Montagsinterview

„Wir müssen dem Virus den Weg versperren“

Jan Welzel bei der Pressekonferenz am vergangenen Freitag im Theater: Die neuen Beschränkungen seien hart – härter, als er bis vor kurzem angenommen habe. Aber sie seien notwendig. Foto: Christian Beier
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Jan Welzel bei der Pressekonferenz am vergangenen Freitag im Theater: Die neuen Beschränkungen seien hart – härter, als er bis vor kurzem angenommen habe. Aber sie seien notwendig.

Jan Welzel, Leiter des Krisenstabs, spricht mit uns über Härte und Sinn der Regeln, Kontaktverfolgung und das Weihnachtsfest.

Von Philipp Müller 

Herr Welzel, wie bewerten Sie die neuen Einschränkungen, die bis Ende November gelten sollen?

Jan Welzel: Was wir hinnehmen müssen, ist hart. Härter, als ich bis vor kurzem angenommen habe. Aber die Dynamik mit dem exponentiell wachsenden Infektionsgeschehen macht diese enormen Verschärfungen notwendig. Sonst verlieren wir die Chance auf eine Trendwende. Vielleicht hätte es sogar schon ein paar Wochen früher passieren müssen. Daher halte ich es für richtig. Und ich finde wichtig, dass es sofort einheitliche Vorgaben gibt. Alles andere stiftet nur Verwirrung.

Die Kanzlerin, die Länderchefs, Oberbürgermeister Tim Kurzbach und auch Sie appellieren an die Eigenverantwortung der Bevölkerung und der Solinger. Wie sollen die Solinger helfen und sich verhalten?

Welzel: Wir brauchen Verantwortungsbewusstsein, Vernunft und Besonnenheit. Ordentliche staatliche Strukturen sind wichtig, was aber eben vor allem zählt, ist die Verantwortung des Einzelnen. Wir müssen akzeptieren, wie diese Pandemie ist und was sie uns abverlangt, nur so können wir mit ihr umgehen. Das geht nicht ohne empfindliche Einschränkungen und ist anstrengend. Es ist wie bei einem Marathonlauf, bei dem wir nicht wissen, ob wir 8, 18 oder 28 Kilometer geschafft haben. Am Ziel sind wir noch nicht.

„Die Gastronomie war nicht der Treiber, da wäre eine andere Entscheidung denkbar gewesen.“

Es ist immer wieder von der Transparenz der Maßnahmen die Rede und von deren Sinnhaftigkeit. Glauben Sie, dass dies erreicht wurde?

Welzel: Die Stadt Solingen und ihr Krisenstab informieren seit Beginn der Pandemie durchweg frühzeitig und transparent. Ich glaube auch, dies ist gelungen, werde ich doch konkret auf viele Sachen angesprochen. Manchmal benötigen wir aber auch Zeit zur Analyse, Entscheidung und Vorbereitung. Es ist schwierig, zu informieren, wenn Verordnungen des Landes sehr zeitverzögert zur Verfügung gestellt werden. Wir stehen dann unter enormem Druck, die Dinge zu erklären. Wie sollen wir komplexe Normen vermitteln, wenn uns kaum Zeit bleibt, diese zu durchdringen?

Auf den ersten Blick gibt es aber auch Widersprüche. So erklärte das Robert-Koch-Institut, die Gastronomie sei kaum an der Ausbreitung beteiligt.

Welzel: Das ist auch unsere Beobachtung, die Gastronomie war nicht der Treiber, da wäre eine andere Entscheidung denkbar gewesen (die Stadt muss die Landesverordnung umsetzen, d. Red.). Fakt ist aber: Viele Menschen können die Ursache ihrer Erkrankung nicht erklären. Eines ist im Moment ganz deutlich: Ohne ein Herunterfahren der Kontakte haben wir keine Chance, die Infektionswelle zu brechen. Bei dieser Kontaktreduzierung gerät unser gesamtes Freizeitverhalten und neben dem Sport eben auch die Gastronomie in den Blick. Für die Betroffenen ist das natürlich hart. Ich hoffe daher, dass die angekündigten Hilfen schnell greifen.

Gab es in Solingen überhaupt Fälle von Menschen, die sich in gastronomischen Betrieben angesteckt haben?

