Altbekanntes Werkzeug

Von einst über 40 Beitel-Herstellern gibt es heute nur noch einen

Alexa Schmitt-Kammer führt das Unternehmen in sechster Generation. Inzwischen bietet sie viele ihrer Werkzeuge in optisch ansprechenden Verpackungen an. Fotos: Kirschen Werkzeuge
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Alexa Schmitt-Kammer führt das Unternehmen in sechster Generation.

Der Beitel gehört zu den ältesten Werkzeugen der Menschheit. Funde belegen: Schon in der Bronzezeit wurde mit vergleichbaren Geräten Holz bearbeitet.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Aktuell widmet das Deutsche Werkzeugmuseum in Remscheid dem Beitel eine eigene Ausstellung. Doch in der Werkzeugstadt selber gibt es nur noch einen Hersteller dieser Holzbearbeitungswerkzeuge.

Die Firma Wilhelm Schmitt mit ihrer Marke Kirschen produziert seit 1858 Beitel, seit 1870 am jetzigen Standort. Und hat damit alle anderen überlebt. Mehr als 40 ehemalige Remscheider Beitelproduzenten hat das Team des Werkzeugmuseums für die Ausstellung ausgemacht. „Im Krieg waren es noch 35“, weiß Alexa Schmitt-Kammer zu berichten. Alle bis auf einen sind verschwunden, haben auf andere Produkte umgestellt – oder wurden von Schmitt geschluckt. Den letzten bergischen Mitbewerber habe man 2019 übernommen, sagt Schmitt-Kammer: „Seitdem sind wir die einzigen hier.“

Die 37-Jährige führt das Unternehmen in sechster Generation. Und ganz im Sinne der Familientradition mit eher vorsichtigen Veränderungen. „Wir würden nie von heute auf morgen etwas um 180 Grad drehen“, sagt sie. Zumal die Produkte ihrer Firma, neben Beiteln jeder Art werden auch Hobelmesser und Zangen hergestellt, ja auch nicht „sehr innovationsfreudig“ seien. Und um diese Produkte gehe es ja schließlich hauptsächlich, betont die Geschäftsführerin.

Bis heute werden Kirschen Werkzeuge – der genaue Grund, warum der Gründer das Obst als Marke wählte, ist übrigens unbekannt – ausschließlich in Remscheid gefertigt. Mit einem hohen Anteil an Handarbeit und aus einem speziell dafür hergestellten Stahl. „Wir haben 70 Mitarbeiter, davon arbeiten 63 in der Produktion“, sagt Alexa Schmitt-Kammer. Gerade die kleineren Schnitz-Werkzeuge würden freihand geschmiedet, Roboter kämen nur bei wenigen Arbeitsschritten zum Einsatz.

Die dabei erzeugte Qualität sei einer der Hauptgründe, warum Kirschen als einziger Remscheider Produzent überlebt hat, ist sie überzeugt: „Unsere Beitel sind eine Anschaffung fürs Leben.“ Da die Schneide zu zwei Drittel gehärtet sei, lasse sie sich über viele Jahre immer wieder nachschärfen. „Manchmal beneide ich Software-Firmen“, gesteht Alexa Schmitt-Kammer. Die könnten einfach den Support für ein Programm einstellen und den User so dazu zwingen, ein neues zu kaufen. „Unsere Produkte dagegen gehen teilweise in die Erbmasse.“ Ein anderer Grund für den Erfolg sei die angebotene Vielfalt: Rund 2000 verschiedene Produkte sind bei Kirschen im Programm, vom filigranen Schnitz-Beitel in S-Form bis zum zentimeterdicken Stecheisen. „Und der Kunde bekommt das alles ab einem Stück.“ Da könnten gerade die asiatischen Massen-Produzenten nicht mithalten.

Kunden, das sind für Kirschen Werkzeuge nahezu alle Menschen, die Holz bearbeiten, vom Zimmerer bis zum Bildhauer. Profis würden ihre Werkzeug genauso kaufen wie anspruchsvolle Hobby-Handwerker, sagt Alexa Schmitt-Kammer. In den Pandemie-Monaten sogar noch einmal verstärkt: „Das passt ja zum allgemeinen Trend während Corona zu Do it Yourself.“

Und daran passt sich das Unternehmen, bei allem Hang zur Tradition, an. Zum Beispiel mit Verkaufsverpackungen, die mehr Informationen über den Inhalt bereit halten. Früher habe man die Remscheider Beitel nur über den Fachhandel bezogen, berichtet Schmitt-Kammer: „Der konnte dann auch beraten, so dass jeder das richtige Werkzeug erhielt.“ Seit das Internet als Absatzkanal hinzugekommen ist, brauchen manche Kunden ein paar Infos mehr.

Die Werkzeuge gibt es auch als Geschenk-Sets

Während andere besonders auf die Optik achten. Die Zeiten, als es nur um die Funktion ging, seien vorbei, sagt die Geschäftsführerin. Heute müsse jeder Beitel auch optisch einwandfrei sein. „Da herrscht inzwischen ein ganz anderer Anspruch.“ Zudem werden die Werkzeuge auch als Geschenk-Sets und in besonders gestalteten Verpackungen angeboten, unter anderem auch über den offiziellen Souvenir-Shop der Stadt Remscheid. „Das hat sich in den letzten Jahren total verstärkt.“

Dass Kunden all das schätzen, merkt man bei Kirschen nicht nur anhand der Absatzzahlen. Man habe sich in den letzten Jahren verstärkt bemüht, mit dem Endverbraucher in Gespräch zu kommen, erklärt Alexa Schmitt-Kammer den Marketingansatz ihres Unternehmens. Zum Beispiel über Endverbraucher-Messen. Auf denen sich nicht wenige Besucher als Fan der Marke Kirschen outen würden, wie die Geschäftsführerin berichtet: „Das ist eine völlig neue Erfahrung für uns, dass viele Menschen auch emotional mit unseren Werkzeugen verbunden sind.“ Bei manchen geht die Liebe zum Kirschen-Beitel gar unter die Haut – in Form von Tatoos.

Hintergrund

Inzwischen bietet Alexa Schmitt-Kammer viele ihrer Werkzeuge in optisch ansprechenden Verpackungen an.

Die Sonderausstellung „Beitel – scharf & geschlagen“ ist noch bis zum 15. Mai im Deutschen Werkzeugmuseum (Cleffstraße 2-6 in Remscheid-Hasten; dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr) zu sehen. Grundlage ist eine Schenkung, bei der das Museum 1500 Beitel aus aller Welt von einem pensionierten Elektroingenieur erhielt, der vor einigen Jahren aus Wuppertal nach Ostfriesland gezogen war. Bereits im Mai holte das Team des Werkzeugmuseums die Werkzeuge samt Literatur bei dem Sammler ab, rund ein Vierteljahr brauchte man anschließend, um die komplette Sammlung zu inventarisierten.

www.werkzeugmuseum.org

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