Lieferengpässe

Verlängern, hoffen - im Notfall rauskaufen

Christian Engels ist verantwortlich für die Firmen-Flotte beim Remscheider Gebäudereiniger Schulten. Im Moment kein leichter Job, weil Neuwagen kaum lieferbar sind. Ein bestelltes Fahrzeug hat aktuell 18 Monate Lieferzeit, berichtet er.
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Christian Engels ist verantwortlich für die Firmen-Flotte beim Remscheider Gebäudereiniger Schulten. Im Moment kein leichter Job, weil Neuwagen kaum lieferbar sind. Ein bestelltes Fahrzeug hat aktuell 18 Monate Lieferzeit, berichtet er.

Die Lieferschwierigkeiten bei Neuwagen erschweren das gewerbliche Fuhrpark-Management.

Von Sven Schlickowey

Bergisches Land. „Fuhrpark-Manager zu sein, ist zurzeit kein Spaß”, sagt Christian Engels. Als Assistent der Geschäftsführung kümmert er sich beim Remscheider Gebäudereiniger Schulten auch um die Firmen-Flotte, über 140 Fahrzeuge, die vor allem gebraucht werden, um Mensch und Material zum Einsatzort zu bringen. Wurden die Autos früher im regelmäßigen Turnus einfach ausgetauscht, ist das inzwischen wegen der Lieferengpässe kaum mehr möglich. Also muss Engels Lösungen finden.

„Wir müssen bei jedem Fahrzeug individuell gucken, wie wir das machen”, berichtet er. In vielen Fällen komme eine Verlängerung des Leasingvertrags in Frage. „Wir verlängern bis zum Maximum und hoffen, dass das reicht.” Händler und Banken würden dabei in der Regel mitspielen. „Im Notfall bleibt uns aber nichts anderes übrig, als die Autos rauszukaufen.” Angesichts der stark gestiegenen Gebrauchtwagenpreise sei das vermutlich noch nicht einmal mit einem wirtschaftlichen Verlust verbunden, schätzt Engels. Aber mit einem enormen Aufwand. Und viel gebundenem Firmenkapital.

Unsere Dispo hat schon graue Haare.

Patrick Vogel, Auto Schönauen

Die Lieferfristen auf dem Neuwagen-Markt seien „brutal”, sagt Schulten-Geschäftsführer Oliver Knedlich. „Spitzenreiter ist bei uns derzeit ein Skoda mit 18 Monaten.” Um das Problem zumindest mittelfristig in den Griff zu bekommen, sei man dazu übergegangen, neue Autos ein Jahr im Voraus zu bestellen: „Das heißt, dass wir uns 14 Monate vorher damit beschäftigen müssen.” Gerade bei E-Fahrzeugen ein Nachteil, findet Knedlich, der sein Unternehmen derzeit CO2-neutral umbaut, denn in dieser Zeit schreitet die technische Entwicklung voran: „Man kriegt immer nur alte Ware.”

Lieferschwierigkeiten in der Autobranche

Dass selbst Größe da nicht schützt, zeigt Vaillant. Der Remscheider Heiztechnik-Hersteller, weltweit 16 000 Mitarbeiter, davon 3100 in der Werkzeugstadt, leide ebenso unter den Lieferengpässen, bestätigt Pressesprecher Dr. Jens Wichtermann: Im Schnitt warte man etwa neun Monate länger als sonst auf neue Fahrzeuge. Und das bei einer Flotte mit mehreren Hundert Autos. „Wir verfügen über den größten Kundendienst der Branche”, sagt Wichtermann, so sei allein die Zahl der Kleintransporter dreistellig. Um die Flotte zu managen, arbeite Vaillant mit externen Leasing-Firmen zusammen, erklärt der Pressesprecher: „Unsere Partner unterstützen uns in dieser Zeit nach Kräften.”

Das ist aktuell auch die Hauptaufgabe von Patrick Vogel, Leiter Groß- und Gewerbekunden beim Solinger Autohändler Schönauen. „Das ist ein Riesen-Aufwand”, berichtet er. Auch weil für jeden Kunden, jedes Fahrzeug eine individuelle Lösung her müsse: „Unsere Disposition hat schon graue Haare.”

Auch bei Schönauen werden Leasingverträge verlängert und Autos rausgekauft. Zudem sei man ständig im eigenen Bestand auf der Suche nach Alternativen, sagt Vogel: „Zum Glück haben wir noch einiges auf Lager.” Viele Kunden seien kompromissbereit, hat er beobachtet, selbst wenn Größe, Motor oder Ausstattung des Autos nicht hundertprozentig zum Wunschfahrzeug passen, griffen die meisten zu: „Hauptsache, man bleibt erst mal mobil.”

Und auch bei laufenden Bestellungen seien Flexibilität und Kreativität gefragt, sagt Vogel. Ist der Parkpilot nicht lieferbar, wird auch schon mal eine Rückfahrkamera eingebaut. Und statt eines Radios mit Apple CarPlay gleich ein großes Navigationsgerät. Teilweise passe man Bestellungen mehrmals an, bis das Fahrzeug auf dem Hof steht.

Auch Christian Engels berichtet von einer guten Zusammenarbeit mit den Autohändlern vor Ort: „Die machen einen guten Job, die sind aber auch am Rotieren.” Schulten pflege ohnehin eine partnerschaftliche Beziehung zu seiner Lieferanten, das helfe nun. Einen Grund, sauer auf die Händler zu sein, sehe er nicht: „Die sind ja die letzten Glieder in der Nahrungskette.” Stattdessen arbeitet Christian Engels lieber an Lösungen. Eine liege darin, sich frühzeitig um neue Fahrzeuge zu kümmern, sagt er: „Aktuell bearbeite ich alle Verträge, die 2023 auslaufen.”

Hintergrund

Die deutsche Autoindustrie hat aktuell einen Rückstand von mehr als sieben Monaten, ergab eine Umfrage des Ifo-Instituts. Bei den Nutzfahrzeugen sieht es kaum besser aus: Laut einer Studie der Management-Beratung Berylls ist die Lkw-Produktion für 2022 schon komplett verkauft.

Die deutsche Autoindustrie hat aktuell einen Rückstand von mehr als sieben Monaten, ergab eine Umfrage des Ifo-Instituts. Bei den Nutzfahrzeugen sieht es kaum besser aus: Laut einer Studie der Management-Beratung Berylls ist die Lkw-Produktion für 2022 schon komplett verkauft.

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