Beruf

Gebt den Azubis das Kommando!

Zusammen mit anderen Auszubildenden haben Viola Reger, Anesa Selimi und Evita Koop (v. l.) eine Woche lang die Verantwortung für die Remscheider Filiale übernommen – und entschieden, einen Beratungsstand zu nachhaltigen Produkten aufzubauen. Sabrina Wendel (r.), sonst Assistentin der Filialleitung, steht nur für Notfälle bereit.
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Zusammen mit anderen Auszubildenden haben Viola Reger, Anesa Selimi und Evita Koop (v. l.) eine Woche lang die Verantwortung für die Remscheider Filiale übernommen – und entschieden, einen Beratungsstand zu nachhaltigen Produkten aufzubauen. Sabrina Wendel (r.), sonst Assistentin der Filialleitung, steht nur für Notfälle bereit.

Remscheider Drogeriemarkt-Filiale ganz in Händen von Auszubildenden.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Weit gereist ist Viola Reger nicht, doch der Sprung war trotzdem groß. Normalerweise absolviert die 22-Jährige ihre Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel im beschaulichen Wipperfürth. „Wir kennen jeden unserer Kunden persönlich“, berichtet sie. Doch in dieser Woche war ihr Einsatzort die Rossmann-Filiale auf der oberen Alleestraße in Remscheid. Und die ist nicht nur doppelt so groß und liegt im Herzen einer Großstadt, die wurde in dieser Zeit auch noch ausschließlich von Azubis geführt.

Während der sogenannten Azubi-Woche werden bundesweit ein paar Dutzend Verkaufsstellen der Drogeriekette komplett von Auszubildenden übernommen. Sechs Tage lang sind sie allein verantwortlich, für den Dienstplan, die Warendisposition und alles andere. Vom sonstigen Personal sind nur die Filialleitung und deren Assistentin vor Ort. Und die auch nur für Notfälle. Das sei für die Nachwuchskräfte ein großer Spaß und eine ebenso große Motivation, ist Bezirksleiter Achim Friedemann überzeugt. Und diene zudem dazu, dass die Azubis auch mal andere Filialen und Konzepte kennenlernen.

Vor allem aber bringe das die jungen Menschen persönlich weiter, sagt Friedemann: „Die können so schon mal die Luft schnuppern, wie das ist, wenn man Verantwortung trägt.“ Dass sich dabei auch zeige, wer Führungsqualitäten hat, sei ein praktischer Nebeneffekt, sagt Verkaufsleiterin Sandra Lück: „Gerade in solchen Situationen sticht so etwas ja heraus.“ Wichtig für ein Unternehmen, das Filial-, Bezirks- und Verkaufsleiter gerne aus dem eigenen Reihen rekrutiert.

Dass Firmen während der Ausbildung mehr machen als die reine Wissensvermittlung ist längst nicht mehr selten. Auch Discounter Aldi übergibt Filialen zeitweise an Auszubildende, ebenso die eine oder andere bergische Sparkasse. Bei Rossmann-Konkurrent dm spielen sie Theater, beim Radevormwalder Gebäudetechnikspezialist Gira organisieren sie maßgeblich die Maßnahmen, mit denen ihre eigenen Nachfolger gefunden werden. Und der Hückeswagener Kabelkanalhersteller Pflitsch schickt seine Auszubildenden regelmäßig in verschiedene soziale Einrichtung, um dort mitzuhelfen.

Das sei viel mehr als pures Marketing, sagt Carmen Bartl-Zorn. Die für Aus- und Weiterbildung zuständige Geschäftsführerin der Bergischen IHK outet sich als „totaler Befürworter“ solcher Aktionen: „Das bringt die jungen Menschen weiter.“ Gemeinsame Veranstaltungen würden das Teamgefühl stärken, soziale Aktivitäten darauf vorbereiten, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

Und bei Kaufleuten im Einzelhandel wie bei Rossmann sei die Vorbereitung auf selbstständiges Handeln Ausbildungsziel. „Deswegen finde ich das total sinnvoll.“ Abgesehen davon, dass so etwas auch einfach gut bei jungen Menschen ankomme. „Viele wollen ja gerne etwas sinnstiftendes tun.“

Auch Viola Reger bereut den zeitweisen Wechsel aus der oberbergischen Klein- in die bergische Großstadt nicht. „Das ist für mich die Chance, ein anderes Level zu erreichen.“ Als sie vor einigen Wochen gefragt wurde, ob sie an der Azubi-Woche teilnehmen will, habe sie sofort zugesagt. „Ich wollte unbedingt dabei sein.“ Kurz vor Schluss bleibt ihr Fazit positiv: „Ich nehme auf jeden Fall viel mit.“

Darunter auch ein Lob von Sabrina Wedel. Die 29-Jährige ist eigentlich Assistentin der Filialleitung in dieser Verkaufsstelle, nun steht sie für die Auszubildenden zur Absicherung zur Verfügung: „Die machen das alle super“, sagt sie über das Azubi-Team: „Ich hätte gar keine Bedenken, ihnen die Filiale auch länger zu überlassen.“

Hintergrund

Das neue Ausbildungsjahr hat zwar schon begonnen, ein Einstieg ist aber nach wie vor möglich. Und die Chancen, den passenden Job zu finden, stehen nach wie vor gut. Etwa 700 freie Ausbildungsstellen im bergischen Städtedreieck meldet zum Beispiel noch die IHK für ihre Mitgliedsbetriebe, Dutzende weitere gibt es bei Handwerksunternehmen und in der öffentlichen Verwaltung. Die Lehrstellenbörse der IHK ist nach dem Cyberangriff noch nicht wieder erreichbar, die der Agentur für Arbeit aber schon.

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