„Wir sollten nicht um uns selbst kreisen“

Meinrad Funke ist seit 2015 leitender Pfarrer von St. Sebastian (Aufderhöhe, Merscheid, Ohligs und Wald). Fotos: Christian Beier/Mona Hüttem-Höhler
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Meinrad Funke ist seit 2015 leitender Pfarrer von St. Sebastian (Aufderhöhe, Merscheid, Ohligs und Wald). Fotos: Christian Beier/Mona Hüttem-Höhler

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute der katholische Pfarrer Meinrad Funke

Liebe Leserin, Lieber Leser,

ist das wirklich der Präsident der Vereinigten Staaten, der sich nach der Wahlniederlage verhält wie ein beleidigtes Kind? Der die Wahrheit nicht vertragen kann, sie öffentlich leugnet, wilde Drohungen ausstößt und alle möglichen Personen und Institutionen bezichtigt, sich gegen ihn verbündet zu haben? Auf „You-tube“ gibt es eine Reihe von Videos, die sich darüber amüsieren – einerseits verständlich, andererseits: Ist das wirklich lustig? Oder doch eher tragisch?

Hier klebt jemand auf derart unwürdige Weise an seiner Macht, wie er sie vier Jahre lang ausgeübt hat: Nicht zum Wohl der Bevölkerung, nicht um eines größeren Zieles willen, sondern im Kreisen um sich selbst.

Hier handelt es sich um ein extremes Beispiel, aber wie viele mehr oder weniger einflussreiche Menschen ticken ähnlich. Wie oft geht es um den eigenen guten Ruf, die Erweiterung der eigenen Macht, nicht ausgebbare Höhen von Einkommen aus Prestigegründen. Oder im Kleinen um das Pöstchen im Verein oder im Gremium. Leider ist dies nicht nur in Politik, Wirtschaft, Profisport oder in Vereinen der Fall. Mit einiger Scham stelle ich fest: Auch in meiner einst mächtigen Kirche tun sich manche Würdenträger schwer mit dem Machtverlust. Für nicht wenige Zeitgenossen wird dadurch die wunderbare Botschaft des christlichen Glaubens (Menschwerdung Gottes, sein Leben mit und heilsames Handeln an den Menschen, Tod und Auferstehung) und eine Menge positives kirchliches Engagement verdunkelt oder als irrelevant angesehen.

Auf unwürdige Weise an der Macht kleben

Auch die Schwierigkeit, schwere Fehler der Vergangenheit und Gegenwart offen zuzugeben und Schuldige zu benennen, hat etwas mit Sorge um den eigenen Einfluss und den guten Ruf zu tun (und bewirkt das Gegenteil vom Gewünschten). Damit wir uns nicht missverstehen: Ich bin gern Christ, verwurzelt in der katholischen Kirche. Und ich bin bewusst und aus Überzeugung katholischer Priester geworden, um mit Jesus Christus verbunden die Menschen mit seiner Botschaft bekannt und vertraut zu machen.

Im Evangelium des zweiten Adventssonntags (Markus 1, 1-8) wird uns Johannes der Täufer vorgestellt: Zunächst mit Worten aus der Jesaja-Tradition: „Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bahnen wird.“ (V 2b). Später sagt der im Volk sehr verehrte Johannes dann selbst: „Nach mir kommt einer, der stärker ist als ich;. . . Ich habe mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.“ (V 7 f.) Dieser Johannes ist sich seines Einflusses bewusst. Er kreist aber nicht um sich selbst, sondern verweist auf einen anderen. Am Ende verliert er Einfluss und Leben. Weil es ihm aber darum nicht ging, sondern um diesen anderen, auf den er verweist, wird er genau von jenem gehalten und getragen. Der letzte Prophet des alten Israel wird zum ersten Christen.

Ich wünsche mir für alle Mächtigen, aber auch für Sie und mich, aufgehoben zu sein in einem größeren Ziel, einem tieferen Sinn. Gläubige nennen das Gott. Und ich möchte dafür werben, in der Adventszeit wieder neu nach diesem lebendigen Gott zu suchen. Damit wir uns und andere nicht unter Druck setzen und nicht um uns selbst kreisen, sondern uns an ihm und aneinander freuen können. Einen gesegneten zweiten Advent,

Ihr Meinrad Funke

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