Herausforderungen

Die Autowelt verändert sich schneller als gedacht

Heinz-Dieter Tiemeyer (l.) und Pascal Grunnert, ab Januar Betriebsleiter im Remscheider VW-Autohaus, mit dem neuen elektrischen VW ID3. E-Mobilität und autonomes Fahren sind nur zwei der Themen, auf die sich die Automobilbranche in Zukunft einstellen muss. Fotos: Christian Beier / VW AG / wey
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Heinz-Dieter Tiemeyer (l.) und Pascal Grunnert, ab Januar Betriebsleiter im Remscheider VW-Autohaus, mit dem neuen elektrischen VW ID3. E-Mobilität und autonomes Fahren sind nur zwei der Themen, auf die sich die Automobilbranche in Zukunft einstellen muss.

E-Mobilität, Corona und autonomes Fahren – Herausforderungen für regionale Autohäuser.

Von Sven Schlickowey

Bergisches Land.  Wer zum Skifahren möchte, ersetzt seinen Pkw zeitweise durch einen Kleinbus mit Allradantrieb. Das Auto weiß, wann es nicht benötigt wird – und meldet sich selbstständig für einen Werkstatt-Besuch an, der dem Kunden zuliebe nachts stattfindet. Und gefahren wird sowieso nur noch elektrisch. Wenn Heinz-Dieter Tiemeyer über die Zukunft seiner Branche spricht, dann klingt es genau so, nämlich wie Zukunft. Doch die liege näher als vielleicht gedacht, meint Tiemeyer: „Die Branche wird sich in den nächsten zehn Jahren radikal verändern.“

Heinz-Dieter Tiemeyer ist kein Visionär aus einem universitären Elfenbeinturm, sondern Mann der Praxis. Der 60-Jährige ist Vorstand der Autohaus-Gruppe, die seinen Namen trägt. Fast 30 Standorte im Ruhrgebiet, im Sauerland, demnächst im Münsterland und seit ein paar Jahren auch im Bergischen gehören zum Unternehmen. Vor fünf Jahren stieg er bei der Remscheider Scheider-Gruppe ein, Anfang dieses Jahres wurden die drei VW-, Skoda- und Audi-Autohäuser auch offiziell in seine Firma eingegliedert. Zum nächsten Jahreswechsel wird der Name angeglichen, dann wird aus Scheider Tiemeyer.

„Ich gehe davon aus, dass Verbrenner ab 2030 verboten werden.“

Heinz-Dieter Tiemeyer

Die Umbenennung habe ihren Grund auch in einem einheitlichen Markenauftritt, berichtet Tiemeyer: „Das war bisher für unser Marketing schon sehr anstrengend.“ Sie ist aber auch äußeres Zeichen eines Wandels. Vom Autohändler zum Mobilitätsdienstleister. Eine Entwicklung, die die Wissenschaft schon länger ausgemacht hat. Die deutsche Automobilindustrie werde zukünftig von vier Megatrends beeinflusst, postulierte zum Beispiel die Friedrich-Ebert-Stiftung schon 2018 in einer Studie: Digitalisierung, Urbanisierung, Nachhaltigkeit und Individualisierung. Was das aber ganz praktisch vor Ort heißt, das müssen Tiemeyer und seine Leute, genau wie Hunderte andere Firmen in Deutschland, erst noch herausfinden.

Sicher sind sich viele: Das eigene Auto wird bald der Vergangenheit angehören. Statt sich einmal für Jahre auf ein Modell festzulegen, wähle man zukünftig immer das passende Fahrzeug, sagen Experten voraus. Ein Kleinstwagen für den Weg zur Arbeit. Die Mittelklasse für den Wocheneinkauf. Und den Allrad-Kleinbus für den Winterurlaub. Denkbar sei, dass Kunden eine Art Miet-Kontingent bei „ihrem“ Autohaus erwerben und dieses dann entsprechend nutzen können, sagt Tiemeyer: „Es gibt noch ein paar Fragezeichen, wer das Auto sauber macht und wer es auf Schäden kontrolliert zum Beispiel, aber das wird so kommen.“ Noch einmal ein paar Jahre später auch mit autonomen Fahren. Dann erkennt eine Künstliche Intelligenz vielleicht den Bedarf im Voraus – und stellt das passende Fahrzeug am Morgen vor die Tür.

Alles in Verbindung mit Elektromobilität. Die komme „mit Gewalt“ über die Branche, sagt Tiemeyer: „Ich gehe davon aus, dass Verbrenner ab 2030 verboten werden.“ Dabei seien Elektroautos lange noch nicht für jeden geeignet: „Wenn jemand 50 000 oder 65 000 Kilometer im Jahr fährt, dann braucht er einen Diesel. Das traut sich aber keiner zu sagen.“ Vor allem aber werden die Auswirkungen der Umstellung in den Werkstätten zu spüren sein – denn an E-Fahrzeugen sind weniger bewegliche Teile, die gewartet werden müssen. Und weniger Teile, die kaputt gehen können.

Was das bedeuten kann, habe Corona bereits gezeigt, so Tiemeyer. Denn Homeoffice, ausgefallene Messen und Kunden-Besuche per Online-Konferenz bedeuten weniger gefahrene Kilometer. Und damit weniger Arbeit für die Werkstatt. Beim Absatz habe die Pandemie sich nicht allzu schlimm ausgewirkt, sagt Heinz-Dieter Tiemeyer. Gerade im Gebrauchtwagengeschäft sei der von der Bundesregierung angekündigte „Wums“, insbesondere die zeitweise Absenkung der Mehrwertsteuer, angekommen: „Das hätten wir gar nicht so erwartet.“ Doch auf die Auslastung der Werkstätten schlage das Virus direkt durch: „Das tut immer noch weh.“ Und werde wohl auch nach der Pandemie, zumindest teilweise, so bleiben.

„Transformation by disaster or by design?“ hatte die Friedrich-Ebert-Stiftung ihre Studie 2018 im Untertitel genannt. In etwa: Veränderung durch Katastrophe oder mit einem Plan? Heinz-Dieter Tiemeyer hat diese Frage für sich beantwortet, denn die Branche sei bereit, sich auf die anstehende Transformation einzustellen und sie zu gestalten, sagt er: „Veränderung ist Fortschritt.“

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