Künstliche Intelligenz

Diese Software ist reif für die Fußball-Bundesliga

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Denis Stalz-John ist Machine Learning Expert beim Solinger Softwareunternehmen codecentric. Er hatte die Idee für tactics.ai.

Das codecentric-Tool tactics.ai vereinfacht Videoanalysen mit Hilfe Künstlicher Intelligenz.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Welche Laufwege nimmt Bayern-Stürmer Robert Lewandowski bei Eckbällen? Wie verhalten sich die Angreifer von Borussia Dortmund in Umschaltsituationen? Wie verteidigt Borussia Mönchengladbach Konter? Es sind Fragen wie diese, mit denen sich Trainer und Analysten in der Fußball-Bundesliga täglich beschäftigen. Um Antworten zu finden, müssen sie stundenlang Aufzeichnungen vergangener Spiele sichten – der gegnerischen Mannschaften und der eigenen Elf. Bislang. Denn das Solinger Softwareunternehmen codecentric hat ein Tool entwickelt, das eine einfache, automatisierte Video- und Taktikanalyse verspricht.

Die Idee für tactics.ai hatte Denis Stalz-John. In Bielefeld studierte er Intelligente Systeme. In seiner Masterarbeit bestimmte er die Laufwege von Handballspielern mit Hilfe automatischer Bildverarbeitung. „Diese Idee“, erzählt der 33-Jährige, „hat mich nie wieder losgelassen.“

Diese Idee hat mich nie wieder losgelassen.

Denis Stalz-John, Machine Learning Expert

2018 wechselte Stalz-John von der Robert Bosch GmbH zu codecentric. Die IT-Firma legt großen Wert darauf, Innovationsprojekte aus den eigenen Reihen zu fördern. Bei einer internen Abstimmung kam die Idee für tactics.ai gut an. Stalz-John bekam das Budget freigegeben, um sein Vorhaben umzusetzen. Ein dreiköpfiges Team begann zum Start der Bundesliga-Saison 2019/20 mit der Entwicklung.

„Zunächst haben wir uns die Frage gestellt, wie Trainer und Analysten von Künstlicher Intelligenz profitieren können“, erklärt Denis Stalz-John. Zu seinen beruflichen Schwerpunkten gehört, aus Daten Wissen zu generieren. Ein Thema, dessen Bedeutung auch im Profisport immer weiter steigt. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) habe das erkannt, sei in Sachen Datenhaltung im Vergleich mit anderen Verbänden führend, lobt der Machine Learning Expert.

Für die Entwicklung von tactics.ai standen drei Arten von Daten zur Verfügung. Zum einen das Kamerabild, die ungeschnittenen Videoaufzeichnungen der Partien. Außerdem Positions- und Eventdaten. Während Erstere Auskunft über die Laufwege der Spieler geben, zeigen Letztere an, wann in einem Spiel Ereignisse wie Einwürfe, Elfmeter und Eckbälle stattfanden.

Doch wie lässt sich daraus ein Mehrwert für die Proficlubs generieren? Dieser Frage gingen Denis Stalz-John und seine Mitstreiter in Gesprächen mit professionellen Trainern und Analysten nach, kooperierten mit einem Bundesligisten. „Eine Erkenntnis war, dass es unheimlich viel Zeit kostet, sich die ungeschnittenen Spielaufzeichnungen anzuschauen, um die relevanten Situationen manuell herauszusuchen“, erklärt Lorenz Fendes. Er ist Creative and Strategy Director bei codecentric. Unmittelbar nach Abpfiff beginnen die Experten, das vergangene Spiel nach- und das kommende vorzubereiten.

Genau bei diesem Prozess verspricht tactics.ai erhebliche Erleichterung. Das Programm kombiniert das Kamerabild mit Positions- und Eventdaten. Auf diese Weise entsteht eine Art intelligente Suchmaschine für Trainer und Analysten. Mit einem Knopfdruck spuckt ihnen das Programm etwa Aufnahmen aller Eckbälle eines Spiels aus. Oder filtert jede Kontersituationen heraus. Ebenfalls ist es möglich, sich alle Ballaktionen eines bestimmten Spielers anzuschauen. „Was die Auswahl der Suchfilter angeht, sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt“, sagt Denis Stalz-John.

Anhand unterschiedlicher Parameter lassen sich Playlists erstellen, exportieren – und das entstandene Video direkt auf das Smartphone der Spieler schicken. Eine Stunde nach Abpfiff. „Die Zeitersparnis ist enorm“, betont Fendes. Das langfristige Ziel ist, dass die Künstliche Intelligenz hinter tactics.ai eigenständig Stärken und Schwächen der eigenen Mannschaft und der Gegner erkennt, nicht nur entscheidende Szenen herausfiltert, sondern auch für die eigentliche Analysearbeit intelligent zuarbeitet.

Seit dem Frühjahr des vergangenen Jahres ist das Tool im Grunde marktreif. „Wir sind startbereit“, betont Denis Stalz-John. Es habe auch Verhandlungen mit einigen Bundesligisten gegeben. Doch dann brach die Corona-Pandemie aus und die Vereine mussten sich mit existenzielleren Dingen beschäftigen. „Der Fußball ist in einen ganz anderen Modus verfallen. Viele Clubs wollen auf Investitionen weitestgehend verzichten, solange sie keine Zuschauereinnahmen haben“, hat Lorenz Fendes festgestellt.

Derweil denken er und Denis Stalz-John darüber nach, wie sich das Konzept auf andere Ligen, vielleicht sogar andere Sportarten übertragen lässt. Und ob es Möglichkeiten gibt, das Tool auch den Fans zugänglich zu machen. „Bei Großereignissen gibt es doch ohnehin 80 Millionen Bundestrainer. Warum sollte man ihnen das Wissen nicht zur Verfügung stellen?“, überlegt Fendes. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Vorher fallen ihm einige Bundesligisten ein, die frisches Know-how sichtlich nötig hätten.

Taktikboard

Trainern, Scouts und Analysten bietet tactics.ai eine digitale Taktiktafel, die mit dem Kamerabild verknüpft ist. Das bedeutet, sie können nicht nur die Aufzeichnung sehen, sondern gleichzeitig aus der Vogelperspektive genau erkennen, wo sich welcher Kicker in einer bestimmten Situation aufgehalten hat. Die Spieler sind als Punkte mit ihrer Rückennummer auf dem Spielfeld dargestellt.

www.tactics.ai

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