Montagsinterview

Jens Merten über Corona und Schule: „Wir haben noch immer keine Strategie“

Jens Merten, Solinger Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), wünscht sich von der Politik ein langfristiges Konzept, um die Corona-Situation an den Schulen bewältigen zu können. Foto: Christian Beier
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Jens Merten, Solinger Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), wünscht sich von der Politik ein langfristiges Konzept, um die Corona-Situation an den Schulen bewältigen zu können.

Jens Merten vom VBE Solingen sieht an den Schulen weiterhin große Hürden bei der Bewältigung der Pandemie. Für ihn ist klar, wer die Verlierer der Pandemie sind. Im Montagsinterview geht es um die Frage nach Masken, sein Zeugnis für Stadt und Land und die drängendsten Aufgaben durch Corona.

Von Kristin Dowe

Herr Merten, wenn Sie die Corona-Politik bei den Schulen seit Beginn der Pandemie Revue passieren lassen – wie lautet Ihr Fazit?

Jens Merten: Das war ein langer Prozess, den auch die Bildungsgewerkschaften intensiv begleitet haben. Wir hatten pures Krisenmanagement und das hat sich bis jetzt auch nicht großartig verändert. Seit Beginn der Pandemie gab es beispielsweise fast 70 Schulmails des Ministeriums mit neuen Anweisungen.

Überhaupt lagen viele Probleme in der Kommunikation zwischen Landesregierung und Schulen. So haben die Eltern zum Beispiel Informationen häufig vor den Schulen erhalten. Insbesondere die Hygienekonzepte mussten ständig und absolut kurzfristig neu angepasst werden. All das brauchte viel Zeit, die wir nicht hatten.

Auch heute begegne ich noch Politikern, die mit ihren zögerlichen, verzerrten und oft auch falschen schulpolitischen Aussagen für Unsicherheit und Unmut sorgen. Dies führt letztendlich auch zu vielen Konflikten und Gewalt gegen Lehrkräfte und Schulleitungen.

Wie lief diesbezüglich die Zusammenarbeit mit der Stadt?

Merten: Auch wenn nicht alles super gelaufen ist, möchte ich die Stadt für ihre Arbeit loben. Sie hat schnell ein Krisenmanagement für den schulischen Bereich auf die Beine gestellt. Besonders das Schulamt hat daran trotz Personalmangels sehr gut mitgewirkt und war eine echte Stütze. Meine Kritik gilt deshalb klar dem Land NRW, denn wir haben immer noch keine echte Strategie, wie es weitergehen soll. Wir lüften, wir testen – und das war es auch schon.

Wie hoch schätzen Sie das Infektionsrisiko an den Schulen ein?

Merten: Bis vor etwa zwei Wochen war es noch relativ ruhig, aber jetzt explodieren die Zahlen an den Schulen regelrecht. Es gibt immer wieder Hotspots. Einige Schulen sind stark von Ansteckungen betroffen und andere gar nicht. Gerade die Kinder bis zwölf Jahre sind dabei benachteiligt, da noch immer die Empfehlung der Ständigen Impfkommission fehlt. Hier liegt aus meiner Sicht auch der große Nachteil des Wegfalls der Maskenpflicht besonders an den Grund- und Förderschulen: Infektionen geschehen schneller. Zudem schickt das Gesundheitsamt hier trotz gegenteiliger Aussagen der Politik ganze Klassen in Quarantäne, sobald zwei Kinder positiv getestet wurden.
In der vergangenen Woche hat die erste Solinger Grundschule den Corona-Notstand ausgerufen

Sollte man die Maskenpflicht also wieder einführen?

Merten: Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Einerseits sollten wir den menschlichen Blick auf die Kinder nicht verlieren. Ihr Wohlergehen muss an erster Stelle stehen. Als Gewerkschaft müssen wir aber natürlich auch den bestmöglichen Schutz für die Beschäftigten fordern. Dabei wird immer auch der Ruf nach mobilen Luftfiltern laut. Dabei scheiden sich die Geister, denn im Praxiseinsatz zeigt sich, dass die meisten Geräte relativ laut und störend sind. Zudem muss trotzdem weiterhin gelüftet werden. Der Gedanke ist gut, aber in der Umsetzung schwierig.

