„Ich bewahre hier 900 Jahre deutsche Tradition“

Juan Manuel Herrera Luzon (l.) fertigt in seiner Werkstatt auch spezielle Aufträge wie das irische Falchion. Ein Teil der Maschinen, wie diese Drehbank (u. r.), hat er selbst gebaut. Überwiegend verarbeitet er selbst zugeschnittene Rohlinge (o. r.) zu Pauk- und Mensurklingen. Fotos: Roland Keusch
+
Juan Manuel Herrera Luzon (l.) fertigt in seiner Werkstatt auch spezielle Aufträge wie das irische Falchion. Ein Teil der Maschinen, wie diese Drehbank (u. r.), hat er selbst gebaut. Überwiegend verarbeitet er selbst zugeschnittene Rohlinge (o. r.) zu Pauk- und Mensurklingen. Fotos: Roland Keusch

Der Spanier Juan Manuel Herrera Luzon gehört zu den letzten Blankwaffen-Schmieden Deutschlands

Von Sven Schlickowey

WERMELSKIRCHEN Klingen? Da denkt man fast unweigerlich an Solingen. Doch wer einen der letzten Blankwaffen-Schmiede der Republik sucht, der wird ein paar Kilometer östlich der Klingenstadt fündig. In Wermelskirchen hat sich vor über zehn Jahren Juan Manuel Herrera Luzon mit seiner Silviaschmiede niedergelassen. Und stellt hier seither Säbel, Schwerter und Dolche in Handarbeit her.

Die Kunden des 62-Jährigen sind über die ganze Welt verteilt, einen wesentlichen Teil seines Umsatzes macht er aber mit schlagenden Verbindungen, die er mit Pauk- und Mensurklingen versorgt. „Das ist mein Hauptgeschäft“, sagt Herrera. „Ich fertige aber auch Schwerter für Stierkämpfer, repariere kaputte Klingen oder arbeite nach Zeichnungen.“

Gerade bei diesen Aufträgen kommen oft außergewöhnliche Stücke heraus. Für einen Kunden aus dem Rheinland erstellte Juan Manuel Herrera Luzon zum Beispiel ein schwertähnliches Langmesser, ein sogenanntes Falchion, nach einem irischen Vorbild. Vorlage dafür war einzig das Foto eines archäologischen Fundes – natürlich ohne Griff und nahezu komplett zerfallen.

„Ich bin wie das A-Team.“

Juan Manuel Herrera Luzon in Anspielung auf die TV-Kultserie

Viele Stunden Arbeit stecken in solchen Stücken, erzählt der Schmied, auch weil er alles vom Rohling bis zum fertigen Schwert allein anfertigt: „Ich mache so etwas fix und fertig, mir bleibt ja gar nichts anderes übrig.“ Die traditionelle strenge Arbeitsteilung zwischen den einzelnen Gewerken, wie es sie früher in Solingen gab, sei für ihn nicht praktikabel, sagt Herrera. Und das nicht nur wegen der Entfernung. „Es gibt ja kaum noch jemanden, der das kann, viele sind in Rente, ein Teil schon verstorben.“ Also schmiedet er die Klingen nicht nur, sondern schleift, härtet und poliert sie auch.

Vielfach auf jahrzehntealten Maschinen. Und auch schon mal auf Selbstgebauten. „Ich bin wie das A-Team, gib mir einen Schweißbrenner und ein Trennschleifer, und ich baue dir alles“, sagt Herrera mit einer Anspielung auf die amerikanische Kult-TV-Serie aus den 80er Jahren. Die Drehbank, um die Griffenden der Klingen zu bearbeiten, ist genauso Marke Eigenbau wie ein Härteofen. „Den habe ich mit meinem Enkel gebaut.“

Ausgangspunkt bei vielen Klingen sind drei Meter lange Stahlstäbe, die Herrera zuschneidet und dann schmiedet. „Alles Auge und Gefühl“, sagt er stolz. Die Pauk- und Mensurklingen zum Beispiel würden in verschiedene Gewichtsklassen unterteilt. „Da habe ich beim fertigen Produkt nur 30 Gramm Toleranz.“

Während diese einfachen Klingen, an denen der Schmied rund 20 Minuten arbeitet, schon ab unter hundert Euro zu bekommen sind, kosten ausgefallene Schwerter schon mal vierstellige Beträge. Das nachgebaute irische Falchion beispielsweise habe er für rund 2500 Euro verkauft, sagt Herrera. Auch, weil der Kunde statt Leder lieber Haifischhaut am Griff haben wollte.

Mit sieben Jahren kam Herrera, 1958 in Grenada geboren, nach Deutschland, mit 14 fing er an, in einer Schmiede zu arbeiten. Fast 30 Jahre war er als Freiform- und Waffenschmied in einem Solinger Unternehmen tätig, 2001 sei ihm eine Sondergenehmigung als Schmied für Blankwaffen verliehen worden, berichtet er. In ganz Deutschland habe es keinen einzigen aktiven Waffenschmiedemeister mehr gegeben, der ihm die Meisterprüfung hätte abnehmen können. Dank dieser Genehmigung konnte er sich selbstständig machen. Erst in Solingen, später im Wermelskirchener Eifgental.

Für den Spanier mehr als ein Job. „Ich bewahre hier 900 Jahre Tradition, deutsche Tradition“, sagt er. Das sorge nicht nur in Deutschland für Aufsehen, so Herrera. „Ich hatte schon Besuch von Fernsehteams aus Japan, Spanien und Tschechien.“ Gelegentlich würden sich auch Museen an ihn wenden. So wie das Maison de la manufacture im elsässischen Klingenthal, das aus der Silviaschmiede nicht nur einige teilgefertigte Rohlinge für seine Ausstellung, sondern auch gleich noch zwei Sack Schlacke für die stilechte Dekoration bezog.

Hintergrund

Mehr als ein Dutzend unterschiedlicher Ausrichtungen kennt das Schmiede-Handwerk in Deutschland. Der Blank- oder Blankwaffen-Schmied als besondere Form des Waffenschmieds gehört heute sicherlich zu den seltensten. Während der Waffenschmied auch Rüstungen und später sogar Feuerwaffen fertigte, kümmerte sich der Blankschmied ausschließlich um Schwerter, Dolche und Ähnliches. Die Bezeichnung stammt daher, dass die Erzeugnisse in einem weiteren Arbeitsschritt blank geschliffen und geschärft werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Petra Hoffmann will mit Concept-Store Freude machen
Petra Hoffmann will mit Concept-Store Freude machen
Petra Hoffmann will mit Concept-Store Freude machen
Burger Schmette setzt auf frische Produkte
Burger Schmette setzt auf frische Produkte
Burger Schmette setzt auf frische Produkte
Hugo Dürholt fusioniert mit Ennepetaler Schraubenhersteller
Hugo Dürholt fusioniert mit Ennepetaler Schraubenhersteller
Hugo Dürholt fusioniert mit Ennepetaler Schraubenhersteller
Digitalisierung: Zwilling streicht 42 Stellen im Solinger Werk
Digitalisierung: Zwilling streicht 42 Stellen im Solinger Werk
Digitalisierung: Zwilling streicht 42 Stellen im Solinger Werk

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare