Bergische Industrie

In den Werkshallen geht der Nachwuchs aus

An die Hitze musste er sich erst gewöhnen: Lucas Knupp wird bei Dirostahl zum Verfahrenstechnologen ausgebildet. Für den ehemaligen Maschinenbaustudenten ein gut bezahlter Job mit Zukunft. Foto: Roland Keusch
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An die Hitze musste er sich erst gewöhnen: Lucas Knupp wird bei Dirostahl zum Verfahrenstechnologen ausgebildet. Für den ehemaligen Maschinenbaustudenten ein gut bezahlter Job mit Zukunft.

Azubis zu finden, ist fast überall schwer geworden. Die bergische Industrie trifft es besonders hart.

Von Sven Schlickowey

Bergisches Land. Neun neue Azubis haben diesen Sommer bei der Remscheider Freiformschmiede Dirostahl angefangen, 35 Auszubildende hat das Unternehmen jetzt insgesamt. Für den Mittelständler mit über 400 Mitarbeitern eine überaus ordentliche Ausbildungsquote. Und doch könnten es sogar noch zwei Azubis mehr sein. Denn je eine Ausbildungsstelle zur Fachkraft für Lagerlogistik und zum Verfahrenstechnologen Metall konnte das Traditionsunternehmen nicht besetzen.

Mit diesem Schicksal ist Dirostahl nicht alleine, im Gegenteil. Quer durch die bergische Industrie berichten Firmen Ähnliches. Sogar der Radevormwalder Gebäudetechnikspezialist Gira, neunmal mit dem Gütesiegel „Ausgezeichneter Ausbildungsbetrieb“ geehrt und in der Kleinstadt so eine Art Platzhirsch unter den Ausbildungsbetrieben, konnte in diesem Jahr eine Stelle nicht besetzen. „Erstmals seit einigen Jahren“, wie es heißt.

Dabei zeigt sich: Vor allem die für das produzierende Gewerbe so wichtigen gewerblich-technischen Ausbildungsberufe tun sich besonders schwer. Der Verfahrenstechnologe Metall zum Beispiel, früher hieß der Beruf schlicht Schmied, sei ihr „Sorgenkind“, berichtet Dirostahl-Ausbildungsleiterin Karina Bisterfeld. Seit Jahren schon kämpfe man darum, die Stellen zu besetzen. In diesem Jahr bisher vergeblich.

Dabei ist gerade dieser Beruf elementar für das Remscheider Unternehmen. Fertige Fachkräfte von anderen Firmen zu übernehmen, sei nahezu unmöglich, sagt Bisterfeld. „Wir müssen in diesem Bereich unseren Nachwuchs selber ausbilden.“ Gelinge das mal ein, zwei Jahre nicht, ließe sich das kompensieren. „Aber irgendwann wird es schwierig.“

Darum sind Ausbildungsstellen in der Industrie so unbeliebt

Dass es immer schwieriger wird, solche Ausbildungsstellen zu besetzen, bestätigt auch Anja Rütter von der Remscheider Jugendberufsagentur. Auf einer Rangliste der beliebtesten Jobs tauche mit dem Zerspanungsmechaniker erst auf Platz vier ein gewerblich-technischer Beruf auf. „In der Liste der gemeldeten Stellen ist der aber auf Platz zwei.“ Die Nachfrage bei den Firmen sei also wesentlich größer als das Angebot an Azubis.

Gründe dafür gebe es viele, sagt Rütter. Ein gewichtiger sei, dass sich fast nur Männer für solche Jobs interessieren. „Da wurde das weibliche Potenzial noch nicht gehoben.“ Und damit fällt rund die Hälfte aller potenziellen Azubis weg. Hinzu komme, dass viele Industrieberufe hohe Anforderungen mit sich bringen: „Das wird häufig unterschätzt.“ Und reduziert die Zahl geeigneter Bewerber weiter.

All das treffe auf Arbeitsbedingungen, die auf den ersten Blick wenig einladend wirken, gibt Ausbildungsleiterin Bisterfeld zu bedenken: „In der Schmiede ist es laut und heiß, das kann man nicht schön reden.“ Viele junge Leute würden da wohl das Büro vorziehen, vermutet sie. Oder zumindest den Zerspanungsmechaniker, der meist durch ein Sichtfenster geschützt auf sein Werkstück blickt.

Das sind die Vorteile einer Ausbildung in der bergischen Industrie

Dabei gebe es auch gute Gründe für eine Ausbildung in den Werkshallen der heimischen Industrie, sind sich die Fachleute einig. Viele junge Menschen würden zum Beispiel viel Wert auf berufliche Sicherheit legen, hat Anja Rütter beobachtet. Genau die biete die Industrie. Und Karina Bisterfeld führt die Arbeitszeiten als Argument an: „Eine 35-Stunden-Woche und Feierabend mittags um halb zwei, wo gibt es das sonst?“

Ähnlich sieht das Lucas Knupp. Der 24-Jährige ist im dritten Ausbildungsjahr bei Dirostahl, er lernt Verfahrenstechnologe Metall, Fachrichtung Stahlumformung. Nachdem er vorher vier Semester Maschinenbau an der RWTH Aachen hinter sich gebracht hat: „Das war genug Theorie, ich wollte in die Praxis.“

An die Hitze habe er sich gewöhnen müssen, berichtet er. Die Lautstärke sei nie ein Problem gewesen: „Der Gehörschutz funktioniert.“ Dafür gebe es gutes Geld („Was ich an Ausbildungsvergütung bekomme, kann sich schon sehen lassen.“) und einen sicheren Arbeitsplatz: „Ich gehe davon aus, dass geschmiedete Teile immer gebraucht werden.“

Und deswegen wird Dirostahl wie die anderen Industrieunternehmen in der Region auch in Zukunft gut ausgebildete Fachkräfte brauchen. „Den Unternehmen bleibt gar nichts anderes übrig, als weiter nach Azubis zu suchen“, sagt Anja Rütter von der Jugendberufsagentur. Deswegen motiviere man die Firmen dazu, im Azubi-Marketing auch mal neue Wege zu gehen.

Karina Bisterfeld berichtet derweil von Besuchen auf Messen und in Schulen, von Ausbildungsbotschaftern und Anzeigen über soziale Medien, zudem seien die Stellen bei der Arbeitsagentur und in der Lehrstellenbörse der IHK gemeldet. Einfach aufgeben, das sei natürlich nicht möglich, sagt sie: „Wir suchen weiter, auch noch für dieses Jahr.“

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