Die Maskenpflicht befürworte ich also grundsätzlich, wenngleich es immer wieder Situationen gibt, in denen es eine große Erleichterung für Lehrende und Schüler ist, sie abnehmen zu können. Im Übrigen tragen viele Schüler die Maske freiwillig, weil sie selbst oder ihre Eltern es so möchten. Also Maskenpflicht: ja, aber gelegentliche Erleichterung sollte möglich sein.
Alle Entwicklungen zur Corona-Lage in Solingen in unserem Live-Blog.

Was muten wir Kindern und Jugendlichen seit mehr als einem Jahr zu?

Merten: Das hängt nicht zuletzt stark vom familiären Umfeld der Kinder ab. Kinder aus stabilen Elternhäusern – laut wissenschaftlichen Untersuchungen ist das in etwa die Hälfte – kamen lern- und entwicklungspsychologisch verhältnismäßig gut mit der Situation zurecht. Die andere Hälfte hat das aus vielerlei Gründen nicht geschafft. Insofern gibt es extrem viele Verlierer, die leider meist aus den bildungsferneren oder sozialschwächeren Familien kommen. Diese Kinder erwischt es also doppelt hart, und wir müssen alles unternehmen, damit sie den Anschluss wieder finden.

Was haben speziell die vergangenen Lockdowns und Kontaktbeschränkungen für Kinder und Jugendliche bedeutet?

Merten: Der soziale Radius wurde auf ein Minimum reduziert. Dadurch ist es speziell bei jüngeren Kindern zu Verschiebungen gekommen. Das Internet ist für viele das einzige Kommunikationsmedium. Viele Kinder interagieren hauptsächlich mit Textnachrichten oder Voicemails. Die negativen Auswirkungen auf den Sprachgebrauch sind offensichtlich. Durch die wenigen Zeichen und Emojis geht zudem viel Empathie verloren. Damit haben selbst Erwachsene oft Schwierigkeiten. Und diese Erfahrungen machen Kinder gerade sehr früh und ungefiltert.

Die junge Generation hat im Zuge der Pandemie gewissermaßen Opfer für die ältere gebracht. Was könnten wir ihr zurückgeben?

Merten: Grundsätzlich sind die Förderprogramme der Landesregierung gut. Allerdings sind sie in vielen Bereichen sehr leistungsorientiert und verkopft. Gerade nach dem Lockdown hatte man politisch vor allem die schulischen Leistungen im Blick, statt viel stärker den Schwerpunkt auf Psyche und Wohlergehen der Kinder zu legen.

Schule ist vorrangig ein Ort der Wissensvermittlung, aber sie sollte die Kinder nach einer solchen Krisenzeit auch auffangen können. Dafür haben wir nach wie vor viel zu wenige Ressourcen. Wichtig wären jetzt zukunftsfähige Strategien für Schule und Freizeit, um langfristige Defizite zu vermeiden und Teilhabe zu ermöglichen.

Was wünschen Sie sich für die Kinder?

Merten: Schule braucht noch mehr Zeit, um auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen, mehr Raum und letztendlich mehr qualifiziertes Personal. Mit Blick auf die Corona-Situation wünsche ich mir für die Kinder, aber auch für Schule insgesamt langfristige Konzepte. Wir laufen seit fast zwei Jahren im Krisenmodus – und das belastet letztendlich die Schwächsten der Schwachen am meisten.

Zur Person: Jens Merten

Jens Merten (46) ist Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung Solingen (VBE) und kümmert sich speziell um die Belange der Schulen. Er hat früher selbst an der Grundschule Westersburg unterrichtet und ist beim VBE als Experte für Schulrecht und Lehrerrat aktiv.

Alle Montagsinterviews des ST finden Sie hier.

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