Welzel: Ansteckungen in gastronomischen Betrieben gab es in begrenzter Form. Familienfeiern und private Feste haben wir immer separat ausgewertet, daher sind Infektionen in der Gastronomie in Solingen eher zu vernachlässigen. Die Hygienekonzepte dort haben sich im Großen und Ganzen bewährt.

Der Oberbürgermeister führte einen Fall an, bei dem ein paar Jungs in einer Halle Fußball gespielt haben sollen und sich dabei infizierten.

Welzel: Im Gegensatz zur Gastronomie wurde der Sport als Infektionsquelle deutlich öfter benannt. Selbst ohne Landesregelung hätten wir kommunale Beschränkungen verfügt.

Welche Rolle spielt das Infektionsgeschehen bei Kulturveranstaltungen?

Welzel: Der Kulturbereich hat sich genauso wie die Gastronomieszene mit großer Flexibilität und mit umfangreichen Hygienekonzepten auf die Situation eingestellt. Da ist hervorragend gearbeitet worden. Es ist sehr hart, dass die Betriebe jetzt trotzdem so getroffen werden. Aber: Das Infektionsgeschehen ist in geschlossenen Räumen schwerer zu kontrollieren. Veranstaltungen im Freien führen nach allem, was wir wissenschaftlich wissen, zu geringerem Infektionsgeschehen. Dass das Infektionsgeschehen bei Solinger Kulturveranstaltungen erhöht wäre, kann ich nicht bestätigen. Aber noch einmal: Es geht darum, Kontakte zu verhindern. Wir müssen dem Virus den Weg versperren.

Wird bei der Stadt Zahlenmaterial zum Ort der Infektionen, zu betroffenen Altersgruppen und zum Zeitpunkt erhoben?

Welzel: Wir lassen dazu von unserer Statistik Auswertungen der Befragungen machen, die uns Hinweise liefern. Aber die müssen wir mit Vorsicht betrachten, denn ein großer Teil der Infizierten erklärt, nicht einschätzen zu können, wo sie sich angesteckt haben. Das relativiert die Aussagekraft erheblich.

Wie lautet bei der Kontaktreduzierung die richtige Strategie?

Welzel: Weniger ist mehr! Oder noch deutlicher: So wenig wie nur möglich!

Fällt für die Privathaushalte Weihnachten aus?

Welzel: Es wird sicherlich, wie bei allen anderen Festen und Feiern in dieser Zeit, ein anderes Weihnachtsfest werden. Die neuen Beschränkungen gelten nun vorerst für den November. Wir müssen dann auswerten, was sie bewirkt haben. Ich wage zum jetzigen Zeitpunkt keine Prognose.

Hat die Stadt Solingen mit dem Kommunalen Ordnungsdienst überhaupt eine rechtliche Handhabe, private Feiern zu kontrollieren?

Welzel: Der Schutz der Privatsphäre und der Wohnung unterliegt im Grundgesetz besonders hohen Hürden, das gilt auch in der Pandemie. Diese Hürden sind ein ganz wichtiges Gut unserer Demokratie. Darauf lege ich tagtäglich als Rechtsdezernent großen Wert. Wenn es begründeten Verdacht gibt, dass massiv gegen Vorgaben verstoßen wird, dann kontrollieren wir auch dort. Das ist bisher durchaus schon passiert.

„Die Teams arbeiten am Limit, telefonieren pausenlos. Wir tun, was wir derzeit können.“

Kommt Hilfe von der Bundespolizei und Bundeswehr?

Welzel: Ich habe sechs Kräfte der Bundespolizei für Solingen beantragt. Zusätzlich gibt es nun die Amtshilfe durch die Polizei vor Ort. Sie verstärkt uns mit einer abgestellten Coronastreife, die täglich von 10 bis 18 Uhr im Einsatz ist. Der bewährte kurze Draht regelt da eine ganze Menge. Das Amtshilfeersuchen an die Bundeswehr ist gestellt und wir erwarten Verstärkung. Wir sind über jede verlässliche Kraft froh, die schnell und dauerhaft unsere Teams bei der Recherche unterstützt. In dem dynamischen Geschehen passen wir unsere Bedarfe, Raum- und Strukturfragen, Schulungs- und Einsatzfragen ständig an. Das muss geklärt sein, damit wir das Personal optimal einsetzen können.

