäft nach Asien früher als erwartet wieder Fahrt aufgenommen hat.
Hätten Sie als Entscheidungsträger in den vergangenen Monaten Dinge anders entschieden als die Politik?
Meyer: Natürlich ist man im Nachhinein immer klüger. Das möchte ich in dem Fall aber gar nicht sein. Die erste Corona-Welle haben wir sehr gut gemeistert. Dazu muss man die Politik beglückwünschen. Das gilt auch für die Hilfen, die auf Bitten der Wirtschaft schnell auf den Weg gebracht wurden. Entscheidende Fehler wurden zwischen der ersten und zweiten Welle gemacht.
Nämlich?
Meyer: Man hätte die Gesundheitsämter in ganz Deutschland flächendeckend digitalisieren und personell besser ausstatten müssen, um die Nachverfolgung von Infektionsketten besser stemmen zu können. Zudem halte ich nach wie vor daran fest, dass die Impfstoffbestellung nicht gut gelaufen ist. Da wurde leider nicht unternehmerisch, sondern politisch gehandelt. Ein Unternehmer hätte von vorneherein ein Vielfaches an Impfstoff bestellt, koste es, was es wolle. Auch bei den Maskenbestellungen und Testkapazitäten wurde meiner Meinung nach zu zögerlich gehandelt. Alle Virologen haben vor einer zweiten Welle gewarnt. Und sie kam. Ich habe mich teilweise gefragt: Wollt ihr nicht langsam etwas unternehmen?
Sie ärgern sich darüber.
Meyer: Natürlich, weil Menschen unter den Folgen gelitten haben und noch immer leiden. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die kommenden Generationen mit dem Schuldenberg, den wir in der Pandemie anhäufen, klarkommen müssen. Dafür braucht es Lösungen, die nicht wieder die Unternehmen belasten dürfen.
Darüber wird es Gespräche geben. Allerdings ohne Ihre Mitwirkung als IHK-Vertreter. Sie ziehen sich von den meisten Ehrenämtern zurück, um sich auf die Nachfolgeregelung der TKM-Gruppe zu konzentrieren. Wie schwer fällt Ihnen dieser Schritt?
Meyer: Natürlich haben mir meine Aufgaben als Präsident der Bergischen IHK, der IHK NRW und als Vizepräsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages großen Spaß gemacht. Allerdings bin ich grundsätzlich der Meinung, dass irgendwann auch frische Gesichter mit neuen Ideen und einer anderen Herangehensweise ran müssen. Meine Verantwortung ist es in den nächsten Jahren, die TKM-Gruppe mit all ihren Mitarbeitern in gute Hände zu geben.
Was sind die größten Herausforderungen für den kommenden IHK-Präsidenten? Noch hat Solingen keinen A-3-Anschluss und das bergische Miteinander hat unter dem langjährigen Outlet-Streit gelitten.
Meyer: Tatsächlich hat das bergische Miteinander gelitten. Trotz des Outlet-Streits sind die drei Kommunen mit der IHK und der Bergischen Universität aber immer im Gespräch geblieben und haben so viele Themen wie möglich gemeinsam bearbeitet. Auf meinen Nachfolger an der IHK-Spitze warten viele Herausforderungen. Drei sind besonders dringend. Zum einen muss der neue Präsident die Kommunen mit seinen Kontakten auf Landes- und Bundesebene dabei unterstützen, die Altschuldenproblematik zu lösen. Gelingt dies nicht, können die Städte keine attraktiven Investitionen für ihre Bürger stemmen. Der zweite wichtige Punkt ist die Digitalisierung. Remscheid, Solingen und Wuppertal müssen gemeinsam ihre Verwaltungen digitalisieren und Synergien nutzen. Zudem muss der Breitbandausbau für die Wirtschaft zu attraktiven Konditionen vorangetrieben werden. Zu guter Letzt bleibt das Thema Aus- und Weiterbildung für die Region zentral. Schon heute haben viele Betriebe Schwierigkeiten, die Facharbeiter von morgen zu finden. Dieses Problem kann man nur gemeinsam lösen.
Möchten Sie sich zukünftig überhaupt nicht mehr wirtschaftspolitisch zu Wort melden?
Meyer: Doch, dafür interessiere ich mich einfach zu sehr für die Themen. Ich bleibe auch Mitglied einiger Gremien, aber die Intensität ist bei weitem nicht so hoch wie in den vergangenen Jahren. Ich freue mich darauf, mehr Zeit zu haben – nicht nur für meine Firma, sondern auch um mit meiner Frau Golf zu spielen. Da bin ich noch Anfänger und sie schon deutlich weiter (lacht).
Sie sind jetzt 65 Jahre alt. Wie stellen Sie sich ihren Ruhestand vor?
Meyer: Bei der Übernahme der restlichen Klingelnberg-Anteile 2012 habe ich der Bank versprochen, zu arbeiten, bis ich 70 bin. Auch im Ruhestand werde ich immer wirtschaftspolitisch engagiert bleiben, das steht fest. Nur zu Hause sitzen – das kann ich nicht. Auf jeden Fall möchte ich mehr Zeit mit meiner Familie und unseren Freunden verbringen, öfter ein gutes Buch lesen. Und ich überlege, ein Studium aufzunehmen. Geschichte, Religion und Philosophie würden mich interessieren. Wie es auch kommen mag: Ich werde keine Langeweile haben.

Zur Person

Thomas Meyer wurde 1955 in Hannover geboren. Nach dem Abitur verließ er Niedersachsen. Bei der Bundeswehr studierte der 65-Jährige Maschinenbau und absolvierte im Anschluss ein Aufbaustudium im Bereich Wirtschaft. Anfang der 1980er Jahre heuerte Meyer bei der Remscheider Barmag AG an. 1993 wurde er geschäftsführender Gesellschafter der TKM-Gruppe (früher: IKS Klingelnberg). Seit 2012 ist er alleiniger Gesellschafter. Neben seiner unternehmerischen Tätigkeit bekleidete Meyer zahlreiche Ehrenämter. Seit 2009 ist er Mitglied der Vollversammlung der Bergischen Industrie- und Handelskammer (IHK). 2013 wählten ihn die Mitglieder zum Präsidenten. Außerdem war Meyer Präsident von IHK NRW und Vizepräsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Thomas Meyer lebt mit seiner Frau in Solingen-Aufderhöhe. Das Paar hat eine erwachsene Tochter.

Podcast

Thomas Meyer ist in der neuen Folge des Podcasts „Bergische Macher“ der B. Boll Mediengruppe zu Gast. In der vierten Episode spricht der IHK-Präsident unter anderem ausführlich über seinen Werdegang, aktuelle Herausforderungen für Unternehmer und den Abschied von seinen Ehrenämtern. Das Gespräch ist ab sofort auf gängigen Plattformen wie Spotify, iTunes und Deezer abrufbar.

solinger-tageblatt.de/podcast

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