Interview der Woche

Polizeipräsident Markus Röhrl: „Wir müssen die Kripo stärken“

Polizeipräsident Markus Röhrl will 2023 vor allem die Straßenkriminalität stärker bekämpfen.
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Polizeipräsident Markus Röhrl will 2023 vor allem die Straßenkriminalität stärker bekämpfen.

Bei der Kriminalpolizei sieht Polizeipräsident Markus Röhrl zurzeit erhöhten Personalbedarf.

Von Kristin Dowe

Herr Röhrl, die Studie des Bundeskriminalamts „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland“ hat erstmals das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger untersucht. Demnach fühlen sich Frauen im öffentlichen Raum oft unsicherer als Männer. Zu Recht?

Markus Röhrl: Das Thema ist natürlich nicht neu. Grundsätzlich fallen die objektive Sicherheit und das Sicherheitsgefühl deutlich auseinander. Wenn wir auf Dinge wie häusliche oder sexuelle Gewalt blicken, lassen sich teilweise größere Gefahren für Frauen im sozialen Nahraum sicherlich nicht wegdiskutieren. Was aber die Sicherheitslage im öffentlichen Raum betrifft, ist diese oft deutlich besser als Frauen es selbst einschätzen. Frauen werden sehr selten Opfer von Kriminalität auf öffentlichen Straßen, Wegen und Plätzen. Vergewaltigungen finden zu 99 Prozent am ehesten in Beziehungen statt und auch bei Bekanntschaften im Internet lauern diesbezüglich Gefahren. So kommt es vor, dass einige Menschen gleich nach dem ersten Treffen mit zu jemandem nach Hause fahren. Davon ist dringend abzuraten, wenn man die andere Person überhaupt noch nicht kennt. Generell begegnet uns häufig das Phänomen, dass Menschen anderen Menschen im Netz zu viel Vertrauen entgegenbringen. Das gilt nicht nur fürs Dating, sondern auch für eventuelle Online-Käufe im Internet.

Auch in Solingen ist ein getrübtes Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger immer wieder Thema. Was kann die Polizei tun, um das zu verbessern?

Röhrl: Das Sicherheitsgefühl ist sehr subjektiv und wird auch über die Dinge gespeist, die ich möglicherweise in den Medien höre oder lese. Auf diese Weise können sich Ängste leicht potenzieren. Um dem entgegenzuwirken, benötigen die Kommunen unter anderem ein städtebauliches Konzept, das auf Offenheit und Transparenz setzt. Das Sicherheitsgefühl hängt auch davon ab, ob ein Ort im Stadtgebiet eher belebt ist wie zum Beispiel ein großer, öffentlicher Platz, oder ob es sich um etwa um einen verlassenen Park in der Nacht handelt. Städtebaulich kann man sehr viel tun – dazu gehört in erster Linie Licht. Denn das wirkt auf potenzielle Täterinnen und Täter eher abschreckend, da es einen natürlich eher identifizierbar macht. Nicht zuletzt spielt auch die Polizeipräsenz eine Rolle bei der Frage, ob die Menschen sich in ihrer Stadt sicher fühlen. So gibt es unter anderem auch für Solingen ein Präsenzkonzept, das vor allem für die Solinger Innenstadt von Bedeutung ist.
Dabei wird auch statistisch erhoben, wie oft die Kolleginnen und Kollegen auf den Straßen unterwegs und für die Menschen ansprechbar sind.

Die Studie hat auch gezeigt, dass viele Menschen Angst haben, Opfer von Kriminalität im Internet zu werden. Wie können sie sich schützen?

