Andacht

„Wir sollen helfen, wo Menschen unter Gewalt leiden“

Thomas Förster ist Pfarrer für Presse und Öffentlichkeitsarbeit im Evangelischen Kirchenkreis Solingen. Archivfoto: Christian Beier
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Thomas Förster ist Pfarrer für Presse und Öffentlichkeitsarbeit im Evangelischen Kirchenkreis Solingen.

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute der evangelische Pfarrer Thomas Förster.

Liebe Leserinnen und Leser,

der Krieg in der Ukraine wühlt uns auf. Die Bilder von Gräueltaten, die Menschen in der Ukraine angetan wurden und werden, lassen wohl niemanden unberührt. Bilder von getöteten Menschen. Bilder von verbrannten und ausgebombten Hochhäusern. Mir geht das Bild eines Mannes nach, das ich in den Nachrichten gesehen habe: In Zivilkleidung liegt er tot auf der Straße. Die Täter haben ihn einfach liegen lassen. Als wollten sie ihm nicht nur das Leben, sondern auch seine Würde rauben. Ich kann nicht verstehen, wie ein Mensch einem anderen so etwas antun kann. Ich kann nicht begreifen, wie ein Mann oder ein Regime die Entscheidung treffen kann, tausend-, ja millionenfaches Leid über Männer, Frauen und Kinder zu bringen und einen Krieg gegen ein anderes Volk zu beginnen.

Ich frage mich, wie es so weit kommen konnte. Und manchmal frage ich mich auch, wieso Gott diese Gewalt nicht mit starker Hand stoppt. Ich blicke auf dieses grenzenlose Unrecht und diese sinnlose Brutalität und frage: „Wo bist du, Gott?“ Doch was genau erwarte ich eigentlich von ihm? Soll Gott auf Gewalt mit Gewalt antworten? Soll er Feuer und Granaten regnen lassen auf die Mörder und die Misshandler? Dass die Täter getroffen würden, damit die Opfer endlich frei wären?

Aber so ist Gott nicht! Und womöglich sollte ich froh darüber sein. Denn es ist nicht ausgeschlossen, dass ich in ganz anderer Hinsicht selbst zu den Tätern gerechnet werden könnte. Mein Lebensstil trägt schließlich auch dazu bei, dass anderswo Menschen zu Opfern werden: auf den Plantagen der Welt, wo Menschen zu Hungerlöhnen arbeiten, oder in den Ländern des Südens, wo der durch uns gemachte Klimawandel die Felder vertrocknen und die Armen hungern lässt. Wenn ich erwarte, dass Gott mit harter Hand überall dort dazwischenfährt, wo Menschen zu Opfern gemacht werden – müsste seine Hand dann womöglich auch mich treffen?

Morgen, am Karfreitag, erinnern Christinnen und Christen sich daran, wie Jesus zum Opfer wurde. Auch damals haben Menschen gefragt: „Wo ist denn jetzt Gott?“ Manche in der verzweifelten Hoffnung, Gott möge doch endlich gewaltsam dazwischengehen und dem Treiben ein Ende bereiten. Andere um Jesus noch weiter zu demütigen: „Wenn Gott dir aus dieser Situation nicht hilft, dann steht er wohl doch nicht auf deiner Seite, so wie du immer behauptet hast.“

Wo ist Gott? Am Karfreitag gibt es für uns auf diese Frage eine Antwort: Dort am Kreuz ist Gott. Statt von oben Feuer und Granaten auf die Täter zu verteilen, teilt er ganz unten die Not und das Elend derer, die zu Opfern gemacht werden. Ist Gott wehrlos oder gar hilflos? Natürlich nicht! Aber er verzichtet auf jede Gewalt und lässt es zu, dass sie ihn ans Kreuz hängen. So identifiziert er sich mit denen, die unschuldig zu Opfern werden. Gott steht auf ihrer Seite. Und ruft uns auf, dort auch zu stehen. Wir sollen nicht nachlassen, gegen Gewalt und Unrecht zu protestieren. Wir sollen helfen, wo Frauen, Männer und Kinder unter Gewalt und Unrecht leiden. Wir sollen selbstkritisch prüfen, ob wir alles tun, was wir tun können, um Gewalt und Unrecht zu beenden.

Karfreitag 2022. In diesem Jahr trägt der Mann am Kreuz für mich auch die Gesichtszüge des toten Mannes, der in Zivilkleidung auf der Straße liegt. Darum hoffe ich fest: So wie Gott Jesus, den Mann am Kreuz, am Ostermorgen bewahrt und aus dem Tod geholt hat, so wird er auch einen Weg finden, um die unschuldigen Opfer unserer Tage in einem neuen Leben zu bewahren und ihnen ihre Würde zurückzugeben. Und ich meine zu hören, wie der Mann am Kreuz mir eine Frage stellt: „Wo bist du, Mensch?“

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Karfreitag und ein hoffnungsfrohes Osterfest.

Ihr Thomas Förster

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