Messinstrumente

Solinger Familienbetrieb wird zum Kalibrierlaboratorium

Klaus Paltian (v. l.), Cornelia Gneuß und Jörg Wiegand freuen sich, den aufwendigen Akkreditierungsprozess erfolgreich abgeschlossen zu haben.
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Klaus Paltian (v. l.), Cornelia Gneuß und Jörg Wiegand freuen sich, den aufwendigen Akkreditierungsprozess erfolgreich abgeschlossen zu haben.

Solinger Familienbetrieb arbeitet drei Jahre lang auf DAkkS-Akkreditierung hin

Von Manuel Böhnke

Solingen. Sie sind die heimlichen Stars der Produktion: Waagen. Was zunächst komisch klingen mag, kann Klaus Paltian gut begründen. „Wenn Pharmaunternehmen die Inhaltsstoffe für Medikamente abwiegen und es dabei zu einem Fehler kommt, könnte das großen Schaden anrichten“, sagt der Laborleiter von Waagen-Mütze. Das Solinger Familienunternehmen hat sich auf genaue Messinstrumente für die Industrie spezialisiert – und darf sich seit einigen Wochen akkreditiertes Kalibrierlaboratorium nennen. Ein großer Schritt für den kleinen Betrieb.

Das Verfahren ist unheimlich teuer und aufwendig.

Cornelia Gneuß, Inhaberin von Waagen-Mütze

Der Weg dorthin war lang. Er begann 2016, als Cornelia Gneuß eine Kooperation mit einem Kalibrierlabor einging. Eine Akkreditierung für ihren Betrieb anzustreben, scheute sie damals noch. „Ich habe lange darüber nachgedacht, das Verfahren ist aber unheimlich teuer und aufwendig“, erklärt die Solingerin. Der Druck von der Kundenseite bewegte sie zum Umdenken: Immer mehr Unternehmen, allen voran aus der Automobilindustrie, verlangen von ihren Partnern den hohen Standard. Deshalb stellte Gneuß einen Antrag bei der Deutschen Akkreditierungsstelle (DAkkS).

Im Kalibrierraum von Waagen-Mütze kommt es auf Genauigkeit an. Ein solches Labor einzurichten, war eine der Anforderungen der Deutschen Akkreditierungsstelle. 

Mitte März dieses Jahres ging bei Waagen-Mütze die Urkunde ein. Sie bestätigt, dass die Firma mit Sitz in Solingen-Gräfrath alle DAkkS-Anforderungen erfüllt hat. Die drei Jahre dazwischen beschreibt Gneuß als „lang und steinig“. Sie und ihre drei Angestellten mussten unter anderem ein Managementsystem mit hunderten von Dateien erstellen, Verfahrensanweisungen und Verträge vorlegen sowie die Kompetenz der Belegschaft nachweisen. Zudem verlangt die DAkkS einen Kalibrierraum. Auch dieser muss strenge Kriterien erfüllen. Temperatur und Luftfeuchtigkeit müssen erfasst und festgehalten werden. Auch wird für die Kalibrierung von Labor- und Analysewaagen ein spezieller, vor Vibrationen geschützter Tisch benötigt.

„Die Überprüfung ist wirklich sehr, sehr streng. Jeder Schritt wird genau kontrolliert“, berichtet Jörg Wiegand, stellvertretender Laborleiter. Im Oktober des vergangenen Jahres machten sich zwei DAkkS-Gutachter vor Ort ein Bild. Beurteilt wurde sowohl eine Testkalibrierung bei Waagen-Mütze als auch bei einem Kunden. Für beide Bereiche gilt die Akkreditierung fortan.

Der Aufwand hat sich gelohnt. „Wir sind froh, endlich die Urkunde zu haben“, betont Cornelia Gneuß. Zurücklehnen können sie und ihr Team sich allerdings nicht. Die erste Nachprüfung steht bereits im Februar 2023 an. Außerdem müssen die Solinger Jahresberichte vorlegen und an Fachausschusssitzungen sowie Ringvergleichen teilnehmen. Dabei müssen mehrere akkreditierte Unternehmen dieselbe Waage kalibrieren – und dabei identische Ergebnisse erzielen.

Sind solch hohe Standards wirklich notwendig? „In einigen Bereichen macht das auf jeden Fall Sinn“, betont Jörg Wiegand. Ziel einer regelmäßigen Kalibrierung sei, die Messunsicherheit der Waage festzustellen. Konkret geht es um die Frage, wie sich das vom Gerät angezeigte Gewicht vom aufgelegten Prüfgewicht unterscheidet. „Durch die regelmäßige Kalibrierung kann ein unrichtiges Messgerät frühzeitig erkannt werden“, sagt Klaus Paltian. Und so im Ernstfall große Schäden von Unternehmen abwenden. Beispielhaft führt er die Automobilindustrie an. Die Hersteller seien darauf angewiesen, dass es beim Herstellungsprozess der Lackfarben nicht zu Unregelmäßigkeiten kommt.

Mitten im Akkreditierungsprozess brach die Corona-Pandemie aus. „Da habe ich mich schon gefragt, ob wir das alles hinkriegen“, gesteht Cornelia Gneuß. Doch der Prozess konnte fortgesetzt werden. Umsatzeinbußen musste Waagen-Mütze auch nicht verkraften – im Gegenteil: „Wir hatten wahnsinnig gut zu tun.“

Vor allem die Sonderanfertigungen der Solinger sind gefragt, vornehmlich in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Angebot reicht von feinen Analyse- bis hin zu riesigen Fahrzeugwaagen. Die Kunden kommen aus nahezu allen Branchen. Neben verschiedenen Industriezweigen zählen auch ungewöhnliche Abnehmer dazu: 2016 wurde etwa eine Seelöwen-Waage für den Wuppertaler Zoo gebaut. Gneuß, Paltian und Wiegand sind sich einig: Sich mit so unterschiedlichen Aufträgen zu beschäftigen, mache den Reiz ihres Jobs aus.

Daten zum Unternehmen

Die Geschichte von Waagen-Mütze geht auf das Jahr 1884 zurück. Seinerzeit begann der Handel mit Waagen, Gewichten und Messgeräten. Cornelia Gneuß führt das Unternehmen mit Sitz an der Straße Lindgesfeld in Solingen-Gräfrath in vierter Generation. Neben dem Handel mit Waagen für verschiedene Anwendungsgebiete gehören verschiedene Servicedienstleistungen zum Angebot der Solinger. Seit März 2022 ist Waagen-Mütze zudem akkreditiertes Kalibrierlaboratorium nach DIN EN ISO/IEC 17025:2018.
www.waagen-muetze.de

Lesen Sie auch: Uni unterstützt Betriebe bei der Digitalisierung

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