Röhrl: Eine absolute Sicherheit gibt es nie. Aber es macht beispielsweise keinen Sinn, einer unbekannten Person Geld zu überweisen in der Hoffnung, Ware zu erhalten – vor allem, wenn ich den Anbieter und den Shop nicht kenne. Das Risiko ist dann natürlich um ein Vielfaches höher, als wenn ich in ein Kaufhaus gehe und die Ware dort kaufe. Wer Geschäfte im Internet tätigt, sollte die Seriosität seines Geschäftspartners umso mehr überprüfen – insbesondere wenn es um höhere Summen geht. Grundsätzlich gilt gerade in der heutigen Zeit das Gebot: 'Niemand hat etwas zu verschenken.“ Wenn eine Ware irgendwo im Internet um 40 Prozent günstiger angeboten wird als bei allen anderen Anbietern, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass mit der Ware entweder etwas nicht stimmt oder dass es diese gar nicht gibt. Die Gier darf nicht dazu führen, dass man alle Vorsicht fahren lässt.

In den vergangenen Wochen erreichten auch das Tageblatt immer wieder Hinweise von Eltern, deren Kinder an Schulen von einer unbekannten Person angesprochen worden sein sollen. Es gab mehrere Polizeieinsätze dazu, aber nie konkrete Informationen. Liegen Ihnen inzwischen neue Erkenntnisse vor?

Röhrl: Zunächst ist es absolut gut und begrüßenswert, dass Menschen in solchen möglichen Fällen sensibel sind und entsprechende Beobachtungen der Polizei melden, gerade wenn es um Kinder geht. Solchen Hinweisen gehen wir immer sehr ernsthaft nach. Gelegentlich kommt es auch vor, dass sich solche Hinweise in Luft auflösen oder sich möglicherweise im Nachhinein als harmlos herausstellen. So war es auch in Solingen: Dort konnten wir eine männliche Person ermitteln, die nicht aus Solingen stammt. Der Herr war tatsächlich harmlos und hat zwei Jungen an einer Bushaltestelle nach dem Weg gefragt. Von dieser Situation kursierte auch ein Foto in den sozialen Netzwerken.

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Es sind bei der Polizei und auch in der ST-Redaktion deutlich mehr Hinweise auf andere Fälle eingegangen. Wie ist das zu erklären?

Röhrl: Im Zuge dessen haben uns zahlreiche Hinweise ähnlicher Art erreicht – das ist aber eine ganz normale menschliche Reaktion. Sobald über den Klassenverband der Eltern und über Freundinnen und Freunde der Kinder über die sozialen Netzwerke solche Hinweise gepostet werden, interpretiere ich auch möglicherweise harmlose Beobachtungen automatisch in diese Richtung. Jedes Fahrzeug, das fotografiert worden ist, und jedes Kennzeichen wurde kontrolliert. In keinem einzigen Fall gibt es einen substanziellen Hinweis darauf, dass es sich um eine oder mehrere Personen handeln könnte, die etwas Böses im Schilde geführt haben. Laut unseren Ermittlungen war dieser eine Mann tatsächlich der Auslöser für alles weitere. So etwas hat es allerdings immer schon gegeben.

Wie beurteilen Sie aktuell die Personalsituation bei der Polizei? Die Gewerkschaft der Polizei sieht vor allem bei der Kriminalpolizei Defizite.

Röhrl: Da die Generation der „Babyboomer“ in den nächsten Jahren in Ruhestand geht und wir vor regelrechten Pensionierungswellen stehen, ist es landesweit schon eine Herausforderung geworden, die Stellen mit jungen Polizistinnen und Polizisten nachzubesetzen. Und es trifft zu, dass die Sparte der Kriminalpolizei in der Tat verstärkt werden muss. Dazu hat der Innenminister unter anderem eine Landearbeitsgruppe mit Namen „Initiative Pro K“ unmittelbar an das Innenministerium NRW angebunden. Dort ist auch unser Kripo-Chef Mitglied. Dazu hat der Innenminister unter anderem einen Zehn-Punkte-Plan vorgestellt, und es gibt eine landesweite Arbeitsgruppe, in der auch unser Kripo-Chef Mitglied ist. Da werden zahlreiche Punkte beleuchtet, wie man die Kriminalpolizei in NRW besser aufstellen kann. Davon erwarte ich mir einiges. Gleichzeitig haben wir in der Vergangenheit auch intern Maßnahmen ergriffen und Mitarbeitende aus anderen Bereichen wie etwa der Schutz- oder der Verkehrspolizei verlagert.

