Wirtschaft

Corona-Umstellungen waren meist nicht von Dauer

Im Mai brachten Maximilian und Knut Hermes mit ihrer Tecsafe GmbH ein Gesichtsvisier auf den Markt, inzwischen konzentriert sich das Unternehmen aber wieder auf ihr Kerngeschäft. Archivfoto: Christian Bier
+
Im Mai brachten Maximilian und Knut Hermes mit ihrer Tecsafe GmbH ein Gesichtsvisier auf den Markt, inzwischen konzentriert sich das Unternehmen aber wieder auf ihr Kerngeschäft.

Produkte in der Pandemie: Masken statt Designer-Mode, Visiere statt Schaumeinlagen.

Von Sven Schlickowey

Bergisches Land. Betriebsferien verlänger, Kurzarbeit beantragen oder Masken nähen – vor dieser Frage stand Milan Cestnik vor mehr als einem Jahr. Sein Solinger Unternehmen, Produktionsbetrieb für hochwertige Damenoberbekleidung, gehörte zu den ersten im Bergischen, die von Corona betroffen waren. Es kamen einfach keine Stoffe mehr aus Italien. Also nutze Cestnik seine restlichen Vorräte für die Maskenproduktion. Der Erfolg gab ihm recht. Zumindest vorübergehend.

So wie die Zestnik GmbH machten es viele Firmen im Städtedreieck am Anfang der Pandemie. Sie nutzten vorhandene Kompetenzen, um Produkte zu liefern, die gerade stark gefragt waren. Um eigene Umsatzrückgänge zu reduzieren. Oder schlicht um zu helfen. Von Dauer war das aber meist nicht.

„Das Kerngeschäft läuft wieder fast normal – manche Sparten sind sogar gewachsen.“

Lone Zillgen, Tecsafe GmbH

Die Tecsafe GmbH aus Solingen zum Beispiel brachte im Mai 2020, nur wenige Wochen nach dem Produktionsstart der Masken bei Zestnik, ein Gesichtsvisier auf den Markt. Auch so etwas war damals heiß begehrt und, wenn überhaupt, nur als Fernost-Import verfügbar. Entsprechend groß sei die Nachfrage anfangs gewesen, berichtet Lone Zillgen, bei Tecsafe in Marketing und Vertrieb tätig.

Insbesondere nachdem diese Zeitung darüber berichtet hatte, habe man viele Visiere an Privatkunden verkauft. „Speziell ältere Damen und Herren schätzten die Möglichkeit des ortsansässigen Verkaufs und die hohe Produktqualität.“ Doch nach und nach sei die Nachfrage zurückgegangen. „Dies liegt sowohl an der günstigeren Konkurrenz aus Fernost, als auch an der, je nach Bundesland, unterschiedlichen Empfehlung für Schutzausrüstung.“ Mehr als 1000 Visiere habe man an das Klinikum Solingen, das Hospiz, die Tafel und einige Kindergärten gespendet, sagt Zillgen. Und nach wie seien einige Exemplare bei Tecsafe vorrätig.

Nicht wirklich neu war hingegen das Thema Spuckschutzwände für Jahn Kunststoffe aus Remscheid. „Die produzieren wir seit 1986 bei uns im Haus“, sagt Geschäftsführerin Nicole Jahn. Doch was bis dahin eher ein Schattendasein gefristet hatte, wurde im März 2020 zum Verkaufsschlager. Statt in Kurzarbeit ging die Firma zu Sonderschichten über. Arztpraxen, Tankstellen, Lotto-Läden – plötzlich wollte fast jedes Geschäft den Spuckschutz aus Remscheid haben. 4000 kaufte allein die Post für ihre Filialen. Gebremst wurden Nicole Jahn, ihr Bruder Jens und das Team höchstens durch Materialmangel. Acrylglas war europaweit zeitweise so gut wie ausverkauft.

Trotzdem sei das Geschäft mit dem Spuckschutz seither noch gewachsen, sagt Jens Jahn: „Zu den Einzelhandelskunden sind jetzt auch größere Unternehmen dazu gekommen, die ihre Büros und Produktionen mit längerfristigen Lösungen ausstatten.“ Die Ausfälle in anderen Bereiche könne das aber nur teilweise ausgleichen: „Insgesamt bewegen wir uns aber vom Umsatzniveau her unter 2019 mit dem normalen Geschäft.“ Zumal es weiter Probleme beim Material und deswegen enorme Preissteigerungen gebe. „Wir sind aber voll lieferfähig in unseren Standardlagerartikeln, da wir uns Ende letzten Jahres dazu gut aufgestellt haben.“

Am Ende mussten zehn Mitarbeiter doch noch in Kurzarbeit

Tecsafe in Solingen ist derweil wieder zum Normalbetrieb zurückgekehrt, das Unternehmen stellt Schaumeinlagen für Messer, Scheren, Werkzeuge und ähnliches her. „Das Kerngeschäft läuft wieder fast normal – manche Sparten sind sogar gewachsen“, sagt Lone Zillgen. Die Firma habe die Krise gut überstanden, nicht zuletzt dank der neuen Regeln beim Kurzarbeitergeld.

Auch Milan Cestnik hatte schon zum Start damit gerechnet, dass das Masken-Geschäft nicht von Dauer sein wird: „Es war eigentlich von vornherein klar, dass die Nachfrage nur kurz sein würde, und sobald die Massenware aus Asien eintreffen würde, das Thema erledigt ist.“ Dennoch sei man froh, Mitbürgern, anderen Unternehmen und verschiedenen Einrichtungen geholfen zu haben. Zudem habe man sich ein kleines finanzielles Polster erarbeiten können, sagt Milan Cestnik. Immerhin wurden mehr als 50 000 Masken verkauft.

Und das Polster war dringend nötig. Denn nach ein paar Monaten im Normalbetrieb holte Corona die Zestnik GmbH im zweiten Lockdown erneut ein: „Die Nachfrage nach Bekleidung ist brutal eingebrochen.“ Am Ende musste der Inhaber seine zehn Mitarbeiter doch noch in die Kurzarbeit schicken.

FFP2-Masken

Der Bedarf an Schutz-Ausrüstung führte nicht nur zu Umstellungen, sondern auch zu Neugründungen im Bergischen. So gründete ein Team aus Wuppertalern und Remscheidern im Mai 2020 die Firma Sentias in Cronenberg, die seither FFP2-Masken produziert. Nach der Pandemie sollen die Masken auch im Arbeitsschutz zum Einsatz kommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Bergische Macher: Ehepartner als Kollege ist „ein absoluter Vorteil“
Bergische Macher: Ehepartner als Kollege ist „ein absoluter Vorteil“
Bergische Macher: Ehepartner als Kollege ist „ein absoluter Vorteil“
Schnaq verhindert „Wissenssilos“ in Firmen
Schnaq verhindert „Wissenssilos“ in Firmen
Schnaq verhindert „Wissenssilos“ in Firmen
Soforthilfe: Empfänger müssen an Rückmeldeverfahren teilnehmen
Soforthilfe: Empfänger müssen an Rückmeldeverfahren teilnehmen
Soforthilfe: Empfänger müssen an Rückmeldeverfahren teilnehmen
Kronprinz sichert den Standort
Kronprinz sichert den Standort
Kronprinz sichert den Standort

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare