Kommuniktion

Hier kommen auch die Stillen mal zu Wort

Customer Success Managerin Anne Humpert und Geschäftsführer Toni Müller nehmen ein Video auf. Antworten können die anderen Teilnehmer der Konferenz, wenn es ihnen passt,.
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Customer Success Managerin Anne Humpert und Geschäftsführer Toni Müller nehmen ein Video auf. Antworten können die anderen Teilnehmer der Konferenz, wenn es ihnen passt,.

Invokable aus Remscheid entwickelt die asynchrone Videokommunikation.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Die Welt der Videokonferenzen steht vielleicht kurz vor ihrer nächsten Revolution – und die käme diesmal aus dem Bergischen. Die Remscheider Invokable GmbH hat sags.digital entwickelt. Und damit die asynchrone Videokommunikation. „Das Meeting findet statt, wenn ich Zeit habe“, erklärt Geschäftsführer Toni Müller. „Und nicht, wenn andere das wollen.“

Statt wie sonst alle Teilnehmer zeitgleich von den Rechnern zu versammeln, startet die Konferenz bei sags.digital, indem ein Teilnehmer ein Video aufnimmt – dabei kann er auch, wie man das kennt, seinen Bildschirm teilen. „Ich kann dann auswählen, wer an der Diskussion teilnimmt und welche Rechte er hat“, sagt Müller. Einige können den Beitrag nur anschauen, andere auch darauf reagieren, ebenfalls per Video oder per Sprach- oder Textnachricht, natürlich auch mit Anhang. So entsteht eine Art Baum aus Themen und Reaktionen, wie man das aus Foren kennt.

Wichtig: Jeder Teilnehmer kümmert sich dann um die asynchrone Videokonferenz, wenn es bei ihm passt. Jeder kann ständig auf den bisherigen Verlauf zugreifen und auch auf vorherige Beiträge reagieren, neue Teilnehmer können jederzeit hinzugefügt werden. „Zeitzonen spielen keine Rollen mehr“, nennt Toni Müller ein Vorteil. Hinzu komme die Möglichkeit, länger an der Antwort zu arbeiten. „So erwische ich auch die stillen Teilnehmer, die sonst untergehen.“ Vor allen aber seien alle freier in ihrer Zeiteinteilung.

„Wir sehen das schon als quasi revolutionär an“, sagt Müller. Die Einsatzmöglichkeiten seien extrem vielfältig. Onlineshops könnten darüber Reklamationen und Retouren abwickeln, Hersteller den Produktsupport, Vertriebler den Verkaufsprozess, Arbeitsgruppen ihr Thema vorantreiben, ohne sich ständig auf gemeinsame Termine zu einigen.

Im Schulungsmodus besteht zudem die Möglichkeit, zu einzelnen Punkten des Videos gezielt Fragen zu stellen. „Ist die Frage clever, lasse sich sie für spätere Nutzer stehen“, sagt Müller. „So bekommt man das perfekte Schulungsvideo.“ Denkbar sei auch eine medizinische Nutzung: Der Arzt nimmt ein Video auf, in dem er Untersuchungsergebnisse erläutert, der Patient schaut es, wenn er Zeit dafür hat. Und stellt bei Bedarf Rückfragen.

Invokable selbst nutze sags.digital zudem für den Recruitingprozess, so Müller. Wer sich für einen Job bei der Firma interessiert, bekommt ein Video mit grundlegenden Infos zum Unternehmen und den ersten Fragen – und kann dann in Ruhe ein Antwortvideo aufzunehmen und es zusammen mit dem Lebenslauf hochzuladen. Gerade für introvertierte Bewerber sicherlich angenehmer als ein Vorstellungsgespräch in Echtzeit.

Hervorgegangen ist das Remscheider Unternehmen aus der Firma JAR Media, die vor 13 Jahren in Radevormwald gegründet wurde. Unter der Marke wirklich.digital kümmern sich die 50 Mitarbeiter an zwei Standorten, seit einem Jahr gibt es eine Niederlassung in Essen, vor allem um Prozessdigitalisierung. In den ersten Monaten der Corona-Pandemie sah man sich aber auch mit Anfragen zum Thema Videokonferenz konfrontiert, insbesondere von Kunden, die eine datenschutzkonforme Alternative zu Zoom und Teams suchten.

So entstand bbbserver, ein Serviceangebot rund um das Open-Source-System Big-Blue-Button. Doch zu viele Onlinekonferenzen seien „unfassbar anstrengend“, findet Toni Müller. Nicht umsonst hat sich in den letzten beiden Jahren der Begriff „Zoom Fatigue“ etabliert. So entstand bei Invokable die Idee zu sags.digital, die das Team in etwa einem Dreivierteljahr umsetzte.

Seit ein paar Wochen ist es nun online, die ersten etwa 100 Nutzer sind bereits angemeldet. Bezahlt wird nach Anzahl der Zugänge und nach Größe des Speicherplatzes, eine kleine Version mit zwei Gigabyte ist kostenfrei.

Im nächsten Schritt wolle man beide Systeme kombinieren, kündigt Toni Müller an. Dann könne aus einer asynchronen Konferenz schnell eine in Echtzeit werden. Oder eine Livekonferenz steht später noch zur Verfügung, um an dem Thema weiter zu arbeiten. „Es gibt unfassbar viele Möglichkeiten.“

Hintergrund

Zu viele Videokonferenzen gelten als besonders ermüdend, die Gründe dafür sind vielfältig. Unter anderem „sucht“ das Gehirn ständig nach nonverbalen Hinweisen, außerdem erfordert die wechselnde Bild- und Tonqualität eine besondere Aufmerksamkeit. Dafür hat sich der Begriff „Zoom Fatigue“ etabliert.

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