Welche Gründe sehen Sie für den verstärkten Personalbedarf bei der Kripo?

Röhrl: Betrachten wir zum Beispiel den Bereich sexueller Missbrauch an Kindern. Wir erhalten heute Hinweise auf Missbrauchstaten aus der ganzen Welt, insbesondere aus den USA. Dort gibt es das „Nationale Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder“, eine private Organisation, die sehr eng mit den Behörden zusammenarbeitet. Diese Vereinigung scannt quasi weltweit das Internet bis in die tieferen Schichten. Und überall, wo sie möglicherweise Hinweise auf Kindesmissbrauch finden, speichern sie die IP-Adressen und melden sie ans FBI. Das FBI übermittelt die Informationen wiederum an das BKA in Deutschland, das die Meldung an das zuständige Landeskriminalamt schickt. Wenn dann zum Beispiel etwas darauf hindeutet, dass sich die Taten im Bergischen Land abgespielt haben, landet der Fall bei uns. Heute sind das Hunderte Hinweise mehr als es noch vor etwa acht Jahren der Fall war. Außerdem bindet Betrug im Internet sehr stark personelle Ressourcen, da sich vor allem während der Coronazeit die Kriminalität ins Netz verlagert hat. Umso mehr müssen wir die Kripo stärken.

Vor welchen besonderen Aufgaben steht die Polizei im kommenden Jahr?

Röhrl: Jetzt, nach der Coronazeit, beobachten wir durchaus einen Anstieg des Kriminalitätsgeschehens auf der Straße. Das gilt für alle drei Städte – in Wuppertal ist es angesichts der Größe der Stadt besonders ausgeprägt, dann folgt Solingen und danach Remscheid. Das trifft uns nicht ganz unerwartet. In Zeiten des Lockdowns, als kein Mensch auf der Straße war, gab es kaum Auffälligkeiten. Während der Pandemie hat sich Drogenkriminalität stark in die Wohnungen hinein verlagert. Das kommt inzwischen wieder zurück auf die Straße. Deshalb haben wir unser jährliches Sicherheitsprogramm vor allem der Bekämpfung von Straßenkriminalität gewidmet. Dazu gehören unter anderem Drogendelikte, Taschendiebstahl oder Körperverletzungen im öffentlichen Raum. Das wollen wir in allen drei Städten auf ein möglichst niedriges Niveau drücken. Außerdem rückt die Bekämpfung der Clankriminalität im nächsten Jahr wieder ins Blickfeld – dabei wird Solingen auch wieder besonders im Fokus stehen. Wir werden weiter machen mit unseren Nadelstich-Aktionen und Schwerpunkteinsätzen in den Innenstädten, zu denen Razzien in Shisha-Bars, Spielhallen und Gastronomiebetrieben gehören. Das geschieht immer in enger Abstimmung mit unseren Partnern wie dem Zoll, der Gewerbeaufsicht oder die Steuerfahndung. Außerdem wird uns weiterhin politischer Extremismus jeglicher Art beschäftigen – sowohl von linker als auch von rechter Seite.

Hintergrund

Beruflich: Markus Röhrl (61) ist seit Januar 2018 Polizeipräsident in Wuppertal. Zuvor war er unter anderem als Direktionsleiter der Kriminalpolizei bei der Polizei Düsseldorf sowie als Abteilungsleiter beim Landeskriminalamt (LKA) NRW tätig.

Privat: Der Jurist ist verheiratet und Vater einer Tochter und eines Sohnes. Gebürtig stammt er aus Düsseldorf und lebt heute im Rhein-Sieg-Kreis.

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