Tageblatt-Leser berichten, sie würden zum Testen zwischen Hausarzt und Testzentrum Bethanien hin- und hergeschickt.

Welzel: Vorweg: Wir haben mit Bethanien und den Hausärzten ein hohes Testpotenzial in unserer Stadt, was auch Spitzen abdecken kann. Die Empfehlung lautete bisher immer: Erst an den Hausarzt wenden und dessen Bewertung abwarten. Ich halte das für einen guten Weg – auch im Sinne Bethaniens, das eine hohe Last trägt. Wer sich aber direkt dorthin wenden will, mag das tun. Wenn es dort schwer ist, weil der Andrang gerade groß ist, geht der Weg über den Hausarzt. Das kann alles etwas umständlich und anstrengend sein. Aber das ist in einer Krise leider nicht zu vermeiden.

Warum müssen die Solinger oft tagelang auf ihre Test-Ergebnisse warten?

Welzel: Die zweite Welle bringt die Labore an Grenzen. Das führt zu Verzögerungen bei der Auswertung und bei der Übermittlung der Ergebnisse an die Gesundheitsämter. Die Auswertung ist für sinnvolle Recherche aber notwendig.

Es wird auch kritisiert, dass die Erreichbarkeit der Telefone nahezu bei null sei.

Welzel: Wir tun, was wir können. Wir stellen gerade erneut eine komplette Verwaltung auf den Krisenmodus um und identifizieren Engpässe. Das machen wir unter tagesaktueller Höchstlast an Recherchearbeit. Die Teams arbeiten am Limit, telefonieren pausenlos. Wartezeiten und besetzte Leitungen sind in diesem Modus nicht zu verhindern. Die durchschnittlichen Telefonate bei der Kontaktverfolgung dauern oft eine halbe Stunde oder länger. Wir tun, was wir derzeit können.

Es war früh klar, dass die zweite Welle kommt. Aber in einigen Bereichen scheint nicht viel passiert zu sein: Keine Lüftungsanlagen für Schulklassen, keine zusätzliche Schulung von Pflegepersonal für den intensivmedizinischen Einsatz oder auch viel zu lasche Kontrollen etwa der Maskenpflicht.

Welzel: Wir sind immer noch in der Lage alle Kontakte nachzuverfolgen. Daran können Sie erkennen, dass der Solinger Krisenstab sich intensiv auf die zweite Welle vorbereitet hat. Bei 50 Prozent der Erkrankten bricht Corona in der Quarantäne aus – andere Menschen werden so geschützt. Das Team arbeitet seit März ununterbrochen auch an Wochenenden. Gleichermaßen kontrolliert das Ordnungsamt die komplexen und sich ständig wandelnden Corona-Auflagen. Die Verwaltung verändert sich seit einem halben Jahr ständig und Personal wird dort eingesetzt, wo es benötigt wird.

Ab wann muss über dem Rathaus die weiße Fahne gehisst werden?

Welzel: Wir arbeiten am Limit und die steigenden Neuinfektionen fordern uns. Wir stellen uns aber darauf ein. Die Truppe ist bei allem Stress weiterhin motiviert, und wir wollen das Ziel wirkungsvoller Nachverfolgung halten. Es fordert sehr viel ab. Kapitulieren wollen wir nicht!

Zur Person

Jan Welzel wurde am 24. Januar 1968 in Essen geboren, sein Abitur machte er in Solingen am Gymnasium Schwertstraße. Welzel studierte Rechtswissenschaften in Köln und legte nach einem Referendariat am Landgericht Wuppertal 1998 das zweite Staatsexamen ab. Von 2000 bis 2008 war er Geschäftsführer der CDU-Fraktion Solingen, von 2009 bis 2015 Geschäftsführer des Kreisverbandes des Deutschen Roten Kreuzes Solingen. Seit Anfang 2016 ist der CDU-Politiker Beigeordneter für Bürgerservice, Recht, Ordnung und Soziales der Stadt Solingen. Er folgte auf Robert Krumbein (SPD), der Ende 2015 in die Stadtverwaltung seiner Geburtsstadt Dormagen zurückkehrte.

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Und hier gibt es eine laufend aktualisierte

Übersicht zu den

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