Fitness

Franchise: Holpriger Ausstieg nach mehr als 20 Jahren

Uwe Ebner (l.) und Michael Keßler sind bei Kieser ausgestiegen und machen nun ohne Franchise-Geber weiter. Viel verändern soll sich in ihrem Lenneper Studio aber nicht.
+
Uwe Ebner (l.) und Michael Keßler sind bei Kieser ausgestiegen und machen nun ohne Franchise-Geber weiter. Viel verändern soll sich in ihrem Lenneper Studio aber nicht.

Michael Keßler und Uwe Ebner haben ihren Franchise-Vertrag mit Kieser aufgegeben – Ganz reibungslos lief das nicht.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Ein neues Schild über der Tür ist schon angebracht, die neue Dienstkleidung bereits im Einsatz, so wird auch optisch klar: Aus „Kieser Training“ in Remscheid-Lennep ist zum Jahreswechsel „ProKraft.Training“ geworden. Nach mehr als 20 Jahren haben sich die Inhaber Michael Keßler und Uwe Ebner entschieden, ihren Franchise-Vertrag mit Kieser nicht zu verlängern. Ganz reibungslos lief das aber nicht.

„Man kommt schnell rein, aber nicht so schnell wieder raus“, sagt Michael Keßler über das System, in dem er mehr als zwei Jahrzehnte gearbeitet hat. Rund um das Vertragsende habe er „jede Menge E-Mails erhalten, was wir zu tun haben“, berichtet er. Und deren Ton habe sich mit der Zeit deutlich verändert. Zuletzt habe die Kieser Training AG mit Sitz in Zürich ihnen gar verbieten wollen, weiterhin die Bücher ihres Gründers Werner Kieser zu verkaufen, sagt Keßler. Obwohl die auch im Buchhandel erhältlich sind. „Das wird noch Ärger geben“, ist der 60-Jährige überzeugt.

Franchising ist in der Wirtschaft weit verbreitet. Neben Fitnessstudios findet sich das Konzept auch bei Bäckerei- und Optiker-Ketten, Nachhilfe-Anbietern, Baumärkten und Burger-Bratern. Statt eigene Niederlassungen zu gründen, stellen die Firmen ihr Konzept eigenständigen Unternehmern vor Ort zur Verfügung. Die Vorteile für beide Seiten liegen auf der Hand: Der Franchise-Geber verringert Investitionen und Risiko, partizipiert aber trotzdem am Umsatz. Der Nehmer kann auf ein erprobtes Geschäftsmodell samt Marke zurückgreifen.

Auch Michael Keßler mag das System nicht verteufeln, gerade anfangs hätten er und Ebner davon profitiert: „Das hätten wir alleine ja so nicht hinbekommen“, blickt er auf den Start 2001 zurück. Beide waren branchenfremd, verdienten ihr Geld vorher in der EDV-Branche. Kieser vermittelte ihnen einen Architekten für den Umbau des Studios, schulte die Betreiber und half bei der Auswahl der Geräte. „Wir hätten ja gar nicht gewusst, was man da nimmt.“

Doch im Laufe der Zeit seien eben auch die Nachteile des Franchise-Systems zutage getreten, insbesondere dass die Verträge teils in die unternehmerische Freiheit des Nehmers eingreifen. Kieser erlaube nur den Einsatz eigener Geräte, nennt Keßler ein Beispiel. Zu beziehen seien die natürlich nur über den Franchise-Geber. Zu inzwischen deutlich gestiegenen Preisen.

Testkunden hätten auch schon mal moniert, dass auf den Toiletten die falschen Klorollen-Halter angebracht seien, berichtet Michael Keßler: „Es ging zunehmend nur noch um Äußerlichkeiten.“ Regelmäßig sei eine neue Dienstkleidung vorgeschrieben worden. „Das waren auch jedes Mal 4000 bis 5000 Euro.“ Und 2023 hätte eigentlich ein neues Logo angestanden. „Das kostet jedes Studio mindestens 10 000 Euro für die Außenwerbung, bringt aber keinen Euro Umsatz mehr“, sagt Keßler. Und das, wo die ganze Branche immer noch unter den Folgen von Corona ächze.

Die Entscheidung, da auszusteigen, sei mit der anstehenden Vertragsverlängerung gefallen, sagt Michael Keßler: „Ich habe direkt aus dem Bauch heraus gesagt, dass ich das nicht unterschreibe.“ Wegen der langen Laufzeit von 15 Jahren zum einen, aber auch wegen anderer Details: „Wir hätten uns verpflichten müssen, alle zukünftigen neuen Geräte zu kaufen, ohne zu wissen, was die kosten.“

Leicht gefallen sei der Schritt aber nicht, gibt der Geschäftsführer zu. Schließlich sei unklar gewesen, wie sehr die Mitglieder ans Studio oder an die Marke Kieser gebunden seien. Geholfen habe es, sich mit anderen ehemaligen Kieser-Partnern auszutauschen. „Alle, die ausgestiegen sind, sind noch am Markt.“

Trotzdem habe die Ankündigung für Unruhe unter den Mitgliedern gesorgt, sagt Michael Keßler. Einige hätten wohl vermutet, dass das Studio kurz vor der Pleite stehen. Andere befürchtet, dass sich das Konzept nun grundlegend ändere. Doch genau das sei nicht geplant, beruhigt der Inhaber. Das Krafttraining bleibe das Herzstück des Studios, durch das auch weiterhin keine Musik wummern werde.

Stattdessen erweitere man das Angebot nun um Geräte fürs Ausdauer-Training: „Das war schon immer der Schwachpunkt bei Kieser“, ist Keßler überzeugt – und kann auch schon die ersten Erfolge vermelden: Zwei Mitglieder, die noch zu Kieser-Zeiten gekündigt hätten, seien inzwischen zurückgekehrt. „Wenn die Kunden merken, dass alles normal weiterläuft, beruhigt sich alles wieder“, hofft der Geschäftsführer.

Ob das auch für das Verhältnis zum ehemaligen Franchise-Geber gilt, muss sich aber erst noch zeigen. Es sei durchaus denkbar, dass man sich noch mal vor Gericht sehe, meint Michael Keßler: „Ich rechne damit, dass es noch bis zum Jahresende dauert, bis alles ausgestanden ist.“

Hintergrund

Mehr als 900 Franchise-Systeme sind derzeit auf dem deutschen Markt aktiv, sagt der Deutsche Franchiseverband. Nach einer Studie gab es 2021 demnach mehr als 140 000 Nehmer mit über 180 000 Betrieben, beide Zahlen seien gegenüber 2020 um 2,2 beziehungsweise 2,7 Prozent gestiegen. Dabei erweist sich NRW als eine Art Franchise-Zentrum, 37 Prozent aller Zentralen sind hier beheimatet, der Rest verteilt sich auf die anderen 15 Bundesländer.

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Leise stirbt das Schreibtisch-Set
Leise stirbt das Schreibtisch-Set
Leise stirbt das Schreibtisch-Set
Die Alltagsbegleiter gehen einkaufen und lesen vor
Die Alltagsbegleiter gehen einkaufen und lesen vor
Die Alltagsbegleiter gehen einkaufen und lesen vor
Gesundheitsvorsorge bindet Mitarbeiter
Gesundheitsvorsorge bindet Mitarbeiter
Gesundheitsvorsorge bindet Mitarbeiter

Kommentare