Start-up

Cyculate will tonnenweise Masken wiederverwerten

Maik Paroth (l.) mit dem Prototypen einer Sonnenbrille aus Polypropylen und Karl Neumann mit den Resten der ersten selbst gegossenen Platte aus recycelten Masken. Foto: Andreas Fischer
+
Maik Paroth (l.) mit dem Prototypen einer Sonnenbrille aus Polypropylen und Karl Neumann mit den Resten der ersten selbst gegossenen Platte aus recycelten Masken.

Cyculate hat sich mit der Idee um ein Gründerstipendium beworben und bekommt Lob vom Wuppertal Institut.

Von Eike Rüdebusch

Bergisches Land. Wer aktuell eine OP- oder FFP2-Maske über den Augen trägt, hat den Sinn nicht verstanden. Das kann sich aber ändern. In abgewandelter Form. Ein Wuppertaler Start-up hat es sich zur Aufgabe gemacht, solche Masken aus Polypropylen (PP) zu sammeln und zu recyceln – neue Gegenstände daraus herzustellen. Etwa eine Sonnenbrille. Und sie sind damit auf eine Idee gekommen, die auf viel Gegenliebe stößt.

Maik Paroth (28) und Karl Neumann (27) haben jüngst die Idee der Firma Cyculate, die sie mit Jakob Quade (27) gegründet haben, einer Jury des Startercenter NRW Wuppertal-Solingen-Remscheid präsentiert und „eine positive Förderempfehlung“ erhalten – sie können sich jetzt auf das Gründerstipendium des Landes bewerben und pro Person 1000 Euro pro Monat für ein Jahr bekommen. So sollen sie die Chance bekommen, die Idee auf den Weg zum Produkt zu bringen.

Die Masken zu recyceln, war eine Schnapsidee des Start-ups

Die Firma war im besten Sinne eine „Schnapsidee“, erzählt Neumann bei einem Treffen im Coworking-Space Codex in Wuppertal. Die drei Gründer, die zusammen wohnen, seien eines morgens verkatert durch das Luisenviertel gelaufen und hätten überall Masken liegen sehen und sich gefragt, ob man daraus nicht etwas Sinnvolles machen könnte.

Es folgten zahlreiche Telefonate mit Maskenherstellern, erzählt Paroth und erst einmal die Antwort: „Die Masken zu recyceln, ist nicht möglich.“ Die Gründer blieben aber dran und haben den Haken entdeckt. Denn der Stoff, aus dem die Masken sind, lässt sich sehr wohl recyceln – wenn Nasenklammer und Ohrenbänder abgetrennt werden. Das ist aufwendig.

Regulär landen die Masken im Restmüll, um verbrannt zu werden. In der gelben Tonne seien sie fehl am Platz, sagt die Wuppertaler Abfallwirtschaftsgesellschaft. Sie seien keine Verpackung. Dabei ist der Stoff, aus dem die Maske an sich ist, eigentlich genau der, aus dem auch Joghurtbecher oder Flaschendeckel hergestellt werden. Für Paroth, Neumann und Quade ging damit die Arbeit los. Sie haben Masken gesammelt, auseinandergeschnitten und eingeschmolzen, haben eine PP-Platte draus gepresst. Haben sich zudem eine professionell hergestellte Platte aus vergleichbarem Material besorgt und zur Bochumer Brillenmanufaktur BO44 gebracht, die daraus ein Brillengestell gefräst hat.

Prototyp: Aus Masken ist innerhalb von einem Tag eine Sonnenbrille entstanden

Tanja Wagener von der Manufaktur sagt, sie sei erstaunt gewesen, wie gut das Testmaterial geeignet gewesen sei. Man hatte innerhalb eines halben Tages den Prototypen einer Sonnenbrille hergestellt. Das dauere mit anderen Materialien deutlich länger. Die Idee stecke noch in den Kinderschuhen, sagt sie. Aber „das Konzept ist super, aus Masken, die mit etwas Negativem in Verbindung stehen, etwas Positives, Neues zu machen.“ Sie wartet jetzt darauf, dass die Wuppertaler das Material liefern. Mit einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung stehen Paroth, Neumann und Quade in Verhandlungen, damit dort die Masken nach den Richtlinien des Robert-Koch-Instituts gewaschen werden können. Und dann wollen die Gründer in der eigenen Werkstatt an die Arbeit gehen.

Die Werkstatt hat Neumann, der Architektur studiert hat, mit Freunden gegründet – zum Basteln und Modelle herstellen. Viele Geräte sind schon da, die genutzt werden können. Sogar eine CNC-Fräse. Paroth, der Wirtschaftswissenschaften studiert und bei einem anderen Start-up arbeitet, übernimmt die Kommunikation. Und Quade hat Biologie studiert und ist Ökotoxikologe – er kennt sich aus mit den Chemikalien und den Auswirkungen auf die Umwelt. Die Fähigkeiten ergänzen sich.

Bildung ist das Nachhaltigste, was wir uns vorstellen können.

Karl Neumann, Gründer

Um an Masken zu kommen, haben die jungen Männer Tonnen als Sammelbehälter hergestellt – und bisher zwar nur zwei von 36 geplanten Sammelbehältern aufgestellt. Weil die Werkstatt umziehen musste, sind es bisher nicht mehr. Aber in der Tannenberg-Apotheke in Wuppertal, wo eine steht, wird sie gut angenommen. Inhaberin Birgit König sagt, dass die Kunden mittlerweile mit gesammelten Masken kämen, um sie dort abzugeben. „Die Idee ist super“, lobt sie. Und auch wenn noch nicht so viele Tonnen wie geplant verteilt wurden, kommen Masken ohne Ende. Denn ein Hersteller aus Ostdeutschland sammle die Ausschussware bei der Produktion – eine Tonne pro Monat. Zwei Tonnen können sich Paroth, Neumann und Quade schon abholen. Wenn die Logistik steht.

Wenn das Stipendium kommen sollte, dann soll es losgehen, dann kann man alles ausarbeiten. Und dann sollen eben Brillen entstehen, aber auch etwa Karabiner oder gar Möbel für Schulen. „Bildung ist das Nachhaltigste, was wir uns vorstellen können“, sagt Neumann, „damit wir das mit der Umwelt nicht völlig an die Wand fahren.“

www.cyculate.de

Wuppertal Institut

Henning Wilts, Abteilungsleiter Kreislaufwirtschaft beim Wuppertal Institut, findet die Idee der drei Unternehmer super. Es sei sehr sinnvoll, für solche spezifischen Produkte Ideen zu entwickeln, um die Wiederverwertbarkeit sicherzustellen. „Das ist ein riesen Schritt in die richtige Richtung“ – vor allem weil medizinische Abfälle sonst immer verbrannt würden. Die Wiederverwertung spare vor allem viel Energie.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Knappe Baustoffe strapazieren die Nerven – und den Geldbeutel
Knappe Baustoffe strapazieren die Nerven – und den Geldbeutel
Knappe Baustoffe strapazieren die Nerven – und den Geldbeutel
Solinger erobern Markt der Online-Identitäten
Solinger erobern Markt der Online-Identitäten
Solinger erobern Markt der Online-Identitäten
H&M in Remscheid wird bestreikt
H&M in Remscheid wird bestreikt
H&M in Remscheid wird bestreikt

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare