Montagsinterview

Solinger Pfarrer: „Wir brauchen Stärkung für die Seele“

Michael Mohr zündet eine Kerze in der Kirche St. Clemens an. Jo Römelt (rechts) freut sich in der Dorper Kirche auf Gäste.
+
Michael Mohr zündet eine Kerze in der Kirche St. Clemens an. Jo Römelt (rechts) freut sich in der Dorper Kirche auf Gäste.

Die Pfarrer Michael Mohr und Jo Römelt berichten, was ihre Gemeinden jeweils für das Fest planen.

Von Kristin Dowe

Herr Mohr, Herr Römelt, wie haben Sie diesen Advent erlebt?

Michael Mohr: Es ist schon eine besondere Zeit, denn bis vor etwa vier Wochen hat niemand gedacht, dass die Infektionszahlen in Bezug auf Corona noch einmal so durch die Decke gehen würden. Zusätzlich zu den Vorbereitungen, die man ohnehin vor Weihnachten treffen muss, ist deshalb ganz viel abzuwägen und zu entscheiden, wenn ich etwa nur an 2G, 3G oder 2Gplus denke.

Jo Römelt: Ich habe diesen Advent durchaus zwiespältig erlebt. Auf der einen Seite ist es schmerzhaft, dass wir in den vergangenen Wochen nicht alles für die Menschen tun und mit ihnen erleben können, wie wir es sonst im Advent gewohnt waren. Auf der anderen Seite erleben Menschen den Advent an manchen Stellen vielleicht sogar intensiver. Beispielsweise sind unsere Senioren-Adventsfeiern immer eine große Sache, zu der normalerweise bis zu 150 Menschen in die Dorper Kirche kommen. Die Tische sind in langen Reihen gestellt, es gibt Kaffee und Kuchen und ein fröhliches Programm. All das fällt natürlich seit zwei Jahren weg. Stattdessen haben wir die Seniorinnen und Senioren zu Adventsandachten ohne Kaffeetrinken eingeladen. Da kamen – wohl auch aus Sorge – diesmal nur wenige Menschen. Gerade diese Veranstaltungen aber wurden von vielen als besonders intensiv und adventlich erlebt.

Was planen Ihre jeweiligen Gemeinden für das Fest?

Mohr: Auch wenn es sehr schmerzt, dass der gesellige Aspekt wie das Kaffeetrinken weitgehend wegfällt, haben wir mit Andachten insgesamt gute Erfahrungen gemacht. An jedem Adventssonntag haben wir nachmittags beispielsweise Andachten für Familien mit kleineren Kindern gefeiert. Die Sehnsucht, in die Kirchenräume zu kommen, ist bei den Menschen stark da, was wir in dieser Form nicht erwartet hätten. In den Gemeinden, für die ich verantwortlich bin, gibt es ein Spannungsfeld: Auf der einen Seite möchten wir möglichst vielen Menschen ermöglichen, in der Heiligen Nacht und an den zwei Weihnachtsfeiertagen zu einem Gottesdienst zu kommen. Auf der anderen Seite möchten wir das mit größtmöglicher Sicherheit gestalten, damit dort keine Übertragung stattfindet. Dafür haben wir ein Tableau entworfen, damit es an den drei Tagen sehr viele Gottesdienste gibt und gerade in den kleineren Kirchen unter der Prämisse 2G gefeiert wird, damit ein paar mehr Menschen kommen können. Dennoch machen wir die Kirchen nicht rappelvoll, halten die Abstände ein, und natürlich ist auch die Maskenpflicht zu beachten. In die großen Kirchen kann man auch dann kommen, wenn man nicht unter 2G fällt. Damit hoffen wir, einen guten Kompromiss gefunden zu haben.

Alle Interviews der Woche

Römelt: Auch bei uns hat das Presbyterium lange hin und her überlegt. Nun werden wir am Heiligen Abend sieben Gottesdienst-Angebote unter 3G mit durchgehender Maskenpflicht machen. Mit 80 Menschen in der Dorper Kirche und 65 in und um die Arche ist die Personenzahl bei uns allerdings deutlich kleiner festgelegt. Deshalb werden leider nicht ganz so viele Menschen in der Kirche Platz finden. Wenn bei drei Gottesdiensten in der Dorper Kirche mehr als 80 Menschen kommen, werden wir nach draußen gehen. Die Nachmittagsgottesdienste in der Arche finden ohnehin im Freien im Forum der Arche statt, die Spätgottesdienste dagegen drinnen. Dann haben wir noch jeweils einen Gottesdienst am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag, für die man sich anmelden muss. Darüber hinaus werden wir einen Online-Gottesdienst aufnehmen, der Heiligabend ab 16 Uhr geschaltet wird. Alle, die keinen Platz bekommen, können sich dann wenigstens auf Youtube einen Gottesdienst aus der Dorper Kirche anschauen. Die Möglichkeit des Streamens ist ein großer Segen. Wir sind sehr dankbar dafür.

Welchen Hintergrund haben die verschiedenen Regelungen in den Gottesdiensten?

Mohr: Bei uns gilt in allen kleineren Kirchen 2G. So wollen wir wenigstens ein paar Menschen mehr die Gelegenheit bieten zu kommen. In den großen Kirchen gelten keine Zugangsbedingungen, weil wir hier genügend Raum haben, um mit vielen Menschen mit Abstand und Maske zu feiern.

Römelt: Wir setzen schon seit längerer Zeit auf 3G. Denn wir möchten möglichst vielen Menschen den Zugang zum Gottesdienst ermöglichen – allerdings mit ständiger Maskenpflicht. In den Kreisen und Chören sieht es allerdings anders aus, dort gilt derzeit sogar 2G plus. Das ist der aktuelle Stand der Dinge. Wie das Presbyterium sich aber im Januar entscheiden wird, wenn sich die Lage durch Omikron möglicherweise weiter verschlimmern sollte, steht jetzt noch nicht fest.

Seit fast zwei Jahren belastet Corona die Menschen sehr. Erleben Sie dadurch eine Rückbesinnung auf Religion?

Römelt: Da passiert sehr Unterschiedliches. Wir merken in den Kreisen, dass manche Menschen sehr deutlich ihre Sehnsucht nach christlicher Gemeinschaft spüren. Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die festgestellt haben, dass sie den Gottesdienst am Sonntag und kirchliche Veranstaltungen allgemein nicht unbedingt vermissen.

Mohr: Durch Corona haben sich viele Menschen bewusster entschieden. Entweder dafür, sehr gezielt die Gottesdienste in den christlichen Kirchen mitzufeiern, oder sie stellen für sich fest, dass sie es in ihrem Leben nicht brauchen. Was ich sehr bedauere.

Wie kann man sich trotz der turbulenten Zeiten in Weihnachtsstimmung bringen?

Römelt: Mir helfen da immer ganz schlichte, alte Dinge: eine Kerze anzünden, ein heißes Getränk im Becher haben und mir einen guten Text vornehmen. Bei mir ist das in der Regel die Bibel, aber das kann natürlich auch etwas anderes sein. Wir brauchen gerade ganz viel Stärkung für die Seele. Die Menschen haben Schürfwunden von dieser Zeit davongetragen – umso mehr brauchen wir gerade alles, was der Seele guttut. Gute Worte und gute Musik können da sehr hilfreich sein.

Mohr: Da kann ich mich nur anschließen. Ich merke bei mir selbst, dass ich nach zwei Jahren Pandemie in manchen Situationen dünnhäutiger geworden bin. So wie mir, geht es da wahrscheinlich den meisten Menschen. Auch wenn es viel zu erledigen gibt, liegt die Kunst darin, sich ganz bewusst Zeit zu nehmen, und wenn es nur ein paar Minuten sind.

Was wünschen Sie den Menschen zu Weihnachten?

Römelt: Ich wünsche mir, dass wir sprachlich abrüsten und überall wieder zueinander finden, wo zum Beispiel in Familien und Freundeskreis Gräben entstanden sind. Es wird nicht leicht, diese zu überwinden. Und es wird dauern. Aber genau daran müssen wir jetzt arbeiten und nachsichtig, geduldig und barmherzig mit uns selbst sein. Wir sind alle durch diese Krise verletzt worden. Das steckt man nicht mal eben so weg. Ich würde den Menschen vor allem sagen: Geht jetzt gut mit Euch um! Habt euch selbst lieb – so wie Ihr jetzt seid. Denn es gibt da einen, der das längst schon tut.

Mohr: Wir sollten einander wieder mehr zuhören. Denn wir können die Gräben überspringen, indem wir im ersten Schritt aufeinander hören und dann miteinander ins Gespräch kommen. Ich wünsche mir, dass uns das Zuhören besser gelingt.

Zur Person

Michael Mohr: Der Solinger Stadtdechant ist als Leitender Pfarrer für die katholischen Pfarreien St. Clemens und St. Johannes der Täufer verantwortlich.

Jo Römelt: Der Solinger Pfarrer betreut die evangelische Kirchengemeinde Dorp.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Impfpflicht-Gegner liefern sich in Solingen Katz-und-Maus-Spiel mit Polizei
Impfpflicht-Gegner liefern sich in Solingen Katz-und-Maus-Spiel mit Polizei
Impfpflicht-Gegner liefern sich in Solingen Katz-und-Maus-Spiel mit Polizei
Mitte, Ohligs und Wald sind Hitzeinseln
Mitte, Ohligs und Wald sind Hitzeinseln
Mitte, Ohligs und Wald sind Hitzeinseln
Triage: Kliniken in Solingen bereiteten sich früh vor
Triage: Kliniken in Solingen bereiteten sich früh vor
Triage: Kliniken in Solingen bereiteten sich früh vor
Johnson-Geimpfte verlieren Status 2G plus
Johnson-Geimpfte verlieren Status 2G plus
Johnson-Geimpfte verlieren Status 2G plus

Kommentare