Unternehmen

Solinger erobern Markt der Online-Identitäten

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Anja Boberach an einem Arbeitsplatz im Call-Center: Hier gehen die Anrufe ein. Im Video-Gespräch wird die Identität der Finanzkunden überprüft.

WebID Solutions ist bereits führend beim Check per Video. Die Ohligser arbeiten für alle großen Banken.

Von Thomas Kraft

Hier hätte auch James Bond seine liebe Mühe, wenn er herein wollte. Und der beste Mann seiner Majestät schafft ja eigentlich alles. Doch die Hochsicherheitsschleuse, mit der die Firma WebID Solutions den Zugang zum Herzen ihres Unternehmens an der Kieler Straße in Ohligs sichert, hat schon etwas vom High-Tech-Flair eines 007-Films: Spezialchip, Nummerncode, Personenwaage und Handscanner – wer hier ohne Erlaubnis durch will, braucht schon einen Drehbuchautor, der sich eine verrückte Lösung ausdenkt.

Mehrere zehntausend Euro hat WebID Solutions in das System investiert, verrät Geschäftsführer Franz Thomas Fürst. Denn innen geht es um das so ziemlich Empfindlichste, was sich im Online-Zeitalter hüten lässt – persönliche Daten, die sich gebündelt zur geprüften Identität von Verbrauchern formen. Etwa 1,5 Millionen authentifizierte Datensätze sind bereits gespeichert.

Auf diesem Feld gilt WebID Solutions als Marktführer. Nach einem zähen Start, der über eineinhalb Jahre durch ein extrem aufwendiges Genehmigungsverfahren beim Bundesfinanzministerium geprägt war, wächst das Unternehmen jetzt in rasender Geschwindigkeit. Franz Thomas Fürst und sein Co-Geschäftsführer Frank Jorga haben ein patentiertes Verfahren entwickelt, das es vor allem Bank- und Versicherungskunden ermöglicht, ihre Identität per Video-Telefonat checken zu lassen – in wenigen Minuten.

Der Verbraucher muss dazu nur einen Computer mit Kamera, eine Internetverbindung und die erforderlichen Ausweisdokumente zur Hand haben. Den Rest erledigen die extra geschulten Mitarbeiter. Konto eröffnen, Verträge abschließen, Vollmachten erteilen – egal wo. Das ist alles kein Problem. Das Team von WebID Solutions ist jeden Tag von 7 bis 24 Uhr im Einsatz.

Das junge Unternehmen rüstet sich für die internationale Expansion

Gut 80 Prozent der führenden deutschen Kreditinstitute greifen auf die Dienste der Solinger zurück. Kürzlich kam auch die Deutsche Bank dazu. WebID Soltutions setzte sich in der Ausschreibung gegen 25 Mitbewerber durch. Schnelligkeit, Sicherheit und Service sind die Trümpfe der Firma. Über 100 Kunden versorgen Fürst und seine Mitarbeiter derzeit. Doch das alles soll erst der Anfang sein. WebID Solutions rüstet sich für die weitere Expansion.

Bis Frühjahr kommenden Jahres soll aus einem Investorenpool weiteres Kapital fließen, um noch stärker international einzusteigen. Neben Büros in Berlin (Hauptsitz), Kiel (Technik, IT) und Hamburg (Projekt- und Produktentwicklung) ist das Unternehmen schon mit Tochtergesellschaften in der Schweiz – ebenfalls als Marktführer – und in Österreich aktiv. In der Alpenrepublik wartet WebID Solutions noch auf Genehmigungen. „Wir sind aber mit wichtigen Banken im Gespräch“, sagt Fürst. Kommt grünes Licht, will er gleich aus den Startblöcken preschen.

Zudem hat er Indien fest im Visier. Mit zwei Zahlen erklärt der Unternehmer-Sohn (Fürst Bestecke) warum: „Dort gibt es 1,2 Milliarden Menschen und etwa 300 Millionen Konten. Das ist ein Markt mit riesigem Potenzial.“ Interessant ist auch Nordamerika, wo Fürst seine Schulzeit beendete, studierte und lange lebte.

„Wir suchen jetzt 50 bis 60 Leute, die hier arbeiten wollen.“

Franz Thomas Fürst

Um all das stemmen zu können, muss das Unternehmen die angemessenen Strukturen schaffen: Kapital, Management, Rechtsform (Ziel ist eine Aktiengesellschaft) und Personal. „Bereits jetzt schreiben wir schwarze Zahlen“, sagt Fürst. Aber um weiter so rasant zu wachsen, müssen sich die Dimensionen verändern. 2015 lag der Umsatz bei 2 Millionen Euro, in diesem Jahr sollen es 6 bis 8 Millionen Euro sein. In diesem Tempo soll es weitergehen. „Wir wollen weltweit der führende Anbieter sein.“

Vorerst schlägt das Herz in Ohligs. Die Büros an der Kieler Straße mit dem Bahnhof gegenüber sind ideal. Dort sitzt das Call-Center von WebID Solutions seit einem Jahr. 120 der insgesamt 160 Mitarbeiter sind hier tätig. 400 bis 500 sollen es mittelfristig sein. Bisher ist erst eine von drei Etagen voll besetzt. „Deshalb suchen wir jetzt 50 bis 60 Leute, die hier arbeiten wollen“ – in Voll- wie in Teilzeit. Wer Interesse hat, benötigt einen Schulabschluss, muss volljährig sein, mit dem PC umgehen können sowie Deutsch und Englisch sprechen. Viele kommen bisher aus dem Großraum Düsseldorf/Köln, auch Studenten. Heute schafft das Team von WebID Solutions 3000 erfolgreiche Identifizierungen am Tag. Auf Sicht sollen es 10 000 sein. 

HINTERGRUND

ZUR PERSON Franz Thomas Fürst (46) ging zur August-Dicke-Schule, bevor er mit 16 in die USA, später nach London ging. Er beriet lange Finanzdienstleister.

FIRMA Der Hauptsitz von WebID Solutions (heute Berlin) soll auf Sicht an den Bankplatz Frankfurt ziehen. Die Post, einst Monopolist bei der Identifizierung, wollte die Firma kaufen, erhielt aber eine Absage.

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